Handelsbilanz

China strebt Ausgleich mit Amerika an

Von Stephan Finsterbusch, Tokio

Die Präsidenten Bush und Hu wollen sich wirtschaftlich näher kommen

Die Präsidenten Bush und Hu wollen sich wirtschaftlich näher kommen

20. November 2005 China strebt eine engere Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten an. Staats- und Parteichef Hu Jintao sicherte dem amerikanischen Präsidenten George Bush am Wochenende zu, daß Peking seinen milliardenschweren Überschuß im Amerika-Handel verringern, die Währungspolitik weiter reformieren und westliche Patentrechte strenger als bislang beachten werde.

„Verwerfungen und Probleme, die aus der raschen Entwicklung des beiderseitigen Handels entspringen könnten, sind gemeinsam anzugehen“, ließ er sich zitieren. Ziel sei es, „ein gesundes Gleichgewicht im Handel zwischen China und den Vereinigten Staaten zu erreichen“. Details zu den einzelnen Schritten nannte er nicht.

Einfuhrbeschränkungen aus China gefordert

Asiens zweitgrößte Volkswirtschaft könnte in diesem Jahr einen Überschuß im Amerika-Handel von bis zu 200 Milliarden Dollar verbuchen. Im vergangenen Jahr betrug der Überschuß 161 Milliarden Dollar, im Jahr zuvor 124 Milliarden Dollar. Diese Steigerungsraten setzten Bush in den Vereinigten Staaten unter Druck.

Während er sich mit Hu am Samstag auf dem Gipfeltreffen der 21 Staats- und Regierungschefs der Asiatisch-Pazifischen Wirtschaftskooperation (Apec) für eine rasche Liberalisierung des Welthandels aussprach und dann nach Peking weiterflog, werden in Washington nun wieder jene Stimmen lauter, die Beschränkungen der Einfuhren von Produkten aus China fordern.

Die amerikanischen Senatoren Charles Schumer und Lindsey Graham drohen seit Monaten Gesetzesnovellen an, die Waren aus China mit Einfuhrzöllen von bis zu 27 Prozent belegen sollen. Damit wollen sie nicht zuletzt Arbeitsplätze in der amerikanischen Industrie schützen.

Weitere währungspolitische Schritte

Die Stellen im verarbeitenden Gewerbe verringerten sich dem Washingtoner Arbeitsministerium zufolge in den zurückliegenden fünf Jahren um mehr als 25 Prozent auf 14 Millionen. Unternehmen wie General Motors, General Electric oder IBM verlagerten viele Arbeitsplätze nach China. In Amerikas Industrie kostet eine Stunde Arbeit durchschnittlich 23 Dollar. Im Reich der Mitte beträgt der vorgeschriebene Mindestlohn je nach Region 60 bis 75 Dollar im Monat.

Um das riesige Defizit im China-Handel zu senken, fordert Präsident Bush die Regierung in Peking zu weiterführenden Schritten in der Währungs- und Wechselkurspolitik auf. China hatte im Juli die elf Jahre alte Bindung seiner Währung an den Dollar aufgehoben, den Renminbi um zwei Prozent aufgewertet und an einen Korb von zehn verschiedenen Währungen gekoppelt.

Regierung will Chinas Wohlstand mehren

Darunter sind der Dollar, der Euro, der japanische Yen und der koreanische Won. Einzelheiten zur genauen Zusammensetzung des Währungskorbs sind bislang nicht bekannt. Das neue Wechselkursregime Pekings sieht vor, daß der Preis des Renminbi täglich um bis zu 0,3 Prozent gegenüber dem Dollar schwanken kann. Amerika reicht das nicht. Es verlangt eine Vergrößerung dieser Bandbreite sowie klare Ziel- und Zeitvorgaben für die völlige Freigabe des Renminbi.

Die chinesische Regierung ist aber vorsichtig. Sie verweist darauf, daß China wirtschaftlich noch nicht soweit sei, die Kontrolle über die eigene Währung aufzugeben. Auf dem Apec-Gipfeltreffen vergangene Woche hatte Hu erklärt: „Wir sind das größte Entwicklungsland der Welt. Unsere Bevölkerungszahl ist riesig, unsere ökonomische Basis schwach, und unsere Aussichten sind unsicher“.

Chinas Regierung ziele primär auf eine rasche Mehrung des eigenen Wohlstandes, nicht auf einen Handelsüberschuß mit den westlichen Industrienationen. In diesem Zusammenhang kündigte Peking am Wochenende an, 70 Flugzeuge des amerikanischen Herstellers Boeing zu kaufen. Damit sollen verschiedene Fluggesellschaften des Landes aufgerüstet werden.

Investitionen in China

Ausländische Unternehmen haben in China seit Anfang der neunziger Jahre 745 Milliarden Dollar investiert. Sie betreiben dort eine halbe Million Betriebe. Die Investoren stammen vor allem aus Europa, Amerika, Japan und Korea. Sie haben seit 1990 Gewinne im Wert von 250 Milliarden Dollar aus dem Reich der Mitte in die Heimat zurückgeführt. Allein im vergangenen Jahr belief sich der Export der in China produzierenden ausländischen Unternehmen auf 338 Milliarden Dollar oder 57 Prozent des Gesamtexports des Landes.

Text: F.A.Z., 21.11.2005
Bildmaterial: AP

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