Energie

Hängepartie für Eon

Von Werner Sturbeck

Wie soll sich Eon in Sachen Endesa verhalten?

Wie soll sich Eon in Sachen Endesa verhalten?

31. Juli 2006 Das Unheil für Eon im Kampf um Endesa bahnte sich schon im Februar an: Seinerzeit erweiterte die spanische Regierung die Kompetenzen der für Eigentümerwechsel zuständigen Energiebehörde CNE auf grenzüberschreitende Transaktionen. Eigentlich darf diese Aufsichtsbehörde nur überprüfen, ob ein Investor für eine Übernahme finanziell stark genug ist und ob unter dessen Führung die Marktversorgung gewährleistet bleibt. In beiden Punkten steht bei Eon als größtem privatwirtschaftlichen Strom- und Gasversorger der Welt ein klares Ja außer Frage.

Aber Ministerpräsident Jose Luis Rodriguez Zapatero machte von der ersten Stunde an Front gegen die Pläne von Eon. Nur kartellrechtlich ist dieser Übernahme des spanischen Strommarktführers nicht beizukommen. Die Geschäftsgebiete von Eon und Endesa überlappen sich kaum. Deshalb hat die Wettbewerbskommission in Brüssel schon im April eine Genehmigung ohne Auflagen erteilt. Und materiell ist der 29 Milliarden Euro schweren Barofferte von Eon aus Spanien kaum Vergleichbares entgegenzusetzen.

Harsche Auflagen keine Überraschung

So war von Anfang an klar, daß die spanische Energieaufsicht auf Eon angesetzt wurde, um deren Markteintritt abzuwehren oder zumindest zu beschränken. Deshalb sind die harschen Auflagen zur gerade erteilten Genehmigung auch keine Überraschung. Aus Kapitalmarktsicht sind solche politischen Widerstände im Grunde unerheblich. Schließlich müssen die Aktionäre entscheiden, ob sie ein Übernahmeangebot für attraktiv halten oder nicht. Außerdem befindet sich ohnehin bereits mehr als die Hälfte aller Endesa-Aktien im Besitz von Ausländern. Die sind naturgemäß an der Wertentwicklung ihrer Anlage, aber nicht am Wohlbefinden spanischer Regierungsmitglieder interessiert.

Freilich ist Endesa mit 37 Prozent Marktanteil an der spanischen Stromversorgung nicht irgendeine Publikumsgesellschaft. Bis zur Liberalisierung 1998 gehörte Strom zu den Gütern der Daseinsvorsorge. Erzeugung und Verkauf von Elektrizität lagen überwiegend bei staatlichen Unternehmen. Auch nach der Marktöffnung wachen die Staaten darüber, daß die Anbieter an den zunehmend privatwirtschaftlich organisierten Energiemärkten auf eine langfristig sichere Versorgung achten.

Liberalisierung der Versorgungsmärkte im Verzug

Der überraschende Vorstoß von Eon hat auch in anderen Staaten hektische Betriebsamkeit ausgelöst. So sollen in Frankreich und Italien starke Landesgesellschaften geschaffen und vor Übernahmen gesichert werden. Würden solche nationalen Champions Schule machen, könnte die Europäische Union ihre Vision von einem einheitlichen Strommarkt begraben.

Bereits die Liberalisierung jedes einzelnen Versorgungsmarktes in der Union ist in Verzug geraten. Und das im zweiten Schritt geplante Zusammenwachsen dieser Märkte kann nur funktionieren, wenn einige wenige paneuropäischen Energiekonzerne transnationale Netze schaffen. Nur wenn es viel mehr grenzüberschreitende Transportkapazität gibt und diese Netze für jeden Händler diskriminierungsfrei offen sind, besteht die Chance auf einen stärkeren Wettbewerb in Europa.

Madrid droht weiteres EU-Verfahren

Deshalb verfolgt Brüssel die Vorgänge um Endesa sehr genau. Seit Mai befaßt sich die Kommission in einem Vertragsverletzungsverfahren gegen Spanien mit der Kompetenzerweiterung der CNE. Nach deren jüngster Entscheidung droht Madrid nun auch noch ein Verfahren wegen des Verstoßes gegen die Wettbewerbsregeln.

Es gibt gute Gründe, am Bestand der CNE-Auflagen zu zweifeln. Aber für Eon wäre selbst die Gewißheit, daß die Auflagen auf dem Rechtsweg gekippt werden können, ein schwacher Trost. Denn solche Prozesse kosten viel Zeit. Allein das Beschwerdeverfahren kann vier Monate dauern. Erst danach ist der Gang zum Gericht möglich. Der Energiekonzern kann aber unmöglich einen fast 30 Milliarden Euro schweren Kauf über Jahre in der Schwebe halten und sich so selbst bei anderen Investitionen blockieren.

„Spatz in der Hand“ oder auf Brüssel vertrauen

So dürfte man in Düsseldorf nun auch darüber nachdenken, ob eine um ein Drittel ihrer Stromkapazität verkleinerte Endesa nicht der sprichwörtliche "Spatz in der Hand" ist. Immerhin sollte der auferlegte Verkauf von mehr als einem halben Dutzend Kraftwerken reichlich Geld zur Weiterentwicklung der Endesa einspielen. Auch in anderen Staaten ist Eon nicht gleich als Marktführer angetreten.

Freilich kann Eon auf starke Schützenhilfe aus Brüssel setzen. Die Kommission kann sich den Eingriff in ihre wettbewerbsrechtliche Kompetenz nicht gefallen lassen. Denn so, wie die spanische Behörde entschieden hat, läßt sich jeder ausländische Investor willkürlich vom spanischen Energiemarkt ausschließen. Aber auch die zu erwartenden Reaktionen Brüssels können jahrelange Verfahrenswege zur Folge haben. Freilich wird Madrid bei verschärften Aktionen der EU gewaltig unter Druck geraten. Schließlich hat die erstarkte spanische Wirtschaft gerade ihre Lust an Investitionen in anderen EU-Staaten entdeckt.

Aktionäre in einen spanischen Koalitionsstreit geraten

Zu den Besonderheiten der geplanten Endesa-Übernahme gehört, daß Eon mit dem eigentlich nur an die Aktionäre gerichteten Angebot in einen Koalitionsstreit einer nicht souverän handlungsfähigen Regierung geraten ist. In seinem Industrieminister und Parteigenossen Jose Montilla hat Ministerpräsident Zapatero einen harten Mitstreiter gegen liberale Stimmen im Madrider Kabinett gefunden. Aber Montilla, der im Herbst bei Neuwahlen in Katalonien um das dortige Präsidentenamt kandidieren wird, will im August aus der Madrider Regierung ausscheiden. Das wäre dann eine gute Gelegenheit für seinen Nachfolger im Industrieministerium, die Entscheidung der CNE zu überarbeiten.

Text: F.A.Z., 31.07.2006, Nr. 175 / Seite 9
Bildmaterial: AP

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