Chinesisch-afrikanischer Gipfel

Ökonomie statt Moral

Von Mark Siemons, Peking

03. November 2006 Es dürfte schwerfallen, für den chinesisch-afrikanischen Gipfel, der dieses Wochenende in Peking stattfindet, ein historisches Vorbild zu finden. Wann gibt es das schon, daß ein einzelnes Land die Regierungschefs eines ganzen Kontinents in seiner Hauptstadt versammelt? Es ist ein schweres Zeichen mit einem harten materiellen Kern: China ist seit kurzem nach Amerika und Frankreich der drittgrößte Geschäftspartner afrikanischer Staaten, in den letzten vier Jahren ist das Handelsvolumen von neun auf knapp vierzig Milliarden Dollar gewachsen, bis 2010 soll es auf hundert Milliarden gestiegen sein. Da ist im Windschatten der selbstbezogenen Globalisierungsdebatte des Westens eine geschichtliche Umwälzung im Gange, für die noch weitgehend die Begriffe fehlen. Gewiß ist nur, daß der Gipfel dieses Wochenendes ein Signal ist, aber wofür?

Der Westen sieht Chinas Engagement in Afrika in der Kontinuität seines eigenen Imperialismus, während China es als eine Fortsetzung seiner früheren antiimperialistischen Internationale mit anderen Mitteln ausgibt, als eine Süd-Süd-Hilfe unter Entwicklungsländern, die sich gegen den Unilateralismus und die Bevormundung durch die entwickelten Länder richtet. Die westliche Kritik, wie sie zum Beispiel Paul Wolfowitz, der Präsident der Weltbank, formuliert, entzündet sich vor allem daran, daß China seine Geschäfte betreibt, ohne auf die Standards von Menschenrechten, Demokratisierung und Korruptionsbekämpfung zu dringen. So würden die Bemühungen des Westens unterlaufen und die tyrannischen und korrupten Strukturen auf Jahrzehnte verfestigt. China beute in seinem Hunger nach Rohstoffen den Kontinent aus, ohne ihm zu einer langfristigen Perspektive zu verhelfen.

In die eigene Tasche statt in falsche Hände

Die Achillesferse dieser Argumentation ist, daß dies dem Westen mit allen seinen guten Absichten bisher auch nicht gelungen ist. In der gerade vom britischen „Institute for Public Policy Research“ veröffentlichten Studie „The New Sinosphere - China in Africa“ heißt es, viele afrikanische Regierungen hätten von sich aus die Anlehnung an China gesucht, weil sie der Bedingungen und der kostspieligen Prozeduren für westliche Entwicklungshilfeprojekte satt gewesen seien. Nachdem zuvor viele Hilfsgelder in korrupten Kanälen versickert waren, machte der Westen seine Unterstützung zunehmend von der Einhaltung bestimmter politischer Maßstäbe abhängig, und das führte in einen Teufelskreis, in dem oft gar nichts mehr geschah und der vermeintlich hoffnungslose Erdteil zusehends aus dem Blickfeld der westlichen Öffentlichkeit entschwand.

Daß er dort plötzlich wiederauftaucht, und dies ausgerechnet dank China, liegt an einem Kalkül, das einer ausschließlich ökonomischen Logik gehorcht und gerade deshalb so frappiert. Auch China scheint damit zu rechnen, daß es zu riskant ist, hohe Kredite und Investitionen Regionen zu überlassen, die Mindestanforderungen an Sicherheit und guten Geschäftssitten nicht genügen. Doch statt zu warten, bis sich die politische Lage verbessert, schafft es seine eigenen Voraussetzungen auf marktwirtschaftlichem Weg: Deshalb schreibt es an vielen Orten gleich mit in den Vertrag, daß chinesische Firmen einen Großteil der geplanten Infrastrukturmaßnahmen realisieren. So gerät das Geld, das es gibt, nicht in falsche Hände, sondern wandert am Ende zu einem guten Teil wieder in die eigene Tasche. Aber dann sind die Straßen und Flughäfen tatsächlich finanziert und gebaut, das einheimische Personal tatsächlich unterwiesen, und dies rascher und billiger, als es mit westlichen Partnern möglich gewesen wäre. Das Kalkül geht auf, zuletzt verzeichnete Afrika ein Wirtschaftswachstum von mehr als fünf Prozent.

Effektivität mit blinden Flecken

Die Provokation des chinesischen Vorgehens liegt darin, daß man den Afrikanern, gerade indem man sie nicht zuerst als moralische, sondern nur als ökonomische Subjekte behandelt, effektiver zu helfen scheint, als dies der Westen bisher schaffte. Die blinden, dunklen Flecken dabei sind offensichtlich: In der Hand von Diktatoren könnte selbst wachsender Wohlstand durchaus zum Nachteil der Bevölkerung ausschlagen. Die chinesischen Firmen und Geschäftsleute tragen mit ihren Billigpreisen nicht bloß zu einer Konsumbelebung bei, sondern an vielen Orten auch zum Sterben der einheimischen Industrie. Und zu den nationalen Geschäftsabkommen gehören auch nicht unerhebliche Waffenlieferungen. Es ist keineswegs ausgemacht, was daraus auf Dauer entsteht.

Es gibt also keinen Grund, weshalb sich eine Außenpolitik, die sich an individuellen Menschenrechten und sozialer Gerechtigkeit orientiert, in der Defensive fühlen sollte. Aber die unverhoffte chinesisch-afrikanische Allianz bringt ein Element in die postkoloniale Ära, das auch einen blinden Fleck der Ersten Welt enthüllt. Sie findet sich nun wieder als eine, die Afrika immer zum Objekt ihrer eigenen Ambitionen machte, zuerst ihrer materiellen, später ihrer politischen. China dagegen nimmt den Kontinent insofern ernst, als es ihn in einen realen Interessenaustausch verwickelt. Daran wird Europa auf Dauer wohl auch nicht vorbeikommen; nach diesem Wochenende sieht die Welt wieder ein bißchen anders aus, als man sie sich vorher zurechtgelegt hatte.



Text: F.A.Z., 04.11.2006, Nr. 257 / Seite 37
Bildmaterial: dpa

 
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