09. Juli 2008 Immer mehr Deutsche sorgen sich wegen der rasant steigenden Lebenshaltungskosten um ihre Kaufkraft. Auch die Angst vor einem Abrutschen in die Armut habe trotz der stark sinkenden Arbeitslosigkeit spürbar zugenommen, teilte die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) am Mittwoch zu ihrer Umfrage unter 2000 Verbrauchern mit. Für 37 Prozent stellt die Preisentwicklung das größte Problem der Bundesrepublik dar. 2007 hatten dies nur 18 Prozent so gesehen.
Die explodierenden Energie- und Lebensmittelpreise seien für diese Entwicklung verantwortlich. Das verunsichert die Bürger sehr, sagte GfK-Vorstandschef Klaus Wübbenhorst. Die Inflationsrate war im Juni mit 3,3 Prozent so hoch ausgefallen wie seit fast 15 Jahren nicht mehr.
Fernsehen schürt Inflationsängste
Aber auch das Fernsehen ist einer neuen Studie zufolge mitverantwortlich für die aufgeflammten Ängste: Wissenschaftler der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich haben festgestellt, dass insbesondere das Fernsehen in Deutschland Inflationsängste vielfach über Gebühr schürt. Beim Wechsel von der D-Mark zum Euro-Bargeld sorgten zudem auch Zeitungen und Zeitschriften dafür, dass die neue Einheitswährung rasch ihren Ruf als Teuro weghatte, berichten die Forscher.
Die Wissenschaftler von der Zürcher Konjunkturforschungsstelle (KOF) gehen von der These aus, dass sich die Verbraucher insbesondere über die Medien ein Bild von der zu erwartenden Teuerung machen statt ständig trockene Statistiken zu wälzen. Das Fernsehen hat aber nur wenig Zeit für Berichte über die Inflation zur Verfügung - das sind oft nur Sekunden, sagt Ko-Autorin Sarah Lein. Die Konzentration auf spektakuläre, negative Nachrichten wie etwa Ölpreisrekorde führe so zu Übertreibungen und letztlich zu einem schiefen Bild beim Zuschauer. Wer sich hingegen über Zeitungen mit Wirtschaftsteil informiert, liege mit seinen Inflationserwartungen näher an rationalen Schätzungen, wie sie die Forschungsinstitute bieten. Aber auch die Presse schießt zuweilen bei ihren Berichten über Inflationsgefahren über das Ziel hinaus, wie die Forscher herausfanden. So auch im Jahr 2002, als nach Einführung der Euro-Bargeldes schnell der Begriff Teuro durch die Gazetten geisterte.
Mittelstand wegen Abstiegssorgen beunruhigt
Nach der neuen GfK-Studie bleibt die Preisentwicklung auf der Sorgenliste der Deutschen auf Rang zwei hinter dem Dauerbrenner Arbeitslosigkeit und noch vor dem Thema Rente und Altersvorsorge. Vor Armut fürchtet sich inzwischen jeder Zehnte: Die Zahl der beunruhigten Bürger hat sich damit binnen eines Jahres mehr als verdreifacht. Das ist der zweite Aufsteiger in der Sorgenliste nach den Preisen, sagte Wübbenhorst. Vor allem gehobenere Schichten hätten Angst vor dem sozialen Abstieg. Abstiegssorgen seien für immer mehr Menschen - insbesondere im Mittelstand - inzwischen ein drängendes Problem, sagte der GfK-Chef.
Deutlich entspannt habe sich im Zuge des jüngsten Wirtschaftsaufschwungs bei den Deutschen indes die Angst vor Arbeitslosigkeit. Sie bleibe zwar die Hauptsorge bei mehr als der Hälfte der Befragten, doch so niedrig sei der Anteil zuletzt vor 16 Jahren gewesen: Nur noch 53 Prozent der Befragten sehen in der Sorge vor einem Arbeitsplatzverlust das größte Problem des Landes. Vor zwei Jahren waren es noch 80 Prozent. Seither hat sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt deutlich entspannt: Im Juni fiel die Zahl der Erwerbslosen erstmals seit gut 15 Jahren unter die Marke von 3,2 Millionen. Das hellt die Stimmung der Deutschen auf, sagte Wübbenhorst.
Rente und Altersvorsorge gewinnt an Bedeutung
An Bedeutung gewonnen hat auch das Thema Rente und Altersvorsorge. 23 Prozent sehen darin das wichtigste Problem. Vor einem Jahr waren es nur 18 Prozent. Immer wichtiger wird die Bildungspolitik, die in der Sorgenliste mit 17 Prozent noch vor der sozialen Sicherung, Kriminalität (jeweils 13 Prozent), Umweltschutz und Gesundheitswesen (jeweils 12 Prozent) rangiert.
Das Top-Thema Arbeitsplatzverlust beschäftigt vor allem die Ostdeutschen. Dies kann durch die dauerhaft höhere Arbeitslosenquote in den neuen Bundesländern erklärt werden, hieß es. Im Osten ist die Arbeitslosenquote mit 12,7 Prozent mehr als doppelt so hoch wie im Westen. Deshalb zeigten sich dort 63 Prozent beunruhigt über den Arbeitsmarkt, im Westen dagegen nur jeder Zweite.
Eine bedeutende Rolle nimmt auch der Umweltschutz in der Wahrnehmung der Bürger ein. Zwar seien die Bedenken von 16 Prozent im vergangenen Jahr auf aktuell 12 Prozent zurückgegangen, berichtet die GfK aus ihrer Umfrage, doch das Niveau sei nach wie vor sehr hoch. Im letzten Jahr hatte sich die Sorge um die Umweilt durch die Veröffentlichung des Weltklimaberichts und die öffentliche Diskussion verdreifacht.

Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa, GfK
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