Landwirtschaft

Die Milchbauern-Rechnung

Von Alexander Armbruster

Knapp 23 Cent gibt es je Liter Milch. Vor einem Jahr waren es 50 Prozent mehr

Knapp 23 Cent gibt es je Liter Milch. Vor einem Jahr waren es 50 Prozent mehr

30. Mai 2009 Letzte Weihnachten waren sie bis abends um acht mit dem Stall so weit. Weil alle mit angepackt haben, die ganze Familie inklusive der drei Kinder. Für Hartwig Dammeyer, den Vater, war das früh. Normalerweise ist er nicht vor 21 Uhr fertig, bis alle Kühe versorgt, der Trecker abgestellt und der Hof aufgeräumt ist. Dreizehn Stunden hat er bis dahin schon gearbeitet, auf mehr als neunzig kommt er in der Woche. Die lange Arbeitszeit, sagt er, sei allerdings kein Problem. „Mir macht das Spaß, der Betrieb ist ein Teil von mir, und ich bin ein Teil des Betriebs.“ Und doch reicht sein Einsatz nicht. Denn wenn kein Wunder geschieht, ist der Milchbauernhof, den er und seine Frau Annedore führen, bald pleite.

Grund für die drohende Misere ist aus Sicht der Dammeyers der niedrige Milchpreis. Knapp 23 Cent bekommen sie momentan für jeden Liter, im April haben sie mit ihren 240 Milchkühen insgesamt ein bisschen mehr als 36.000 Euro aus dem Milchverkauf erlöst. Dazu kamen noch einmal 4780 Euro für Schlachtvieh. Bei Ausgaben in Höhe von 52.000 Euro ergibt sich damit unter dem Strich ein Minus von 10.600 Euro. Und darin sind die 2400 Euro für die Krankenversicherung und die Rente, auf die die beiden einmal hoffen, nicht enthalten. Ein eigenes Einkommen haben sie sich auch noch nicht ausgezahlt.

„Wo sollen wir denn Abstriche machen?“

Dabei waren die Kosten im April nicht außergewöhnlich hoch. Genauso viel mussten die Dammeyers auch im März und im Februar zahlen – überhaupt sind die 52.000 Euro ein über die vergangenen Jahre ziemlich konstanter Wert. Das ist bisher kein großes Problem gewesen, weil auch der Literpreis für Milch in der gleichen Zeit fast ausnahmslos zwischen 33 und 34 Cent geschwankt hat; nur einmal lag er nicht in dieser Bandbreite – sondern deutlich darüber. Im April des vergangenen Jahres bekamen die Dammeyers immerhin 33,94 Cent für einen Liter und erlösten damit rund 20.000 Euro mehr als im vergangenen Monat. Damals war das genug, um die Kosten zu decken. Seitdem fällt der Preis, weil zum einen die Politik größere Milchmengen erlaubt hat und zudem viele Bauern ohnehin mehr produzieren und verkaufen, als sie eigentlich dürften.

Die Dammeyers wissen nun nicht, was sie machen sollen. Die Ausgaben zu verringern, halten sie für unmöglich. „Wo sollen wir denn Abstriche machen?“ Für 16.000 Euro füttern sie ihre Kühe. „Am Futter können wir nicht sparen, weil daran die Leistungsfähigkeit unserer Tiere hängt.“ Um die Kühe künstlich befruchten zu lassen und für den Tierarzt geben sie monatlich 2400 Euro aus – auch daran lässt sich aus ihrer Sicht nicht rütteln. Blieben die 12.000 Euro, die jeden Monat zusammen an die sieben Angestellten fließen. Dass jeder von ihnen weniger bekommen könnte, lehnt Dammeyer ab. „Ihnen bleiben heute ja nur 1000 Euro netto, das ist sowieso schon zu wenig.“ Vielleicht muss er entlassen. Ausschließen will er das jedenfalls nicht, auch wenn unklar ist, wer dann die ganze Arbeit machen soll.

Die niedrigere Agrardieselsteuer bringt den Dammeyers wenig

Dass die Bundesregierung beschlossen hat, die Agrardieselsteuer zu ermäßigen, hilft den Dammeyers kaum. Aufs Jahr gerechnet, entlaste sie das um 5400 Euro, auf den Monat umgerechnet, um 450 Euro, auf jeden Liter Milch umgerechnet, um 0,34 Cent. „Das war ohnehin eine Maßnahme, die vor allem den Ackerbauern hilft und nicht uns“, sagt Annedore Dammeyer. Die Bäuerin ist mit der Arbeit des Deutschen Bauernverbandes unzufrieden. Sie könne nicht verstehen, warum nicht schon alle Milchviehhalter in den „eigenen“ Verband gewechselt sind.

Wie sehr nicht nur ihr Hof, sondern die ganze Branche momentan leide, hat sie am Freitag auch Angela Merkel erzählen dürfen, die ins Kanzleramt geladen hatte, um sich aus Milchbäuerinnen-Mund über die Milchbäuerinnen-Probleme zu informieren. Für Annedore Dammeyer steht fest: Die Politik darf nicht nur den Banken und Opel helfen, sondern muss auch etwas für sie und die anderen Milchbauern tun. Zumal sie ja weder Geld noch eine Bürgschaft wolle. „Da ist im Moment sowieso nichts mehr da.“ Sie will, dass die Regierung die Milchquoten senkt. Denn wenn die Bauern weniger Milch auf den Markt bringen dürfen, hofft sie, dass der Preis wieder zulegt. Und zwar schnell genug, um den Milchviehhaltern rechtzeitig aus der Patsche zu helfen. Von 40 Cent je Liter könnten sie leben, von deutlich über 30 die Kosten decken und auch langfristig durchkommen.

„Angefangen haben wir wie Kängurus“

Annedore Dammeyer kann durchaus nachvollziehen, dass die Kanzlerin befürchtet, höhere Milchpreise könnten in der Folge auch andere Lebensmittel teurer machen. Und dass eine die Konsumenten verschreckende Preiserhöhung gerade in der aktuellen Situation das Letzte ist, was die Regierungschefin gebrauchen kann. Doch sie sagt: „Es kann nicht sein, dass eine kleine Gruppe von Milchbauern zur Sklavenarbeit verdammt ist zum Wohle des Rests der Gesellschaft.“

Dass es einmal so weit kommen würde, haben die Dammeyers nicht gedacht, als sie 1992 aus Ostfriesland vom heimischen Hof aufgebrochen sind, um nach der Wende in den neuen Bundesländern ihr Glück zu versuchen. Für 200.000 Mark haben sie damals die ehemalige LPG in Hohengöhren im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt gekauft. „Wir sind zum Schnuppern rübergezogen“, sagt Hartwig Dammeyer – ohne viel eigenes Kapital, dafür mit dem Mut zum Risiko. „Angefangen haben wir wie Kängurus – mit leerem Beutel und großen Sprüngen.“ Nie, sagen die beiden, hätten sie mit dem Hof reich werden wollen. Dass er zum Leben reicht, sei das Ziel gewesen.

Während der neunziger Jahre haben sie investiert, einen neuen, größeren Stall gebaut und eine moderne Melkanlage installiert. Aus den 360.000 Litern, die sie zu Beginn jedes Jahr an die Molkereien verkauften, sind mittlerweile 1,8 Millionen geworden. Dazu bestellen sie 444 Hektar Land, von denen ihnen 100 einmal gehörten – bis die Milchpreise zu sinken begannen und die Flächen für einen Bankkredit verpfändet werden mussten.

Hoffen auf die Banken

Dass sie für den Teil ihres Areals, den sie landschaftlich erhalten, von der Politik eine feste Ausgleichszahlung bekommen, sei momentan der einzige Grund, aus dem sie noch nicht bankrottgegangen seien. Denn die Zahlungen sind sicher, und sie konnten damit einen Kredit aufnehmen, aus dem der laufende Betrieb bezahlt werde. Die Staatszuschüsse fließen dafür nun direkt an die Bank. Gezahlt würden sie nach derzeitigem Stand im Dezember. So lange reicht auch der Kredit ungefähr noch. Wenn der Milchpreis bis dahin nicht zugelegt hat, sei nichts mehr da.

Hartwig Dammeyer hofft darauf, dass die Banken dann noch mal mit einem Kredit weiterhelfen, so lange, bis irgendwann wieder bessere Zeiten für ihn kommen. „Denn wirklich etwas anfangen mit dem Hof können die ja auch nicht.“ Wenn kein Kredit kommt und der Milchpreis nicht steigt, dann ist an Weihnachten auf dem Hof sicher Schluss – und nicht erst um acht Uhr abends.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.

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