Tarifstreit

Lieber Lokführer als Busfahrer

Von Matthias Müller

21. November 2007 „Ein bisschen mehr dürfte es schon sein“, wird wohl jeder Arbeitnehmer in Deutschland auf die Frage nach einer möglichen Lohnerhöhung antworten. Das sehen auch die Lokführer so und fordern neben einem eigenständigen Tarifvertrag einen kräftigen Schluck aus der Lohnpulle.

Zwar beliefen sich die Forderungen des Vorsitzenden der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) Manfred Schell zu Beginn des seit Monaten schwelenden Tarifkonflikts noch auf ein Einkommensplus von mindestens 31 Prozent für das Fahrpersonal der Bahn. Doch inzwischen gäbe er sich auch schon mit einer Lohnerhöhung von 15 Prozent zufrieden, sagte der GDL-Vorsitzende jüngst.

Monatliches Bruttogehalt für Einsteiger: 1970 Euro

Aufsteiger oder Absteiger?

Aufsteiger oder Absteiger?

Derzeit beginnt ein Lokführer der Deutschen Bahn mit einem monatlichen Bruttogehalt von 1970 Euro. Darin sind jedoch mögliche Zuschläge nicht enthalten. Nach vier Berufsjahren erhält er 2142 Euro brutto. Die Bahn bietet ihren Lokführern keine weiteren Aufstiegschancen. Hinzu kommen nach Angaben des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) ein Urlaubsgeld von 409 Euro, ein 13. Monatsgehalt und weitere zum Teil steuerfreie Zulagen für Schichtdienst, Nacht- und Sonntagsarbeit.

Diese summierten sich monatlich netto auf bis zu 300 Euro, rechnet IW-Tariffachmann Hagen Lesch vor. Nach Bahn-Angaben hat ein Lokführer damit im vergangenen Jahr inklusive der Zulagen durchschnittlich 33.000 Euro brutto verdient. Das entspräche einem Bruttostundenlohn von rund 21,80 Euro für einen Lokführer mit langjähriger Berufserfahrung, heißt es in einer im Auftrag der Bahn erstellten Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

Im nationalen Vergleich nicht schlecht

Schaut man sich die Zahlen etwas genauer an, dann schneiden die Einkommen der Lokführer im nationalen Vergleich mit Facharbeitern anderer Wirtschaftszweige nicht schlecht ab. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhielten die deutschen Arbeitnehmer im vergangenen Jahr einen Bruttolohn von durchschnittlich 26.700 Euro. Nach Berechnungen des DIW entspricht das einem Bruttolohn von 19,70 Euro je Stunde, worin Zahlungen für Urlaub sowie für Feier- oder Krankheitstage enthalten sind. Berufserfahrene Lokomotivführer verdienten also mehr als der durchschnittliche Arbeitnehmer in Deutschland, erläutert Karl Brenke vom DIW.

Die GDL verweist bei ihren Lohnforderungen stets auf die hohe Verantwortung der Lokführer, die entsprechend entgolten werden müsste. Deshalb hat das DIW auch die Bruttolöhne der Lokführer mit denen der Beschäftigten im produzierenden und verarbeitenden Gewerbe der deutschen Industrie verglichen. Dabei habe man, um den „Lokomotivführern möglichst gerecht zu werden, als Vergleichsgruppe Facharbeiter mit verantwortungsvollen Aufgaben herangezogen“, schreiben die Wissenschaftler in der Studie. Rechne man Jahressonderzahlungen wie Urlaubs- und Weihnachtsgeld heraus, erhalte ein berufserfahrener Lokführer einen Bruttolohn von etwas mehr als 20 Euro die Stunde.

29 Euro pro Stunde für den promovierten Volkswirt

Dagegen verdient ein Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe durchschnittlich 17,59 Euro. „Eindeutig besser als die Lokomotivführer werden allein die Facharbeiter in der Mineralölindustrie, im Verlagsgewerbe und in der Automobilindustrie bezahlt“, schreiben die DIW-Volkswirte weiter. Ein weiterer Vergleich mag die Löhne der Lokführer relativieren. So zahlt die staatliche Berliner Fachhochschule für Wirtschaft einem promovierten Volkswirt als Dozent einen Bruttolohn von 29 Euro je Stunde. Die Vorbereitung der Vorlesung sowie die Anreise zur Fachhochschule sind in den 29 Euro enthalten.

Derzeit verhandelt die Bahn ungeachtet des Tarifkonflikts mit der GDL mit den beiden anderen Bahngewerkschaften Transnet und GDBA über neue Entgeltstrukturen für alle Beschäftigten des Konzerns. Die Bahn sei bereit, in den kommenden Jahren einen dreistelligen Millionenbetrag für Personalausgaben bereitzustellen, sagte jüngst der Transnet-Vorsitzende Norbert Hansen. Mitte nächsten Jahres sollen die Gespräche abgeschlossen sein. Dann sollen künftig auch die Lokführer nicht bereits nach vier Jahren das Ende der Gehaltsstufe erreicht haben, versichert die Bahn.

Text: F.A.Z., 21.11.2007, Nr. 271 / Seite 12
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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