Erklär mir die Welt (27)

Warum ist Kontrolle gut, Vertrauen aber besser?

Von Thomas Straubhaar

20. Dezember 2006 "Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser." Das Lenin zugeschriebene Zitat hat tödliche Sprengkraft, denn es zerstört die Grundlage menschlicher Beziehungen: das für eine Gesellschaft unverzichtbare Bindemittel jenseits von Macht und Zwang - Vertrauen.

Vertrauen ist eine unausgesprochene gegenseitige Vereinbarung. Es geht darum, freiwillig mehr zu tun, als Verträge zu fordern und ökonomische Anreize nahezulegen. Frauen bringen Kinder zur Welt und vertrauen darauf, daß die Väter einen größeren Beitrag zur Erziehung leisten, als per Gesetz einklagbar ist. Heranwachsende vertrauen auf elterliche Zuneigung jenseits von Alimenten. Freunde sind im blinden Vertrauen unkompliziert füreinander da. Nachbarn helfen im Vertrauen auf freiwillige Hilfe, falls sie selbst in Not geraten.

Unverzichtbare Voraussetzung

Vertrauen ist die unverzichtbare Voraussetzung zwischenmenschlicher Beziehungen. Es ist das Schmieröl jeder Gemeinsamkeit, denn es ersetzt formale Gesetze. Je größer das Vertrauen ist, desto größer kann der rechtsfreie Raum sein, und um so größer ist die Handlungsfreiheit der einzelnen Menschen. Diese Freiheit ist wiederum für Innovation unverzichtbar. Eine Gesellschaft ohne Vertrauen muß jedes Detail regeln und kontrollieren, deswegen geht sie irgendwann an den Kontrollkosten zugrunde.

Niemand weiß das besser als jene, die in der DDR oder der Sowjetunion unter dem Kontrollwahn totalitärer Regime gelitten haben. Stasi-Akten und Kreml-Geheimprotokolle offenbaren, in welch absurdem Ausmaß alle allem mißtrauten, alle alles überwachten und wie die Kontrolleure sich am Ende selber kontrollierten. Der dramatische Kollaps kommunistischer Herrschaftsstaaten zeigt deutlich, wie fundamental falsch das Menschenbild Lenins war. Es ist gerade anders, als Lenin glaubte: Kontrolle ist bestenfalls gut, Vertrauen ist aber in jedem Fall besser.

Mehr Einzelfallregelungen statt Allgemeinverbindlichkeit

Wer auf Vertrauen statt Kontrolle setzt, setzt auf private Vereinbarungen statt auf staatliche Vorschriften. Nicht die im voraus gesetzte Norm bestimmt das Ergebnis, sondern der Praxis-Test entscheidet darüber. Das Mehr an Freiheit bedeutet natürlich auch eine größere Versuchung, die Freiheit zu mißbrauchen. Es wird zu Monopolen und Marktmacht kommen. Es wird Betrüger und Spielverderber geben. Deshalb gehört zu Vertrauen auch Verantwortung.

Das Vertrauen in die Handlungsfreiheit der einzelnen erfordert zwingend eine Haftung für die Folgen nach dem Verursacherprinzip. Heute wird in Deutschland dagegen versucht, schädliche Einzelfälle zu verhindern, indem im voraus Verbote oder Gebote erlassen werden. Temposünder, Schwarzarbeit oder Trittbrettfahrer sind dann nur die sichtbare Spitze des Eisbergs. Ökonomisch gravierender sind die Verlagerung von Gewerbebetrieben und Arbeitsplätzen ins Ausland. Sie kommt daher, daß in Deutschland Menschen einen schweren Stand haben, die Neues schaffen: Gründer und Erfinder, aber auch Biotechnologie, Gentechnologie und Kernenergie. Mehr Einzelfallregelungen ("case law") und etwas weniger Allgemeinverbindlichkeit ("book law") würde Deutschland in vielen Bereichen helfen, schneller voranzukommen.

Der Fluch der bösen Kontrolle

Was fürs große Ganze gültig ist, gilt genauso im kleinen. Vertrauen ist die Basis privater Beziehungen jenseits von Markt und Staat. Partnerschaften und Familien funktionieren nach informellen Gewohnheiten, nicht nach formalen Regeln. Wenn das Vertrauen zerrüttet ist und formales Recht die Automatismen des Alltags ersetzt, beginnt ein juristischer Kleinkrieg, dessen Kosten weit über das Materielle hinausreichen. Oft endet er vor dem Scheidungsrichter.

Der böse Fluch der Kontrolle gilt auch für den Sport. Wenn der Trainer das Vertrauen seiner Spieler verliert, muß er die Daumenschrauben straffer ziehen, mehr verlangen und deshalb auch immer mehr kontrollieren. Dann spielt die Mannschaft auf dem Platz nicht mehr für den Sieg, sondern gegen den Trainer. Wie wenig Erfolg das bringt, zeigen die aktuellen Beispiele in Hannover, Köln und Hamburg.

Vertrauen: Kennzeichnen erfolgreicher Betriebe

Vertrauen zwischen Unternehmensleitung und Belegschaft ist auch das Kennzeichen erfolgreicher Betriebe. Die Arbeitnehmer vertrauen darauf, daß die Chefs nicht nur an sich selber denken, sondern auch die Interessen der Firma und damit das Wohl der Angestellten verfolgen. Ein Arbeitgeber braucht das Vertrauen, daß die Mitarbeiter auch ohne Kontrolle zum Wohle des Betriebes handeln. Wer seiner Belegschaft nicht traut, wird unmotivierte Beschäftigte haben, die auf Kosten der Firma ihr eigenes Süppchen kochen.

Kontrolle ist nötig, wenn Menschen per Befehl gezwungen werden, etwas zu tun, das sie freiwillig nicht machen würden. Vertrauen fehlt, wenn Beziehungen als ungewollt oder unfair beurteilt werden. Bei einmaligen oder flüchtigen Kontakten lohnt es sich nicht, in Entstehung und Erhaltung gemeinsamen Vertrauens zu investieren. Denn wer sich nur einmal im Leben trifft, wird Versprechen ohne Scheu brechen. Deshalb braucht es in diesem Fall strikte Verträge, scharfe Kontrollen und starke Sanktionen. Damit aber wird eine Kostenlawine losgetreten.

Vertrauen muß wachsen

Vertrauen entsteht nicht über Nacht. Es muß stetig wachsen, denn es entsteht aus einer langen Geschichte gemeinsamer Erfahrungen. An dieser Stelle zeigt sich, welche Gefahr entsteht, wenn Beziehungen beliebig werden und das gegenseitige Vertrauen schwindet.

Was geschieht mit einer Gesellschaft, wenn für Vermögende der schnelle Gewinn die Triebfeder wird? Wenn kurzfristige Gier das Handeln bestimmt? Wenn auf der Strecke bleibt, was sich nur langfristig bezahlt macht? Dann erodiert die gemeinsame Vertrauensbasis.

Was passiert, wenn jüngere Deutsche der Regierung nicht mehr zutrauen, die Probleme heute so zu lösen, daß die Herausforderungen von morgen gemeistert werden? Dann können Menschen leicht versucht sein, abzuwandern statt zu widersprechen. Anstatt zu bleiben und Konflikte zu bewältigen, verlassen sie Deutschland. Solidarität und Gemeinsinn lassen sich immer weniger durch Kontrolle und Zwang einfordern. Sozialer Druck und ökonomische Kosten des Wegziehens sinken - es ist einfach und billig geworden, Familie, Wohnort und Deutschland zu verlassen.

Regierungen können Vertrauen verspielen

Was bedeutet es für das Vertrauen der Bevölkerung in berechenbare Rahmenbedingungen, wenn Regierungen des Machtstrebens wegen eine orientierungslose Politik der großen Versprechungen und kleinen Taten verfolgen? Dann verlieren Regierungen ihre Glaubwürdigkeit und verspielen das Vertrauen der Bevölkerung. Politischer Opportunismus mag kurzfristig helfen. Langfristig bewirkt er das Gegenteil. Vertrauen aufzubauen, dauert Jahre. Vertrauen zu zerstören, ist eine Sache des Augenblicks.

Thomas Straubhaar ist Präsident des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.12.2006, Nr. 50 / Seite 60
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa

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