28. Juni 2005 Durch Firmenpleiten werden in Deutschland nach wie vor Hunderttausende von Arbeitsplätzen im Jahr vernichtet. Gleichzeitig versuchen immer mehr Privatpersonen, mit einem Insolvenzverfahren aus dem Teufelskreis der Verschuldung zu kommen.
Auch wenn die Zahl der Unternehmensinsolvenzen inzwischen rückläufig sei, könne von einer Aufhellung in der Pleiteszenerie keine Rede sein, sagte Helmut Rödl, Vorstandsmitglied der Creditreform Wirtschafts- und Konjunkturforschung am Dienstag bei der Vorlage der Pleitezahlen für das erste Halbjahr 2005.
Für dieses Jahr rechnet der Verband mit 38.000 Firmenpleiten und 92.000 Privatinsolvenzen. Insgesamt dürften sie einen Schaden von mehr als 30 Milliarden Euro verursachen. Allein die Arbeitsplatzverluste bezifferte Rödl auf 550.000 bis 580.000. Dem stünden etwa 250 000 neue Stellen durch Firmenneugründungen gegenüber. Im den ersten sechs Monaten dieses Jahres seien durch die Pleitewelle Verluste von insgesamt 18,8 Milliarden Euro aufgelaufen.
Gang zum Gericht vereinfacht
Bedingt durch die abnehmende Zahl von Firmenpleiten verringerten sie sich gegenüber dem Vorjahreszeitraum allerdings um knapp 4 Milliarden Euro. Insgesamt hatten bis Ende Juni 18.700 Unternehmer (minus 6,2 Prozent) und 29.200 Privatpersonen (plus 33,5 Prozent) Zahlungsunfähigkeit angemeldet. Dabei war das Baugewerbe relativ gesehen über alle Branchen hinweg am stärksten betroffen, obwohl die Zahlen nach vielen Jahren zum ersten Mal rückläufig waren.
Das starke Anziehen der Privatinsolvenzen führte Rödl unter anderem auf die Stundungslösung im Insolvenzrecht und auf die jüngste Rechtsprechung zurück. Danach muß ein Unterhaltsschuldner zur Sicherung seiner minderjährigen Kinder eine Privatinsolvenz einleiten. Gleichzeitig sei mit der Reform des Insolvenzverfahrens, der Stundungslösung, für Privatpersonen der Gang zum Gericht vereinfacht worden. Für ein solches Verfahren fallen im Schnitt Kosten in Höhe von 2000 Euro an.
Die veröffentlichten Insolenzzahlen seien nur die Spitze eines Eisbergs, sagte Rödl weiter. Mehr als drei Millionen Haushalt in Deutschland seien überschuldet und monatlich kämen 140 000 Eintragungen in die Schuldenregister. Der Markt für Konsumentenkredite, die nicht mehr vollständig bedient werden können, soll sich auf 30 Milliarden Euro belaufen.
Auslöser Nummer eins immer noch die Arbeitslosigkeit
Auslöser Nummer eins für die private Überschuldung ist immer noch die Arbeitslosigkeit, sagte Birgit Höltgen, Finanz- und Insolvenzexpertin der NRW-Verbraucherzentrale in einem dpa-Gespräch. Als weitere Gründe nannte die Creditreform die massive Werbung von Banken, die den Privatkunden wiederentdeckt hätten. Gleichzeitig lasse aber die finanzielle Allgemeinbildung weiter Teile der Bevölkerung und damit deren Finanzplanung zu wünschen übrig.
Bei Unternehmen gelte nach wie vor die schwache Ausstattung mit Eigenkapital als Hauptgrund für eine Insolvenz. Hinzu komme die zum Teil schlechte Zahlungsmoral der Kundschaft, auch bei der öffentlichen Hand. Für Kleinunternehmer heiße das Schlüsselwort Finanzierung, um sich vor einer Insolvenz zu schützen, sagte Rödl.
Text: FAZ.NET mit Material von dpa, Reuters
Bildmaterial: dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb
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