18. Juni 2007 Warm scheint die Abendsonne in das große, aber bescheiden möblierte Büro- und Wohnzimmer in St. Anselmo auf dem Aventin. Die eindrucksvolle Aussicht vom Balkon über Rom stört indes ein grüner Baukran. "Ich leiste mir einen Kran", lacht Notker Wolf, der Abtprimas der Benediktiner. "Den habe ich mit dem Honorar meines Buches finanziert. Das kommt billiger als die Leasingraten. Nach den Bauarbeiten verkaufen wir ihn wieder." Der oberste Repräsentant der Benediktiner demonstriert sein Unternehmertum. Eigeninitiative predigt Wolf auch den Deutschen in seinem Buch "Worauf warten wir?", für das er an diesem Montag den Wolfram-Engels-Preis der Stiftung Marktwirtschaft erhält.
Die Streitschrift hat dem Benediktiner viel Publizität gebracht, mehr aber noch seine Forderung, man müsse den Regelsatz des Arbeitslosengeldes II von 345 Euro für Alleinstehende kürzen. Im Gespräch stellt Wolf die Aussage in den Zusammenhang. "Die Frage war: ,Was ist, wenn die Arbeitslosen nichts tun wollen?' Ja, dann muss man die 345 Euro noch absenken, damit sie gezwungen werden, etwas zu tun." Solche Worte aus dem Munde eines katholischen Geistlichen sind ungewohnt. Doch ist Wolf kein marktgläubiger Liberaler. Anpacken und Eigenverantwortung lauten seine Stichworte, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten, anstatt nach dem Beistand der Politik zu verlangen. Mehr Mut, sich dem Wettbewerb zu stellen. Der Mensch und seine Moral stehen für den Abtprimas im Mittelpunkt, der Markt ist ihm nur Mittel zum Zweck.
Lasst die Afrikaner sich doch mal abstrampeln
Schnell bringt der fröhliche, bald 67 Jahre alte Benediktiner, der von einem Thema zum nächsten springt, das Gespräch auf Afrika. Es sei ja schön, dass die Staaten der G 8 endlich 60 Milliarden Dollar freisetzen wollten, aber "die Lösung für Afrika besteht darin, dass Afrika sich selbst in die Hand nimmt". Die Entwicklungshilfe untergrabe jeden Stimulus, selbst etwas zu tun. Zugleich aber klagt Wolf, der die Missionsarbeit kennt, über die Sippenwirtschaft der Afrikaner, das fehlende "Gespür für die Wartung von Dingen" und mangelnde Zuverlässigkeit. "Es ist unglaublich schwer, die Leute zu motivieren. Man sorgt für die Leute, das schafft Abhängigkeiten und eine Empfängerhaltung. Lasst die Afrikaner sich doch einfach mal selbst abstrampeln. Nur so können wir die Kräfte vielleicht mobilisieren." Statt nur mehr Geld "hineinzubuttern" plädiert er für einen freien Zugang zum Weltmarkt für Agrargüter und dafür, die Afrikaner als Geschäftspartner ernst zu nehmen. "Soziale Globalisierung bedeutet nicht, dass wir die Leute ewig am Rockschoß haben und wir sie wie kleine Kinder behandeln. Wir müssen sie in die Verantwortung nehmen."
Von Afrika zurück nach Deutschland zieht Wolf Parallelen. "Jeder, der Sozialhilfe empfängt, hat selbst dafür zu sorgen, dass er möglichst bald wieder auf die Beine kommt." Das ist der Aufruf eines Benediktiners, der die Maxime "Bete und arbeite" des Ordensgründers ernst nimmt. "Die Arbeitskultur im Abendland ist durch die Mönche geprägt worden, weil sie von der eigenen Hände Arbeit leben und sich nicht zu gut sein sollen, auch schmutzige Arbeit zu machen. Und das sogar am Sonntag: Wenn einer nicht lesen will, dann soll ihm der Abt eine ordentliche Arbeit in die Hand drücken, damit er nicht müßiggeht", verweist Wolf auf die Regel des heiligen Benedikt. Er verbindet dies mit der Forderung nach einer "moralischen Erziehung zur Selbstverantwortung" in der Familie, der Schule und in der Gesellschaft. "Wir müssen den Menschen auch so viel zumuten, dass sie die Selbstverantwortung wagen. Man muss die Menschen herausfordern."
Ich möchte nicht von oben gegängelt werden
Globalisierung und Wettbewerb sind Wolf nicht Risiko, sondern Chance. Im Wirtschaftspolitischen schwankt er dabei zwischen Kritik an hemmender staatlicher Regelungswut und dem Wunsch nach Staatseingriffen, um Auswüchse einzudämmen. Das Allgemeine Gleichstellungsgesetz kommentiert er knapp: "Ich möchte nicht von oben gegängelt werden." Manche Hedge- und Investmentfonds aber regen ihn auf: "Die kaufen einfach auf, regieren rein, zerschlagen und verkaufen dann wieder. Denen geht es wirklich nur um die absolute Gewinnmaximierung." Wolf plädiert hier für internationale Regeln, weil das "eine einzelne Regierung gar nicht mehr in der Hand hat" - und er verkneift sich bei seinen Vorträgen doch nicht den Hinweis, dass im Saal sicher auch Anleger anwesend seien, die Hedge-Fonds eben zur Profitmaximierung antrieben.
Im Gegensatz zu kompromisslosen Marktliberalen beurteilt Wolf eben nicht alles nur nach Erträgen. Dabei scheint dem Abtprimas, der im Zukunftsforum der FDP mitarbeitet, selbst die Selbstverantwortung des Einzelnen nicht immer allzu weit zu tragen, etwa in der Frage der Sozialversicherungen. Die Risiken der Alters- und Gesundheitsvorsorge "kann man nicht total abwälzen auf den Einzelnen. Es gibt die Leute, die kein Geld zusammenhalten können. Insofern ist es gut, wenn der Staat sagt, da machen wir eine allgemeine Grundversorgung."
Familienpolitik nicht auf Geld reduzieren
Die Familienpolitik kritisiert Wolf, weil immer alles auf das Geld und das Wirtschaftliche reduziert werde. "Wenn ich aus der Presse erfahre, dass mit den Kindertagesstätten die Frauen möglichst rasch wieder in den Arbeitsprozess integriert werden sollen, damit uns keine Arbeitskraft verlorengeht, oder dass die Kinder wirtschaftsfähig gemacht werden sollen, dann kann ich nur sagen: Entschuldigen Sie mal, das lernen die später noch genügend! Ein Kind braucht zunächst Zuwendung, ob in der Kindertagesstätte oder zu Hause." Indirekt trügen die finanziellen Anreize dazu bei, dass Kinder nur noch als Kostenfaktor gesehen würden. Dennoch lobt Wolf die Bemühungen der Regierung, mehr Geld für die Familien zu geben. Ketzerisch aber sagt er: "Mit all den Maßnahmen werden wir nicht mehr Kinder bekommen, weil wir das Leben ja genießen wollen und immer noch ein Stück in der Spaßgesellschaft leben. Kinder zu haben kostet nun mal Opfer."
Wer etwas unternimmt, hat Verantwortung
So denkt der Abtprimas die Wirtschaftswelt vom einzelnen Menschen aus und von dessen Moral. "Es geht nicht um eine Ethik der Wirtschaft, sondern um die Ethik derer, die in der Wirtschaft tätig sind." Seine Kritik richtet sich auch an Unternehmer und Manager. Unmoralisch sei nicht, dass Unternehmen günstig im Ausland produzierten. Unmoralisch aber sei, wenn sie dort unwürdige Arbeitsbedingungen zuließen. "Wer etwas unternimmt oder besitzt, hat eine Verantwortung dafür, was er tut, und eine Mitverantwortung für die anderen." Die Selbstbedienung in vielen Topetagen der Wirtschaft und Gehaltserhöhungen von 30 Prozent bringen Wolf deshalb in Rage. Eine Notwendigkeit für staatliche Eingriffe aber sieht er dabei nicht: "Die moralische Rückbesinnung kann man nicht von oben verordnen. Ich kann nur sagen, Leute, werdet mal wieder vernünftig."
Benediktinischer Föderalismus
Der Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf, wird oft als Oberhaupt des Ordens bezeichnet. Treffender beschreibt Wolf seine Aufgabe als die eines Koordinators, denn die 275 Klöster in der Welt sind dezentral organisiert. Jedes Kloster ist selbständig, auch in Fragen der Finanzen. Der föderale Aufbau des Ordens spiegelt sich in den zwanzig Kongregationen wider, den Klöstergemeinschaften zur gegenseitigen Hilfe. Wir sind kein Konzern, sagt Wolf, der als Abtprimas viel durch die Welt reist, um in Gesprächen vor Ort zu beraten. Wolf leitet zudem das Benediktinerkolleg St. Anselmo auf dem Aventin in Rom. Der Jahreshaushalt von rund 2,2 Millionen Euro speist sich aus Beiträgen der rund 8000 Mönche und 17 000 Nonnen und Schwestern auf der Welt, aus Spenden und aus zwei Stiftungen. Auch zahlen die 400 Studenten mit mehr als 80 Nationalitäten Studiengebühren von 1000 Euro im Jahr und Pensionsgebühren. Wolf wurde im Jahr 2000 zum Abtprimas gewählt; zuvor war er 23 Jahre lang Erzabt der Kongregation St. Ottilien nahe München. In St. Anselmo, das die Benediktiner derzeit in Erbpacht vom Vatikan übernehmen, treibt ihn zurzeit die Renovierung der undichten Dächer um. Im Innenhof lässt der umtriebige Abtprimas nebenbei eine große Aula errichten.
Das Gespräch führten Tobias Piller und Patrick Welter.
Text: F.A.Z., 18.06.2007, Nr. 138 / Seite 13
Bildmaterial: Patrick Welter
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