
Der Anstieg der Verbraucherpreise hat die Drei-Prozent-Marke zum zweiten Mal in diesem Jahr übersprungen
13. Juni 2008 Die hohen Ölpreise haben wie erwartet den Preisauftrieb in Deutschland im Mai beschleunigt. Auf Jahressicht seien die Verbraucherpreise um 3,0 Prozent gestiegen, teilte das Statistische Bundesamt am Freitag in Wiesbaden mit und bestätigte damit eine vorläufige Schätzung. Damit übersprang der Anstieg der Verbraucherpreise zum zweiten Mal in diesem Jahr die Drei-Prozent-Marke, zuletzt im März mit 3,1 Prozent. Im April lag die Jahresteuerung bei 2,4 Prozent. Von April auf Mai zogen die Verbraucherpreise um 0,6 Prozent an. Als Grund für die starke Teuerung nannten die Statistiker teure Kraftstoffe und Heizöl.
Mit ihren Andeutungen, den Euro-Leitzins möglicherweise schon Anfang Juli anzuheben, hat die Europäische Zentralbank (EZB) Flagge gezeigt und sich an die Spitze der Inflationsbekämpfer gesetzt. Ihr Vorbild macht Schule: Nur wenige Tage nach den Hinweisen von EZB-Präsident Jean-Claude Trichet hat nun auch Ben Bernanke, der Gouverneur der amerikanischen Notenbank Fed, einen entschlossenen Kampf gegen die Inflation angekündigt. Und die kanadische Notenbank hat eine allseits erwartete Zinssenkung wegen der Inflationsgefahr ausgesetzt.
Hohe Wellen
Der ungewöhnlich unverblümte Auftritt Trichets nach der Sitzung des EZB-Rats am vorvergangenen Donnerstag hat hohe Wellen geschlagen. Völlig auf dem falschen Fuß erwischt wurden die Beobachter in den Großbanken. In ihrer Mehrheit hatten sie - dabei nicht selten von hohem Ross herab - die Beteuerungen des EZB-Rats, die Inflation entschlossen bekämpfen zu wollen, als Lippenbekenntnisse abgetan und vorhergesagt, der EZB-Rat werde den Leitzins im Laufe des Jahres nicht anheben, sondern vielmehr im Schlepptau der Fed senken.
Glücklicherweise verlässt sich der EZB-Rat nicht auf diese allzu simplen Modelle und die aus ihnen geborenen Empfehlungen. Er berücksichtigt, dass zur Wahrung von Preisstabilität vor allem eines wichtig ist: dass die Bürger darauf vertrauen, die Notenbank werde die Inflation mittelfristig in Schach halten. Weil dieses Vertrauen angesichts der jüngsten Preisschübe bei Energie und Lebensmitteln verlorenzugehen droht, wird die EZB nun vermutlich im Juli ein Zeichen setzen und den Leitzins heraufsetzen. So schafft man Vertrauen - und erstickt Inflationsmentalität schon im Keim.
Selbstbewusst ihren eigenen Weg gegangen
Die Entwicklung an den Anleihemärkten zeigt, dass dies wirkt. Jedenfalls ist die Rendite zweijähriger Bundesanleihen seit dem Tag vor Trichets Pressekonferenz von 4,34 auf 4,63 Prozent gestiegen, die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen aber nur von 4,38 auf 4,52 Prozent. Langlaufende Staatspapiere werfen somit derzeit weniger Rendite ab als kurzlaufende - weil der Markt darauf vertraut, dass die EZB die Inflation mittel- und langfristig niedrig halten wird.
Viel Beachtung hat Trichets Zinsankündigung aber auch gefunden, weil die EZB damit einmal mehr nicht der amerikanischen Notenbank Fed gefolgt, sondern selbstbewusst ihren eigenen Weg gegangen ist. Einen ersten Schritt in diese Richtung hat sie im vergangenen Herbst getan: Damals reagierten Fed und die Bank von England auf den Ausbruch der Finanzkrise mit der Senkung ihrer Leitzinsen. Demgegenüber verzichtete die EZB darauf, ihren Zins zu ermäßigen; schließlich war ja gerade ein Übermaß an billiger Liquidität eine der Ursachen für die Krise gewesen. Doch stellte die EZB den Banken in großem Umfang zu einem höherem Zins zusätzliches Geld zur Verfügung, um die krisenbedingte Liquiditätsknappheit zu lindern. Wenig später folgten Fed und Bank von England diesem Vorbild - wobei offenbar wurde, dass die EZB über moderneres Instrumentarium verfügt als die beiden älteren Notenbanken.
Spielraum der amerikanischen Politik verringert sich
Das Vorgehen der Europäischen Zentralbank ist durchaus angebracht, schließlich ist der Euro-Raum mit seinen 320 Millionen Bürgern der amerikanischen Wirtschaft inzwischen in vielerlei Hinsicht ebenbürtig. So ist der Euro-Finanzmarkt inzwischen ähnlich groß und aufnahmefähig für internationales Kapital wie der amerikanische Markt. Die vergleichsweise niedrige Inflation macht den Euro als Anlagewährung attraktiv. Das hat zu dem Höhenflug des Euro beigetragen, der seit seinem Start 1999 zum Dollar 30 Prozent an Wert gewonnen hat und gegenüber allen Währungen - gemessen am handelsgewichteten Euro-Index der EZB - zwölf Prozent.
Für die amerikanische Politik bedeutet das Erstarken der EZB und des Euro, dass sich ihr Spielraum verringert: Sie kann nicht mehr annehmen, dass die kleineren Partner ihren Vorgaben unbesehen folgen werden, zum Beispiel wenn sie versucht, die heimische Wirtschaft durch Zinssenkungen und Inflationierung in Schwung zu bringen. Nicht von ungefähr denken derzeit mehrere Länder darüber nach, ihre jeweilige Währung nicht mehr allein an den Dollar zu binden, sondern an einen Währungskorb, in dem der Euro enthalten ist.
Die Erfahrung lehrt allerdings, dass Währungen starken Schwankungen unterliegen. So hat sich auch der Dollar schon mehrfach von Phasen der Schwäche erholt. Andrerseits ist der Euro-Raum weiterhin ein politisch fragiles Gebilde, das noch im Werden ist. Rückschläge sind nicht ausgeschlossen. In diesem unsicheren Umfeld ist es um so wichtiger, dass die EZB als Fels in der Brandung agiert und verlässlich eine Politik verfolgt, die Preisstabilität auf mittlere Frist gewährleistet. Wenn dem Euro dadurch als Nebeneffekt die Rolle als einer zweiten großen Reservewährung neben dem Dollar zuwachsen sollte - um so besser. Denn ein Wettbewerb der Währungen schafft die Möglichkeit zu wählen. Davon geht auf alle Notenbanken eine disziplinierende Wirkung aus. Das unterstützt den Kampf gegen die Inflation.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, F.A.Z.
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