04. Mai 2004 Ein Wort mögen Johann, Sangül, Jannine und Nicole nicht: das Wort arbeitslos. Sie sind arbeitsuchend, werden sie nicht müde zu betonen. Die vier gehören zu einer Initiative für junge Arbeitsuchende in Nürnberg, die nicht mehr auf Stellenangebote vom Arbeitsamt warten wollen, sondern gemeinsam in die Offensive gehen. In ganz Nürnberg hängen mittlerweile gelb-grüne Plakate, die auf die Aktion "Go4Jobs" der Berufsfortbildungszentren der Bayerischen Wirtschaft (BFZ) und des Arbeitsamtes aufmerksam machen. Auf der selbst gestalteten Internet-Homepage präsentiert sich jeder Teilnehmer mit seinem Lebenslauf. Systematisch wird jeden Tag der Stellenmarkt in den Tageszeitungen und im Internet durchforstet. Und wenn das nicht hilft, macht man sich in kleinen Gruppen in die Gewerbeparks auf, um vor Ort nach Arbeitsplätzen zu fragen. "Direkt hingehen ist besser, dann steht man schon im Betrieb und kann nicht mehr so leicht weggeschickt werden", lautet die Erfahrung.
Die Initiative, die bei einer Laufzeit von drei Monaten vom Arbeitsamt mit 2400 Euro je Teilnehmer bezuschußt wird, hat einigen schon zum Sprung auf den Arbeitsmarkt verholfen. Nach etwa zwei Monaten sind acht Teilnehmer in Beschäftigung, sechs haben einen Praktikumsplatz bekommen. Projektleiter Michael Sommer vom BFZ bezeichnet die Bilanz als Erfolg - schließlich seien einige zuvor bis zu eineinhalb Jahren arbeitslos gewesen. "Es geht darum, auf sich aufmerksam zu machen und eine Öffentlichkeit zu schaffen", erklärt er.
Mit der hitzigen Debatte um Lehrstellenmisere und Ausbildungsabgabe ist die Arbeitslosigkeit Jugendlicher wieder in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt. Nach den Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) registrierten die Arbeitsämter im März knapp 520 000 Erwerbslose im Alter unter 25 Jahren. Dazu kommen noch 600 000 in Maßnahmen, so daß mehr als eine Million junger Menschen keine Arbeit finden. Sie haben entweder keine Ausbildung oder schaffen den Wechsel von der Ausbildung in die Berufstätigkeit nicht. Dies trifft vor allem die Jüngeren im Osten, die außerhalb der Betriebe ausgebildet wurden. Insgesamt geben die Arbeitsämter und die Bundesregierung jedes Jahr mehrere hundert Millionen Euro für den Versuch aus, diese Gruppe in Beschäftigung zu bringen. Der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit hat Priorität, heißt es. Dennoch geht die Erwerbslosenzahl nur langsam zurück.
In Nürnberg sieht man sich dafür nicht in der alleinigen Verantwortung. Etwa 90 000 Jugendliche hätten nicht einmal Hauptschulabschluß, klagt BA-Vorstand Heinrich Alt. 160 000 befänden sich allein in berufsvorbereitenden Maßnahmen der Arbeitsämter. "Wir haben ein strukturelles Problem, wenn Jugendliche auch noch für das niedrigschwellige Ausbildungsangebot eine Vorbereitung brauchen." In der Pflicht stünden daher auch die Länder und Schulen.
Welche Erfahrungen sich hinter den trockenen Zahlenkolonnen der Arbeitsämter verbergen, zeigt sich in der Nürnberger Projektgruppe. Da ist der 20 Jahre alte Johann, der nach einer Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann ein halbes Jahr Unterhaltungselektronik verkauft hat. Als sein Arbeitgeber die Konjunkturschwäche zu spüren bekam, erhielt Johann die Kündigung. Seit dem 1. Januar sucht er jetzt Arbeit - vergebens. "In zwei Monaten gab es ein nur einziges Stellenangebot vom Arbeitsamt". Dabei wäre er auch bereit, auf Autoverkäufer umzusatteln. Ähnlich erging es der 24 Jahre alten Jannine, die ihren Arbeitsplatz als Krankenpflegehelferin in der Psychiatrie nach zwei Jahren verloren hat. Im sozialen Bereich gibt es kaum noch Arbeit, klagt sie. Über die vom Arbeitsamt geförderte Maßnahme hat sie jetzt eine neue Anstellung in einem Altersheim als Pflegekraft gefunden.
Daß ein Schulabschluß allein nicht ausreicht, zeigt das Beispiel der 23 Jahre alten Sangül. Die Türkin wartet mit vier Fremdsprachen in ihrem Lebenslauf auf. Sie hat zwar die mittlere Reife, aber keine weitere Ausbildung. "Die drei Jahre dafür sind Zeitverschwendung. Man kann sich in alles auch so einarbeiten", ist sie überzeugt. Die Schule hatte sie nach der zehnten Klasse verlassen, weil ihre Eltern sie in ihrem Lebensmittelgeschäft gebraucht haben. Danach jobbte sie im Verkauf, zuletzt in einem Möbelhaus. Als das Unternehmen Konkurs anmeldete, bedeutete das den Gang zum Arbeitsamt. Jetzt steckt sie in einem Teufelskreis. Gerne würde sie im Tourismus arbeiten, doch bisher wurden ihr nur einfache Bürotätigkeiten angeboten. "Da lerne ich aber nichts dazu", meint sie resigniert.
Im Gegensatz zu älteren Arbeitslosen sind die Erwartungen der jüngeren hoch gesteckt, sagt Projektleiter Sommer. Entsprechend groß fällt die Enttäuschung aus, wenn die Arbeitsämter nicht weiterhelfen können. "Da wird man einfach nur schlecht behandelt", resümiert die gelernte Friseurin Nicole, die auf Raumausstatterin umsatteln möchte, aber dazu keine Unterstützung erhält. "Die legen einem nur Steine in den Weg." Und sie berichtet von Fehlinformationen, Ablehnungen, spärlichen Angeboten und angedrohten Sperrzeiten. Auch auf die Unternehmen sind die jungen Bewerber nicht gut zu sprechen. "Die Firmen wollen, daß man am besten so jung wie möglich ist und 20 Jahre Berufserfahrung hat", lautet ihr Fazit. "Man kriegt nicht einmal die Chance zu zeigen, was man kann."
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.05.2004, Nr. 104 / Seite 16
Bildmaterial: dpa
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