Von Werner Sturbeck
27. April 2007 Die Börsenpläne des RAG-Vorstandsvorsitzenden Werner Müller für die Energie- und Chemieunternehmen des Essener Steinkohlenkonzerns stehen vor dem Scheitern. Nach Informationen dieser Zeitung wird die Zerschlagung der RAG und somit der Einzelverkauf von Tochtergesellschaften wie dem Chemiekonzern Degussa und dem Stromproduzenten Steag nicht nur geprüft, sondern von der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen auch befürwortet - wenngleich sie dies offiziell dementiert.
Durch verschiedene Gutachten ist bisher festgestellt worden, dass die Finanzierung des im Februar beschlossenen Auslaufmodells für den subventionierten Steinkohlenbergbau durch einen Börsengang als unter Risiko- und Erlösaspekten vorteilhafteste Lösung angestrebt werden soll. Bei der Kohlerunde in dieser Woche ist aber eine neue Prüfung über den Verkauf der RAG-Beteiligungen angeordnet worden. Wie es aus Teilnehmerkreisen hieß, soll diese Analyse die Verwertung zwar vorrangig als Konglomerat berücksichtigen. Es soll aber auch die Ernsthaftigkeit von Einzelangeboten geprüft werden. Damit hat der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) schon mehr als eine Hintertür für einen Einzelverkauf öffnen lassen.
Anhaltendes Interesse von Lanxess
Der Hintergrund für die Überlegungen ist das Interesse des Basischemiekonzerns Lanxess an Degussa. Lanxess-Sprecher Christoph Sieder bestätigte am Freitag auf Anfrage, sein Unternehmen habe in diesem Monat noch einmal alle entscheidenden Personen in der Kohlefrage über die finanzielle und geschäftliche Bedeutung eines Zusammenschlusses der beiden Chemiekonzerne informiert. Zu Spekulationen, hinter dem Lanxess-Übernahmekonzept stünden die Investmentbank Goldman Sachs und KKR, sagte Sieder, das Unternehmen habe niemanden beauftragt.
Bei Lanxess wird allein der Degussa-Wert nach Abzug der Schulden auf 4 bis 6 Milliarden Euro veranschlagt. Für den Börsengang einschließlich Steag und Immobilen wird bisher ein Erlös von nur rund 5 Milliarden Euro veranschlagt. Aus Kreisen der Düsseldorfer Landesregierung wird bestätigt, dass Rüttgers an einem solchen Kaufangebot sehr interessiert ist. Rüttgers will Müller als Vorsitzenden der Stiftung verhindern, die Lasten der öffentlichen Hand nach Einstellung der heimischen Steinkohleförderung übernehmen soll (F.A.Z. vom 27. April).
Müller von Großaktionären angegriffen
Der ehemalige Wirtschaftsminister wird unterdessen auch von Großaktionären angegriffen. Wie in RAG-Aufsichtskreisen zu hören ist, soll sich eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung der RAG mit dem Verkauf der Beteiligung Saar Ferngas an die luxemburgische Arcelor befassen. Diese Initiative geht vom Essener Energiekonzern RWE aus, der mit Eon und Thyssen-Krupp den Kreis der drei größten Aktionäre bildet und lange selbst auf die Saar Ferngas-Beteiligung setzte. RWE bemühte sich mehr als ein Jahr, diesen Regionalversorger für fast 400 Millionen Euro zu übernehmen. Das Bundeskartellamt hat diesen Kauf der Mehrheitsbeteiligung aber nach einer Abmahnung im Dezember dann im Februar untersagt. Pikanterweise hatte RWE-Chef Harry Roels noch auf der Bilanzpressekonferenz am 23. Februar den nahenden Kauf angekündigt, obwohl das Bundeskartellamt zwei Tage zuvor in einem Schreiben die Bedenken gegen diese Transaktion bekräftigt hatte.
Wenige Wochen später verständigte sich die RAG mit Arcelor über den Verkauf zu den gleichen Konditionen. Anfang April hatten sich die RWE-Vorstandsmitglieder Berthold Bohnekamp und Jan Zilius schriftlich bei Eon-Chef Wulf Bernotat darüber beschwert, Müller habe den RAG-Aufsichtsrat zumindest missverständlich über seine Absichten zum Verkauf der Saar Ferngas-Beteiligung an den Stahlkonzern Arcelor informiert und für diese Transaktion auch nicht die erforderliche Zustimmung des Aufsichtsrates eingeholt. Als RAG-Aufsichtsratsvorsitzender hat Bernotat nach einem Schriftwechsel mit Müller eine außerordentliche Aufsichtsratssitzung der RAG angeordnet. Bis zu diesem noch nicht benannten Termin sollen die Vorwürfe extern geprüft werden. Wir begrüßen, dass es eine außerordentliche Aufsichtratssitzung geben wird, weil uns das die Chance gibt, den Sachverhalt aus Sicht des RAG-Vorstandes erneut und sehr präzise darzulegen, erklärte eine RAG-Sprecherin.
RWE könnte das Börsenkonzept in Wanken bringen
Das Verhältnis zu den Großaktionären ist für Müller brisant. Die Durchführbarkeit des Modells zum Kohleausstieg hängt davon ab, dass die vier Aktionäre Eon, RWE, Thyssen Krupp und Arcelor ihre RAG-Aktien der geplanten Stiftung zu einem symbolischen Kaufpreis von 1 Euro zur Verfügung stellen. Nur der luxemburgische Stahlkonzern hatte sich dagegen lange gesperrt, bis er im März nach Vereinbarung zur Übernahme der Saar Ferngas diesem symbolischen Akt zustimmte.
Beobachter sehen nun aber die Gefahr, dass die RWE das Börsenkonzept durch ein attraktives Angebot für die Steag ins Wanken bringen könnte. Jedoch erklärte ein RWE-Sprecher am Freitag, sein Unternehmen begleite weiterhin das Modell eines Börsengangs für den kompletten Beteiligungskonzern.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, dpa, Frank Röth - F.A.Z.
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