31. Oktober 2008 Die Fronten im Tarifstreit in der Metall- und Elektroindustrie sind verhärtet. Im Gespräch mit der F.A.Z. spricht der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegiesser, über Warnstreiks, Rituale, die Finanzmarktkrise und die Schuldfrage.
Sie bieten der IG Metall für die laufende Tarifrunde 2,1 Prozent mehr Geld und eine Einmalzahlung von 0,8 Prozent. Wie begründen Sie das Angebot?
Am 1. November beginnt eine neue Tarifperiode, und die besteht aus zwei Restmonaten im Jahr 2008 und aus dem Jahr 2009. Es geht nicht um eine Nachbetrachtung des Jahres 2008, dafür hatten wir einen Abschluss. Über eine Einmalzahlung kann man die beiden Restmonate relativ besser honorieren als das außerordentlich schwierig werdende Jahr 2009. 0,8 Prozent eines Jahreseinkommens bedeuten auf das Jahr hochgerechnet jeweils rund 5 Prozent mehr Monatsentgelt für November und Dezember.
Der IG Metall ist das zu wenig.
Die rechnen das Angebot möglichst ärmlich - das alte Spiel. Auf unsere Durchschnittseinkommen bezogen entspricht die Einmalzahlung rund 350 Euro.
Aber die Gewerkschaft hat abgewunken und von einer Provokation gesprochen.
Ich habe selten erlebt, dass unser Angebot nicht als Provokation bezeichnet worden wäre; man muss ja auch eine Begründung für Warnstreiks haben. Ich denke aber, dass das Angebot konstruktive Elemente enthält, nämlich die Unterscheidung zwischen den Restmonaten 2008 und dem Jahr 2009. Was die 2,1 Prozent für 2009 angeht: Wir haben immer das Ziel vor Augen, unseren Mitarbeitern den Reallohn zu sichern, auch in einer schwierigen Zeit. Beide Seiten sollten in der nächsten Woche prüfen, ob man diesen Lösungsvorschlag weiterentwickeln kann. Sofern man dann realistische Chancen sieht, wird man mit Beginn der vierten Verhandlungsrunde am 11. November miteinander reden und hoffentlich ein ganzes Stück weiterkommen.
Bis dahin wird es erst mal viele Warnstreiks geben. Was für Folgen hat das?
Wenn die Warnstreiks an der Schwelle zu regulären Streiks sind, können sie schwere Schäden anrichten. Dann werden Termine nicht eingehalten und Kundenbeziehungen erschwert. Dabei zählen Pünktlichkeit und Verlässlichkeit zu den Hauptunterscheidungsmerkmalen gegenüber unseren Mitbewerbern. Außerdem können Streiks Belegschaften spalten. Das ist für das Klima und die Motivation in einem Unternehmen nie gut.
Hätten Sie Warnstreiks nicht mit einem früheren Angebot verhindern können?
Man kann formal und polemisch antworten, für die IG Metall steht schon seit Monaten fest, dass sie massive Warnstreiks will. Uns hat das Tempo des konjunkturellen Abschwungs überrascht, deshalb haben wir gesagt, wir versuchen diesmal einen anderen Weg. Wir wollten versuchen, den bisherigen Ablauf der Tarifrunde zu verändern. Angebot, Reaktion auf das Angebot, abermalige Verhandlung, möglicherweise mit Rückkopplungsprozessen - und das in sieben Bezirken. Das wollten wir dieses Mal nicht machen.
Stattdessen haben Sie einen Metallgipfel vorgeschlagen, den die IG Metall abgelehnt hat. Sehnen Sie sich nach mehr Geräuschlosigkeit?
Wir wissen, dass sich die Gewerkschaft mit diesem alten Wunsch von uns sehr schwer tut. Nur ist die Situation dieses Mal eine andere, weil die Forderung und das, was wir für möglich halten, ganz weit auseinander liegen. Außerdem hatten wir schon lange nicht mehr einen Konjunkturumbruch mit solcher Selbstbeschleunigung. Geräuschlosigkeit an sich kann nicht Selbstzweck sein. Aber die Diskussionen werden immer aufgeblähter. Da wird die Gerechtigkeit der Gesellschaft ausgerechnet am Beispiel der Metallindustrie in Frage gestellt, bis hin zu verstiegenen Argumentationen, Unternehmen dürften am besten gar keine Gewinne mehr machen, weil sie die sowieso nur verspekulieren würden.
Die IG Metall sagt, Gesamtmetall habe jenen Neoliberalismus vorangetrieben, der uns in die Krise geführt hat.
Wir haben bisher sehr unterschiedliche Begründungsmuster seitens der IG Metall gesehen. Zunächst wurde die Forderung von 8 Prozent nur zur Hälfte mit Daten begründet, mit der Inflationsrate und dem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsanstieg. Die andere Hälfte war Gerechtigkeitsgefühl. Als nächstes hat man die Tatsache eines Konjunkturabschwungs für die Metall- und Elektroindustrie einfach geleugnet. Als die Daten immer deutlicher zeigten, dass das nicht mehr geht, hat man die Gewinne der letzten ein, zwei Jahre als Begründung herangezogen für einen Kostenanstieg der nächsten Jahre. Und dann kam die Finanzkrise und es hieß, gut, dann suchen wir jetzt eben nach Schuldigen für diese Krise. Der letzte Stand der Dinge ist, dass gesagt wird, Ihr Arbeitgeber habt an der Finanzkrise Schuld, Ihr müsst das jetzt auch auslöffeln. Die Frage der Schuld ausgerechnet in der Realwirtschaft und der Metall- und Elektroindustrie zu suchen, ist absurd.
Wie stark ist ihre Branche von der Krise betroffen?
Am spürbarsten ist bislang die Automobilindustrie betroffen, die Schlüsselcharakter hat für die Zulieferer. Die wiederum stehen sowieso unter extremem Preisdruck. Sinkende Mengen und sinkende Preise sind die Albtraumkombination. Im Maschinenbau beginnen wir die Probleme zu sehen. Es wird schwieriger, Aufträge zu akquirieren. Die Zahl der Investitionsprojekte stagniert oder ist rückläufig, und die Auftragseingänge sinken. Nun werden die Betriebe versuchen, ihre Belegschaften über dieses Tal hinwegzubringen. Ob das gelingt - da kann man skeptisch sein. Wir werden wohl nicht alle Arbeitsplätze halten können.
Sind als erstes die Zeitarbeiter dran?
Wir werden ohne Stellenabbau nicht auskommen. Alle Instrumente werden eingesetzt: Zeitarbeit, Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit, Einstellungsstopp.
Aber zumindest 2008 ist doch noch ein gutes Jahr.
Auch ich hätte vor wenigen Wochen unbesehen unterschrieben, dass 2008 noch mal ein gutes Jahr wird. Aber man soll keine unreifen Äpfel vom Baum reißen, uns fehlt noch ein ganzes Quartal. Was 2009 angeht: Die Struktur unserer Branche ist stärker geworden. Wir gehen von einem solideren Fundament aus in den Abschwung als beim letzten Mal. Unsere Industrie ist wettbewerbsfähiger geworden, wir haben Arbeitsplätze aufbauen können. Dazu hat vieles beigetragen, auch die Tarifpolitik. Aber deshalb zu sagen, wir könnten vor Kraft nicht laufen, und uns interessiert die Landschaft um uns herum überhaupt nicht - das geht nicht.
Für die IG Metall sind Löhne Kaufkraft und ein Mittel gegen den Abschwung.
Die Kosten einer Branche drastisch nach oben zu schrauben, damit andere Branchen mehr Nachfrage haben - das kann es nicht sein. Unserer Branche nutzt das nichts. Wir stellen zu 80 Prozent Investitionsgüter her, und Deutschland ist zwar ein wichtiger Markt für uns, aber nur einer von vielen. Löhne sind immer gleichzeitig Kosten und Kaufkraft. Und wir haben die bestbezahlten Metallarbeitnehmer der Welt, sie haben ein Durchschnittseinkommen von 46.000 Euro. Wir haben die Löhne um das Doppelte bis Dreifache des deutschen Durchschnittsarbeiters erhöht.
Die Gewerkschaft empfiehlt etwas weniger Exportabhängigkeit.
Unsere Industrie lebt nun mal im Wesentlichen von den Weltmärkten. Zu sagen, das wollen wir nicht mehr, halte ich schon fast für skandalös. Wenn wir nur noch für Deutschland Autos oder Maschinen bauen würden, bräuchten wir die ganzen Fabriken nicht mehr. Ich wäre Dienstagmittag fertig, wenn ich nur von Deutschland leben müsste. Die Struktur würde zusammenbrechen.
Wo ist denn das viele Geld hingegangen, das die Betriebe in den vergangenen zwei Jahren verdient haben?
Wir haben uns davon Motoryachten gekauft und sind unterwegs zu Steuerparadiesen. Nein im Ernst: 2007 lag die Nettoumsatzrendite bei 4,2 Prozent. Die Gewinne sind in neue Arbeitsplätze geflossen, in Investitionen, höhere Tariflöhne und die Eigenkapitalquote der Betriebe.
Was passiert, wenn der Abschluss Ihren Mitgliedern zu hoch erscheint?
Die Betriebe haben ein sehr gutes Gefühl dafür, was verkraftbar ist und was nicht. Wenn sich ein Unternehmen überfordert weiß, wird es nicht mehr mitmachen; es wird organisationspolitisch antworten oder betriebswirtschaftlich. Wir versuchen unseren Unternehmen klar zu machen, dass unser Tarifsystem aus Flächentarifvertrag, Öffnungs- und Flexibilisierungsmöglichkeiten sowie Ergänzungstarifverträgen das Vernünftigste ist. Dass aber die Tradition, fakten- und datenorientiert zu arbeiten, in dieser Tarifrunde völlig vernachlässigt wird, finde ich bedauerlich. Dadurch haben wir Schwierigkeiten, den Laden zusammenzuhalten.
Das Gespräch führte Henrike Roßbach.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Franz Bischof
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