Schattenwirtschaft

Überraschend viele Erwerbslose arbeiten schwarz

Von Christian Geinitz

02. Juni 2007 In einigen Branchen arbeitet einem Modellversuch zufolge annähernd die Hälfte der Arbeitslosen schwarz. Die Regionaldirektion Sachsen-Anhalt-Thüringen der Bundesagentur für Arbeit (BA) hat alle arbeitslosen Bauarbeiter, Verkäufer und Reinigungskräfte zu einer ganzwöchigen Pflichtveranstaltung eingeladen, um ihre Verfügbarkeit zu testen. 47 Prozent der Angeschriebenen hätten die Teilnahme an der sogenannten Vollzeitmaßnahme abgelehnt und sich lieber aus der Arbeitslosigkeit abgemeldet, sagte der Geschäftsführer der Regionaldirektion, Rainer Bomba, dieser Zeitung. „Wohl weil sie die Zeit für die Schwarzarbeit brauchen.“

Mit diesem Schritt nähmen die Arbeitslosen bewusst in Kauf, keine Leistungen mehr zu beziehen, erläuterte Bomba. Das schwarz erarbeitete Geld reiche offenbar aus. Zwar sei es falsch, den Arbeitslosen pauschal illegale Tätigkeiten zu unterstellen. Erstmals könne man aber mit Zahlen belegen, „dass in manchen Branchen ein erheblicher Teil der Arbeitslosen schwarzarbeitet“. Bomba hat das Modell im so genannten Steuerungskreis aller zehn Regionaldirektionen der BA in Nürnberg vorgestellt. Da das Vorgehen zum einen verlässliche Daten zum Ausmaß der Schattenwirtschaft liefere und zum anderen die Sozialkassen entlaste, stoße es auf großes Interesse. Die BA habe daher allen Regionaldirektionen freigestellt, das System auszuprobieren, sagte Bomba.

„Man muss den Schwarzarbeitern die Ressource Zeit nehmen“

Bombas Ansicht nach lässt sich die Schattenwirtschaft mit Kontrollen nur unzulänglich und zu hohen Kosten eindämmen. Man könne nicht für jede Baustelle einen Zollbeamten abstellen oder verlässlich überprüfen, ob „400-Euro-Jobber“ als Verkäufer tatsächlich nur die zulässige Zeit arbeiteten. Besser sei es, den Leistungsempfängern keinen Spielraum für illegale Beschäftigung zu lassen. „Man muss den Schwarzarbeitern die Ressource Zeit nehmen, das ist das Einzige, was hilft“, sagte er. Deshalb habe man zum Beispiel die Reinigungskräfte früh morgens eingeladen, während der Kernzeit für Putzarbeiten.

Die Ergebnisse aus Sachsen-Anhalt und Thüringen sind Experten zufolge die ersten systematisch erhobenen Erkenntnisse zur Schwarzarbeit unter Arbeitslosen. Ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit sagte, bisher habe es keine verlässlichen Daten gegeben. Nach Auskunft der Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Zoll stoßen die Kontrolleure „sehr häufig auf Sozialleistungsmissbrauch“. Genaue Zahlen zur illegalen Tätigkeit von Leistungsempfängern hat man aber auch hier nicht.

Es wird strenger kontrolliert

Das Ausmaß der Schattenwirtschaft ist schwer zu beziffern. Die Schätzungen zum Gesamtvolumen reichten von einem hohen zweistelligen bis zu einem mittleren dreistelligen Milliarden-Euro-Betrag, sagte ein Zoll-Sprecher. Seit Zusammenlegung der entsprechenden Einheiten von BA und Zoll 2004 zur Finanzkontrolle Schwarzarbeit hat die Anzahl der Personenüberprüfungen den Angaben zufolge von 265.000 auf 420.000 zugenommen. Die Menge der abgeschlossenen Ermittlungsverfahren stieg von 57.000 auf 92.000, die Länge aller Freiheitsstrafen wuchs von 470 auf 1120 Jahre, das Volumen der aufgedeckten Schäden legte von 476 auf 604 Millionen Euro zu. Als Branchen mit der höchsten Schwarzarbeit gelten der Bau, das Transportgewerbe, die Reinigungsdienste, die Gastronomie und die Fleischverarbeitung.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 4.801,15 +5,65
TecDax 570,29 +10,36
DowJones 8.451,19 -1,49
Nasdaq 1.649,51 +0,27
STOXX 50 2.555,29 +5,51
Nikkei 225 8.276,43 -9,62
S&P 500 Zert. 9,30 +5,32
Euro/Dollar 1,36 +0,03
Bund Future 114,49 -0,16
Gold 864,80 +2,05
Öl 76,65 -7,49
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche