Wirtschaftsförderung

Der Dom allein reicht nicht

Von Christine Scharrenbroch, Köln

Unter dem Schutz der Unesco: der Kölner Dom

Unter dem Schutz der Unesco: der Kölner Dom

20. März 2008 Das Vorzeigeprojekt seiner Stadt hat er stets im Blick: Durch die breite Glasfront seines Büros kann Kölns Wirtschaftsdezernent Norbert Walter-Borjans über den Fluss bis zum Rheinauhafen blicken, der seit 2002 auf einer Länge von zwei Kilometern zu einem edlen Büro- und Wohnviertel umgebaut wird. Hier gelang ihm sein bisher größter Erfolg: Microsoft wird mit seiner Nordrhein-Westfalen-Zentrale von Neuss in ein futuristisches Gebäude am Kölner Yachthafen umziehen - mit 250 Mitarbeitern und sieben Partnerfirmen.

Walter-Borjans steht am Fenster und berichtet, dass der Softwarekonzern, obwohl noch nicht einmal eingezogen, schon Expansionspläne hege. Ein Grundstück gegenüber auf der anderen Seite der Rheinuferstraße wurde bereits erworben, ein weiteres hat Microsoft im Blick: Alle drei Häuser zusammen sollen eines Tages den „Microsoft Campus“ mit bis zu 1000 Arbeitsplätzen bilden.

Sehen und gesehen werden

„Die Marke Microsoft hat einen enormen Beschäftigungseffekt für die Stadt“, schwärmt der oberste Wirtschaftsförderer. Dass Köln von anfangs 130 Standorten den Zuschlag bekommen hat, liegt seiner Ansicht nach daran, „dass eine in aller Welt bekannte Premiummarke einen Standort braucht, der sich selbst erklärt“. Und in Asien ist der Kölner Dom selbsterklärend. Sagt zumindest Walter-Borjans. Und dennoch: Der Dom allein reiche nicht. Gefragt seien markante Stellen, „an denen die Unternehmen etwas von Köln sehen und an denen sie gesehen werden“.

Nach dem Fall von Nokia in Bochum, in dem es nun zu Subventionsrückforderungen gekommen ist, wird die Wirtschaftsförderung in diesen Tagen besonders kritisch beäugt. Gerade weil nicht selten Vergünstigungen im Spiel sind. Die Stadt Köln sieht sich nach eigenen Angaben außerhalb dieser Kritik: Fördergelder für Ansiedlungen werden nicht vergeben.

Schnelle Bürokratie soll anlocken

Wirtschaftsförderer Walter-Borjans betont den eigenen, ungewöhnlichen Weg. Viele Firmen wollen sich seiner Einschätzung nach „spektakulär darstellen“ - wie im Rheinauhafen, für den sich auch die Telekom-Billigmarke Congstar, der Computerspiele-Entwickler Electronic Arts und die internationale Kanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer entschieden haben. Oder wie in den bisher von der Messe genutzten Rheinhallen, die derzeit für den Versicherungskonzern Talanx und den Fernsehsender RTL umgebaut werden, der mit dem Umzug ins benachbarte Hürth gedroht hatte - der Bau von vier neuen Messehallen gipfelte freilich in einem Finanzierungsskandal und einem Streit mit der EU über die Vergabe an den ortsansässigen Oppenheim-Esch-Fonds, über den schließlich auch der Messechef zu Fall kam.

Neben außergewöhnlichen Immobilienprojekten und der günstigen Verkehrsanbindung wirbt Köln international mit der schnellen Bearbeitung von Anträgen auf Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis um die Neuansiedlung von Unternehmen. „Das läuft alles innerhalb von vier Wochen“, verspricht Michael Josipovic, Abteilungsleiter Standortmarketing im Amt für Wirtschaftsförderung. Auch bei der Suche nach Büroflächen, Wohnungen und Schulen ist die Abteilung Unternehmensservice behilflich. Nur zwei Wochen habe kürzlich die Abwicklung der Formalitäten für einen indischen Mitarbeiter gedauert, der bei einem deutschen Kunden ein Softwareprogramm einrichten soll, berichtet Patricia Much-Müller von Mindtree Consulting. In Frankfurt, wo der indische IT-Anbieter vorher seinen Europa-Sitz hatte, seien die Behördengänge recht schleppend verlaufen.

Düsseldorf stärkster Konkurrent

Vier Mitarbeiter beschäftigen sich nun nahe dem Neumarkt mit der Kundengewinnung. Entwickelt wird die Software in Indien. Bis Ende des Jahres will Mindtree in Köln 20 Vertriebsleute beschäftigen. Es sei allerdings schwierig, hier geeignete Mitarbeiter zu finden, räumt Much-Müller ein. Im April kommen deshalb noch einmal zwei Mindtree-Kollegen aus Bangalore nach Köln. Auch der drittgrößte indische Softwarekonzern Wipro und der ebenfalls aus Indien stammende IT-Anbieter Cades wollen bald in Köln Büros eröffnen - wie es aus China bereits 152 Unternehmen getan haben.

Zwar ist der Konkurrent Düsseldorf bei der Zahl der Niederlassungen indischer und chinesischer Firmen schon weiter, und auch die Zahl der Arbeitsplätze bei den jüngsten Neuansiedlungen ist überschaubar. Wirtschaftsförderer Walter-Borjans setzt aber auf das Potential und verweist auf ein seit Anfang der siebziger Jahre in Köln ansässiges Unternehmen: „Toyota ist damals auch mit nur sechs Leuten hierhergekommen, jetzt sind es 1500.“

Werben für Köln tut not

Für ihre Unterstützung der Unternehmen erhielt die Kölner Stadtverwaltung bei einer Umfrage von Ernst & Young 2006 die besten Noten von allen deutschen Großstädten - vor Essen, Dortmund, München und Stuttgart. Auch das Lohnniveau bewerteten die befragten Firmen als günstig, schwach schnitt die Stadt dagegen bei den Standortkosten (Steuern und Gebühren) ab.

Das intensivere Werben für den Wirtschaftsstandort Köln tut not: Die Arbeitslosenquote liegt immer noch bei 11,4 Prozent und damit über dem NRW-Durchschnitt von 8,9 Prozent. Auch ist der mit gut 17 000 Mitarbeitern größte industrielle Arbeitgeber der Stadt, der Autobauer Ford, wegen der Krise des amerikanischen Mutterkonzerns längst keine sichere Bank mehr.

Und Talanx konzentriert nach der Übernahme von Gerling die Schaden- und Unfallversicherung in Hannover und belässt nur die Lebensversicherung in Köln. Dadurch gehen der Stadt - zweitgrößter deutscher Versicherungsstandort nach München - rund 600 Arbeitsplätze verloren. Die Allianz streicht weitere 700 Stellen. Diese Verluste werden nur zum Teil kompensiert. Mit 250 Holding-Mitarbeitern kommt die AMB Generali von Aachen ins Kölner Bankenviertel.

Nur die Höhe des Doms bremst aus

Immerhin werden einige ausländische Versicherer nach Köln gelockt. Der japanische Industrieversicherer Mitsui Sumitomo eröffnete seine Europa-Zentrale in Köln und beschäftigt mehrere ehemalige Gerling-Angestellte. Auch der spanische Industrieversicherer Mapfre und der britische Autodirektversicherer Admiral machten in der Domstadt Büros auf. „Das hochqualifizierte, wechselbereite Personal hat den Ausschlag gegenüber Berlin gegeben“, sagt Sita Schwenzer, Chefin der deutschen Admiral-Niederlassung. Mit zwei Mitarbeitern hat sie im Januar 2007 angefangen, jetzt sind es 74 - Tendenz steigend. Die Bürofläche am Kölner Barbarossaplatz wird gerade auf 1500 Quadratmeter verdoppelt.

Nächstes großes Projekt der Stadt ist das Areal „Messe-City“ im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz, auf dem Bürogebäude und Wirtschaftsflächen errichtet werden sollen. Kölner Unternehmer haben beim Frankfurter Architekten Albert Speer einen „Masterplan“ für die Innenstadt in Auftrag gegeben: Eine Schlappe wie mit den Hochhausplänen in Deutz will Köln - trotz des Strebens nach reizvollen Bauten - nicht noch einmal erleben. Sie mussten bekanntlich revidiert werden, weil die Unesco aufgrund der Höhe von mehr als 100 Metern das Weltkulturerbe Kölner Dom bedroht sah.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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