07. August 2007 Im Tarifkonflikt bei der Bahn hat sich die Gewerkschaft der Lokomotivführer (GDL) offen für eine Schlichtung gezeigt. GDL-Chef Manfred Schell sagte am Dienstag im TV-Sender N-24, seine Organisation würde sich nicht dagegen sperren, einen Moderator einzubeziehen, der Bewegung in den Konflikt bringen wolle. Bei den Gehaltshöhen verbat sich GDL-Chef Schell jedoch jede Einmischung von außen. Für diesen Punkt brauche ich keinen Dritten. Einer Schlichtung zur Beilegung eines Tarifkonflikts müssen beide Konfliktparteien zustimmen.
Die GDL will ab Donnerstag streiken, um ihre Forderung nach einem eigenen Tarifvertrag für das Fahrpersonal und nach Lohnerhöhungen um mehr als 30 Prozent durchzusetzen. Zum Auftakt ihres Arbeitskampfes will sie bundesweit den Bahn-Güterverkehr lahmlegen. Der Personenverkehr soll zunächst nicht bestreikt werden. Dieser dürfte aber durch den geplanten Stillstand beim Güterverkehr belastet werden.
Bahn-Personalvorstand Margret Suckale bewertete die Bereitschaft der GDL, einen Schlichter zu akzeptieren, als Schritt in die richtige
Richtung und forderte die GDL auf, die Streikdrohungen vom Tisch zu nehmen. Nur am Verhandlungstisch können wir zu einer Lösung kommen,
sagte Suckale in Berlin. Unsere ständigen Appelle an die GDL-Führung zeigen offensichtlich Wirkung, fügte sie hinzu. Die Mediation kann sehr schnell beginnen, sie wäre jetzt der richtige Schritt, fügte sie hinzu. Einen Personalvorschlag machte sie jedoch nicht.
Auch Tiefensee sieht in Schlichtung ein probates Mittel
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee rief die Tarifparteien auf, an den Verhandlungstisch zurückzukehren. Auch in einer Schlichtung sähe sein Ministerium einen gangbaren Weg. Wenn die Tarifparteien so weit auseinanderliegen, dass keine Einigung möglich ist, dann ist ein Schlichter ein probates Mittel, sagte eine Ministeriumssprecherin.
Nach Einschätzung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) müssen sich deutsche Unternehmen wegen der angekündigten Streiks der Lokführer auf erhebliche Verluste einstellen. Komme es zu flächendeckenden Arbeitsniederlegungen bei der Güterbeförderung, wären durchaus zwei- bis dreistellige Millionenbeträge pro Tag fällig, sagte DIW-Verkehrsexpertin Claudia Kemfert . Während Betriebe der Nahrungsmittelbranche im Notfall noch auf Lastwagen umsteigen könnten, seien insbesondere die Stahlhersteller und Metallverarbeiter stark auf die Bahn angewiesen. Müsse die Produktion gestoppt werden, könnten sehr schnell hohe Kosten anfallen.Große Unternehmen befürchten bereits Auswirkungen auf die Produktion. Bei einer längeren Blockade könne es Engpässe bei der Rohstoffversorgung geben, hatte der Bundesverband Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) mitgeteilt.
Versorgungsengpässe in der Stahlindustrie
BME-Verbandsgeschäftsführer Holger Hildebrandt sagte, die meisten Unternehmen könnten einen Streik von ein bis zwei Tagen überbrücken. Danach wird sich der Versorgungsengpass auf die Produktivität auswirken. Ein Sprecher der Salzgitter AG betonte: Für die Stahlindustrie ist das Verkehrsaufkommen, das wir mit der Bahn haben, gewaltig.
Der zweitgrößte deutsche Stahlhersteller erwartet von einem längeren Bahnstreik erhebliche Beeinträchtigungen. Salzgitter habe Pufferlager, um die Produktion sicherzustellen. Für eine lang anhaltende Störungsperiode reiche das aber nicht. Branchenkreisen zufolge kann Salzgitter bis zu zwei Wochen ohne Nachschub an Eisenerz und Koks auskommen.
Volkswagen rechnet mit Schäden in Millionenhöhe
Auch Volkswagen würde ein Arbeitskampf treffen. Europas größter Autobauer rechnet durch den bevorstehenden Streik im Güterverkehr der Bahn täglich mit Schäden in Millionenhöhe. Analysen im Vorfeld des von der Lokführergewerkschaft angekündigten Arbeitskampfes hätten ergeben, dass durch Produktionsausfälle bei einem durchschnittlichen Automobilwerk mit einem Schaden in dieser Größenordung gerechnet werden müsse, sagte ein VW-Sprecher am Dienstag in Wolfsburg. Die Marke Volkswagen produziert im Inland an insgesamt neun Standorten. Hinzu kommen zwei Werke der VW-Tochter Audi.
Derzeit würden Strategien für ein Ausweichen der Transporte auf die Straße erarbeitet, sagte der Sprecher weiter. Wir haben im Moment keine Ahnung, an welchem Standort es uns trifft. Die Logistik sei alarmiert, ein Krisenstab eingerichtet.
BASF setzt auf private Anbieter
Der Chemiekonzern BASF will bei einem Streik im Güterverkehr der Deutschen Bahn auf private Anbieter ausweichen. Das Unternehmen verfüge über Alternativen, sagte eine Sprecherin am Stammsitz Ludwigshafen am Dienstag auf Anfrage. So sei die BASF zu 25 Prozent am Eisenbahnunternehmen Rail4chem beteiligt. Die BASF wickelt etwa ein Drittel des Güterverkehrs von und zum Standort Ludwigshafen über die Schiene ab. Der größte Teil läuft über private Anbieter, sagte die Sprecherin. Die konkreten Auswirkungen eines Streiks ließen sich erst benennen, wenn die Einzelheiten klar seien.
Die GDL hatte den Streikbeginn nach Auszählung der Urabstimmung mit 95,8 Prozent Ja-Stimmen am Montag angekündigt. Sie fordert einen eigenständigen Tarifvertrag für die Lokführer und 31 Prozent mehr Geld. Die Bahn kritisierte den Arbeitskampf scharf und lehnte es ab, einem Ultimatum für ein neues Tarifangebot bis Dienstagabend nachzukommen.
Private Güterbahnen fürchten Behinderungen
Wegen des angekündigten Lokführerstreiks bei der Deutschen Bahn an diesem Donnerstag fürchten auch private Güterbahnen um ihr Geschäft. Glauben Sie nicht, dass die Lokführer rechts ran fahren und den übrigen Verkehr weiterrollen lassen, sagte der Geschäftsführer des Netzwerkes Privatbahnen, Arthur-Iren Martini, der Hörfunkagentur dpa/Rufa. Das Netz ist wie eine Wasserleitung, wenn Sie irgendwo eine Barriere einbauen, ruht das ganze System. Durch einen Streik könne es für private Güterbahnen zu existenziellen Nöten kommen, wenn sie regelmäßige Lieferungen nicht gewährleisten könnten. Wenn unsere Lokführer nicht fahren können, dann haben wir keinen Umsatz. Diverse Kostenbelastungen bestünden aber weiter.
Der Vorsitzende der Gewerkschaft Deutscher Lokführer (GDL), Manfred Schell, zeigt sich offen für die Vermittlung eines Schlichters im Tarifkonflikt mit der Bahn. Er sagte am Dienstag im Fernsehsender N24: Wenn irgendein sogenannter Moderator hineinkommen sollte, der dann versucht, irgendetwas in die Wege zu leiten, dann würden wir uns nicht dagegen sperren.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, reuters
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