„Cholerisches Rumpelstilzchen“

Heftige Attacken: Mehdorn zum Rücktritt aufgefordert

16. Januar 2008 Bahnchef Hartmut Mehdorn ist am Mittwoch wegen seiner Sparpläne heftig unter Beschuss geraten, wobei aus mehreren Parteien Forderungen nach seinem Rücktritt laut wurden. Kritiker bezeichneten den Bahnchef als „cholerisches Rumpelstilzchen“, der die Bahnkunden vor den Kopf stoße und sich mit den Arbeitnehmern anlege. Die Regierung stellte sich trotz Kritik an den Plänen des Bahnchefs hinter den Manager: “Herr Mehdorn soll seine erfolgreiche Arbeit fortführen“, sagte eine Sprecherin von Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee.

Mehdorn hatte als Folge des Tarifabschlusses mit den Lokführern mit Entlassungen und höheren Ticketpreisen gedroht. Er bezeichnete die Einigung als „Niederlage, nicht nur für die Bahn, sondern für den Standort Deutschland“. Der Abschluss, der unter anderem elf Prozent Lohnerhöhung vorsieht, gehe weit über das wirtschaftlich vertretbare Maß hinaus, sagte Mehdorn und bezifferte die jährlichen Mehrkosten auf 200 Millionen Euro. Für die kommenden fünf Jahre ergebe sich eine „Belastung in Milliardenhöhe“.

CDU: Mehdorn hantiert mit überhöhten Zahlen

Der Vorsitzende des Verkehrsauschusses im Bundestag, der CDU-Politiker Klaus Lippold, warf ihm vor, mit klar überhöhten Zahlen zu hantieren. „Wenn er es nicht für verantwortbar gehalten hätte, hätte er nicht unterschreiben sollen“, kritisierte Lippold Mehdorns Verhalten nach der Tarifeinigung mit der GDL. Kritik an der Einmischung Tiefensees wies er zurück. Immerhin sei der Bund Eigentümer der Bahn und habe damit sicher gelegentlich ein Mitspracherecht.

Bei SPD und Grünen wurden erste Rufe nach einer Ablösung des Konzernchefs laut. Mehdorn benehme sich wie ein Elefant im Porzellanladen, kritisierte der SPD-Abgeordnete Michael Roth. Der Konzernchef müsse sich fragen lassen, ob er noch tragbar sei. Er forderte Mehdorn auf, sich zum Beschäftigungsbündnis zu bekennen, das betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2010 ausschließt. “Der Bahnchef stößt alle Bahnkunden vor den Kopf und legt sich mit den Arbeitnehmern an. Unprofessioneller geht es nicht“, kritisierte er.

Tiefensee: Kein Verständnis für heftige Reaktion

Auch Verkehrsminister Tiefensee rügte Mehdorn am Mittwoch erneut und verlangte, das Beschäftigungsbündnis zu erhalten. Der Minister sagte, er habe für Mehdorns heftige Reaktion kein Verständnis. Die Deutsche Bahn sei ein wirtschaftlich starkes Unternehmen, das seine Gewinne nicht zuletzt dank seiner Beschäftigten mache. Deshalb solle sich Mehdorn schnellstens mit den Mitarbeitern an einen Tisch setzen.

Grünen-Fraktionschef Fritz Kuhn rief Kanzlerin Angela Merkel auf, Mehdorn abzulösen: “Herr Mehdorn ist fehlfixiert auf den Börsengang, und er agiert wie ein cholerisches Rumpelstilzchen zulasten der Bahnkunden und des Bahnpersonals.“ Auch die Linksfraktion forderte Mehdorns Entlassung.

Mehdorn soll seine erfolgreiche Arbeit fortführen

Von Rücktrittsforderungen wollte die Regierung aber nichts wissen. “Herr Mehdorn soll seine erfolgreiche Arbeit fortführen“, sagte eine Sprecherin von Minister Tiefensee. Regierungssprecher Ulrich Wilhelm vermied eine eigene Stellungnahme und verwies auf Fragen zur
Haltung der gesamten Regierung auf die Aussage der Ministeriumssprecherin.

Rückendeckung erhielt der Konzernchef aus dem Aufsichtsrat. “So ein Konzern ist keine Melkkuh, die im Himmel gespeist wird und an der unten alle ziehen können“, sagte der CDU-Politiker Georg Brunnhuber. Er ist auch Mitglied im Bahn-Aufsichtsrat. Entscheidend werde sein, dass die Bahn trotz steigender Kosten im kommenden Jahr Ausschreibungen im Nahverkehr nicht gegen die private Konkurrenz verliere. Gelassen reagierte der Bundestagsabgeordnete auf den gereizten Ton des Konzernchefs: „Mehdorn hat monatelang Stress gehabt. Man sollte jetzt nicht alles auf die Goldwaage legen.“ In der Sache habe er jedoch Recht.

„Mehrkosten liegen auf der Hand“

Auch der CSU-Vorsitzende und bayerische Finanzminister Erwin Huber verteidigte Mehdorn: „Dass dieser Tarifabschluss zu Mehrkosten bei der Bahn führt, liegt auf der Hand“, sagte Huber. „Ich hoffe, dass die Arbeitsplätze gehalten werden können. Aber ich fürchte, dass wir alle den Preis für diese Tarifvereinbarung zahlen müssen.“

Der FDP-Partei- und Fraktionsvorsitzende Guido Westerwelle forderte Mehdorn dagegen zur Rücknahme seiner Androhungen von Entlassungen und Preiserhöhungen bei der Bahn auf. „Wer selbst einen Vertrag unterschreibt, kann nicht 24 Stunden später von einer dramatischen Schädigung seines Konzerns sprechen“, sagte Westerwelle. „Dies ist ein übles Täuschungsmanöver für die Öffentlichkeit.



Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 5.326,63 -1,12
TecDax 573,04 -5,15
DowJones 9.447,11 -5,11
Nasdaq 1.754,88 -5,80
STOXX 50 2.878,82 +0,22
Nikkei 225 10.155,90 -3,03
S&P 500 Zert. 10,50 -1,78
Euro/Dollar 1,36 +0,81
Bund Future 117,28 +0,26
Gold 886,60 +2,89
Öl 85,76 -1,06
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche