Privatisierung soll SNCM in Frankreich vor dem Scheitern bewahren

Marode Fährgesellschaft steht zum Verkauf / Gewalttätige Proteste der Gewerkschaften / Butler hat Nase vorn

27. September 2005 chs. PARIS, 27. September. Brennende Autos, gestrandete Passagiere, blockierte Häfen - die bevorstehende Privatisierung der staatlichen Fährgesellschaft SNCM (Societe Nationale Corse Mediteranee) hat die Gewerkschaften an der Cote d'Azur in Rage versetzt. Am gestrigen Dienstag legten sie den ganzen Passagierhafen von Marseille sowie ein nahe gelegenes Öl- und Güterterminal lahm. Doch die Arbeitnehmervertreter schlagen Verzweiflungsschlachten. Denn die SNCM ist in einem solch beklagenswerten Zustand, daß nur noch Sanierungsspezialisten in Form finanzorientierter Beteiligungsgesellschaften eine Übernahme der SNCM wagen würden. Im Staatsbesitz will die Regierung die heruntergewirtschaftete Gesellschaft nicht mehr behalten. Dafür sorgen der angespannte Staatshaushalt sowie der Druck der EU-Kommission in Brüssel.

Die SNCM bedient mit ihren Passagier- und Frachtfähren vor allem die Strecken von der französischen Mittelmeerküste nach Korsika sowie nach Sardinien, Tunesien und Algerien. Einen Gewinn erwirtschaftet sie dabei schon lange nicht mehr. Auf 56,2 Millionen Euro türmten sich die Verluste in den vergangenen fünf Jahren, während der Jahresumsatz im gleichen Zeitraum von 205 Millionen Euro auf 193,5 Millionen Euro sank. Ein Sanierungsplan nach dem anderen wurde aufgeschoben, weshalb die Gesellschaft heute immer noch 2400 Beschäftigte hat - ein aufgeblähter Personalstand angesichts der Wettbewerbsverluste gegen die private Gesellschaft Corsica Ferries, die mit der halben Belegschaft die gleiche Anzahl von Schiffen betreibt.

Zwei Beteiligungsgesellschaften bemühen sich heute um den Kauf der SNCM: Butler Capital Partners sowie Caravelle. Wie der Marseiller Präfekt erläuterte, habe der Geschäftsmann Walter Butler das bessere Angebot abgegeben: Er will 35 Millionen Euro bezahlen und erwartet eine Kapitalerhöhung durch den Staat von 113 Millionen Euro. Den Arbeitsplatzabbau will er auf 350 bis 400 Stellen begrenzen, kündigte Butler an. Butler, ein Sohn eines Amerikaners und einer Brasilianerin, ging in Frankreich zur Schule und kennt Premierminister Dominique de Villepin noch aus den gemeinsamen Zeiten an der Kaderschmiede Ena. Die Regierung, die bisher nicht von ihrem Plan einer vollständigen Privatisierung abwich, will in den kommenden Tagen entscheiden, wer den Zuschlag bekommt. Unterdessen haben die Gewerkschaften, angeführt von der kommunistisch geprägten CGT, weitere Protestaktionen angekündigt. Die militanten Privatisierungsgegner schrecken weder vor Gewalttaten zurück noch vor der Blockade Hunderter von Passagieren. In der vergangenen Woche saßen 1200 Menschen mehr oder weniger unversorgt mehrere Tage lang in Marseille fest, weil die Fähren nach Algier bestreikt wurden.

Die SNCM ist eine Paradebeispiel für den Niedergang von Staatsunternehmen, die zulange vom Wettbewerb ferngehalten werden. 25 Jahre lang hatte die Gesellschaft das Monopol für den Fährbetrieb nach Korsika inne. Als 2001 der von der EU-Kommission erzwungene Wettbewerb einsetzte, lief der Konkurrent Corsica Ferries der SNCM bald den Rang ab. Im vergangenen Jahr transportierte das private Unternehmen erstmals mehr Passagiere als die staatliche Gesellschaft. 1,2 Milliarden Euro sind seit 1991 an Subventionen an die SNCM geflossen. Daß sich in zehn Jahren sechs Präsidenten die Klinke in die Hand gaben, machte die Lage nicht besser. Ohne staatliche Rückendeckung biß sich einer nach dem anderen die Zähne an den radikalen Gewerkschaften aus. 2001 sollte die Belegschaft um 300 Posten auf 2200 verkleinert werden. Doch vier Jahre später umfaßt sie immer noch fast 2400 Beschäftigte.

Eine Belastung war es auch, daß die SNCM unter dem Druck der Regierung ihre Schiffe lange Zeit teuer bei der zum Alstom-Konzern gehörenden Werft Chantiers d'Atlantique einkaufen mußte. Heute wollen weder die Banken neues Geld in ein Unternehmen stecken, das als Faß ohne Boden gilt, noch will die EU-Kommission frische Staatshilfen genehmigen. Daher kann nur die Privatisierung das Überleben sichern.

Text: F.A.Z., 28.09.2005, Nr. 226 / Seite 19

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