24. Februar 2008 Am Anfang klang alles ganz einfach: Mehr Biosprit wird von 2009 an dem Benzin beigemischt. Nämlich nicht nur fünf Prozent wie jetzt, sondern zehn Prozent. Das soll gut für die Umwelt sein. Genau das ist zwar mittlerweile umstritten, doch es klang für viele Verbraucher zunächst gut. Die Biospritquote soll nebenbei den Absatz der Biotreibstoffe ankurbeln. Das kann die Branche gut gebrauchen, also unterstützten viele das auch. Ansonsten würden die Fahrer von dem neuen Mischungsverhältnis rein gar nichts mitbekommen. Jedenfalls die meisten von ihnen. Sie würden einfach den neuen Sprit tanken - und gut.
Doch diese Idee ist alles andere als gut. Wenn 2009 tatsächlich der Bio-Ethanolgehalt im Benzin weiter erhöht wird, weil das Gesetz es so will, haben Millionen von Autofahrern ein Problem: Denn während die meisten Wagen zwar den jetzigen Treibstoff mit fünf Prozent Bioanteil schlucken, vertragen viele den hochprozentigeren E10- Sprit nicht. Das liegt am höheren Alkoholgehalt, erklärt ADAC-Sprecher Maximilian Maurer, er macht den Treibstoff aggressiver. Dadurch greift er bestimmte Stoffe wie Aluminium, Dichtungen oder Schläuche an. Der bisherige E5-Sprit hat bei weitem nicht solche Auswirkungen.
Es trifft nicht nur die alten Gurken, wie man meinen könnte. Selbst aktuelle Modelle von Audi, Mercedes, Volkswagen oder Opel müssten vor dem Ökosprit kapitulieren, räumen die Hersteller ein. Autokonzerne wie Renault haben sogar erst Mitte dieses Jahres die ersten E10-tauglichen Modelle im Programm.
3,50 Euro mehr pro Tankfüllung
Für die Autofahrer, deren Wagen nicht für den Biosprit ausgelegt sind, heißt das: Sie müssen auf ein anderes Auto umsteigen oder Super Plus tanken, dem kein Biosprit beigemischt ist. Doch das kostet im Schnitt sieben Cent mehr je Liter als Super. Das macht etwa 3,50 Euro mehr pro Tankfüllung, je nach Fahrleistung bis zu 200 Euro mehr pro Jahr.
Welche Autofahrer es treffen wird, ist noch nicht klar. Eine Behörde, die entsprechende Daten erheben würde, gibt es nicht. Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) kann dazu nichts sagen, weil es zwar die Zahl der angemeldeten Autos und die Daten der Kraftfahrzeugscheine erfasst, für alles andere aber auf die Angaben der Hersteller angewiesen ist, erklärt KBA-Sprecher Stephan Immen. Noch wissen aber nicht einmal die Automobilbauer selbst, welche Pkw-Modelle den neuen Kraftstoff nicht vertragen. Geschweige denn, wie viele solcher Modelle momentan auf deutschen Straßen unterwegs sind.
Das Problem ist: Ob ein Auto den aggressiveren Sprit tanken kann, zeigt sich erst in Langzeittests nach ein paar tausend Kilometern. Solche Tests sind aufwendig und scheitern oft daran, dass die Hersteller viele Modelle älterer Baureihen gar nicht mehr auf Lager haben, um sie zu testen. Das finden Branchenexperten zwar verständlich, aber ärgerlich ist es trotzdem. Bis Ende März, so hat die Bundesregierung den Herstellern deshalb aufgetragen, sollen sie Klarheit schaffen und alle Modelle prüfen.
Bisher gingen alle Beteiligten von falschen Zahlen aus
Fest steht nur: Bisher gingen alle Beteiligten von falschen Zahlen aus. Als über das Gesetz verhandelt wurde, legte der Verband der Automobilindustrie (VDA) Statistiken auf den Tisch, in denen es hieß, es gäbe höchstens 375.000 Autos in Deutschland, die das neue Benzin nicht vertrügen. Das sei ein Prozent aller aktuell in Deutschland angemeldeten Wagen. Das Bundesumweltministerium beschloss daraufhin, das Gesetz könne in Kraft treten. Völlig außen vor blieb dabei, dass der Verband nur Angaben über deutsche Autos machen kann. Nicht aber über die zehn Millionen ausländischen Wagen, die laut Kraftfahrtbundesamt auf den Straßen rollen.
Inzwischen ist klar, dass die Autobranche viel zu tief gegriffen hat. Der ADAC korrigiert: Wir hatten schon im November den Verdacht, dass es in Wahrheit Millionen Fahrzeuge sein könnten - und fühlen uns bestätigt. Mittlerweile haben wir mehr als zwei Millionen Autos festgestellt, die nicht mit E10 werden fahren können. Und die Zahl wächst noch. Denn zu acht Millionen weiteren Benzinern kann noch niemand eine Aussage treffen. Im schlimmsten Fall, so rechnet Maurer vor, könnten es also etliche Millionen sein, die von 2009 an mit Super Plus betankt werden müssen.
Der Verband VDA will vor März keine neue Zahl nennen, weil er findet, "dass Wasserstandsmeldungen momentan wenig sinnvoll sind". Für Umweltminister Sigmar Gabriel wären sie das sehr wohl. Er räumte jüngst ein, dass er vielleicht noch einmal über die Beimischungsquote nachdenken werde, wenn mehr als ein paar tausend Autos betroffen wären.
Handwerkliche Fehler
Grund genug hätte er, denn zum Biospritproblem hat es nur kommen können, weil die Regierung einen weiteren handwerklichen Fehler machte: Sie kündigte den Autofahrern und Herstellern zwar an, dass der E10-Sprit kommt. Sie sagte aber nicht, dass sie mit dessen Einführung das normale Superbenzin ersatzlos streichen würde.
Autofahrer können nur abwarten. Denn umrüsten, sagen Experten, lohnt sich bei untauglichen Autos nicht. Das würde einige hundert, wenn nicht gar tausend Euro kosten. Da ist es billiger, einfach auf Super Plus abzufahren.
Gewusst wie: Fahren trotz Biosprit
1. Auf Super Plus umsteigen: Ende März müssen alle Hersteller sagen, welche Autos den Biosprit schlucken. Machen sie keine Angabe, verträgt das Auto den E10-Treibstoff mit 10 Prozent Bioanteil vermutlich nicht. Es sollte dann mit Super Plus fahren. Das gilt sowieso, wenn die Bedienungsanleitung das ausdrücklich vorsieht.
2. Neues Auto kaufen: Wer über den Kauf eines Neuwagens nachdenkt, sollte sich vom Händler schriftlich zusichern lassen, dass der Wagen E10-tauglich ist.
3. Auf Diesel umsteigen: Ist nicht umweltfreundlicher, schont aber vielleicht das Portemonnaie.
4. Umrüsten ist "theoretisch technisch möglich", das lohnt sich aber wegen der hohen Kosten eher nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 24.02.2008, Nr. 8 / Seite 49
Bildmaterial: ASSOCIATED PRESS, F.A.Z.
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