Von Konrad Mrusek
15. April 2008 Als Rudolf Diesel vor knapp hundert Jahren seinen Motor zur Probe auch mit Erdnussöl laufen ließ, wollte er nicht das Klima schützen, sondern sich bloß als Tüftler betätigen. Wer heute Biotreibstoffe als Ersatz für Diesel oder Benzin empfiehlt, gilt nicht mehr als findiger Ingenieur, sondern als Scharlatan. Agrotreibstoffe, die noch vor kurzem als bio, also als lebensfördernd galten, haben jetzt einen miesen Ruf. Viele halten es für umweltschädlich, vor allem aber für ethisch verwerflich, aus Weizen Ethanol zu machen oder aus Soja- oder Rapsöl Biodiesel zu gewinnen. Immer lauter werden die Rufe, die staatliche Förderung zu verringern, die es vor allem in Amerika, im kleineren Maßstab auch in Deutschland gibt.
Die Kritik lautet, der Anbau dieser Stoffe als Öl-Ersatzstoffe verdränge traditionellen Ackerbau und trage mit dazu bei, Nahrungsmittel zu verteuern. Auch wird befürchtet, dass Monokulturen mit Energiepflanzen noch mehr Tropenwälder in Asien und Lateinamerika zerstören. Als Umweltminister Gabriel vor wenigen Tagen die höhere Beimischung von Bioethanol in Benzin stoppte, stand im Vordergrund, dass er sich nicht den Zorn von Millionen von Autofahrern zuziehen wollte, die teureres Super-Benzin hätten tanken müssen. Der technisch und statistisch begründete Verzicht war indes auch ein politisch geschickter Ausstieg aus einer ökologisch immer zweifelhafteren Position.
Eine grüne Parole
Selten ist ein Bio-Etikett so schnell entwertet worden. Agroenergie wurde noch vor kurzem als ein Wundermittel zum Klimaschutz. Biomasse aus Wald und Feld sollte nicht nur Kohlendioxid-Emissionen vermeiden, sondern auch die Abhängigkeit von Öleinfuhren verringern. Die biogenen Illusionen haben viele genährt, auch solche, die nun davon nichts mehr wissen wollen - wie etwa die Grünen und die Umweltorganisationen. Biokraft statt Kernkraft ist eine grüne Parole. Auch Landwirte fanden schnell heraus, wie sehr es sich lohnt, Energiewirt zu sein. Denn für die Erneuerbaren fließen viele Subventionen. Schließlich entdeckte auch die Autoindustrie Biosprit als grüne Idee.
Eine breite Interessengemeinschaft klatschte daher Beifall, als im Klimaschutz Biomasse zur wichtigen Energie-Option wurde. Nicht nur für Strom aus Biogas-Anlagen soll es mehr Geld geben, auch die Biosprit-Beimischung sollte kräftig steigen. Deutschland peilte für 2020 einen Anteil von fast zwanzig Prozent an, also das Doppelte dessen, was die EU sich vorgenommen hat.
Befürchtungen schon im letzten Sommer
Diese Ziele wurden gesetzt, obwohl einzelne Fachleute schon Mitte 2007 gewarnt hatten, dass die Klimabilanz von Agrotreibstoffen nicht überzeuge und das heimische Potential nicht ausreichen werde. Man müsste also Rohstoffe aus anderen Ländern einführen, und dies hätte Folgen für die Erzeugung und Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln. Die Warnungen wurden indes überhört. Erst als die Lebensmittelpreise stark stiegen, wurden viele hellhörig. Und als das Ausmaß bekannt wurde, in dem Flächen für Energiepflanzen umgewidmet werden, wurden Befürworter leiser und die Kritiker lauter.
Biosprit ist ein Beispiel dafür, wie die Politik den Markt beeinflussen kann. Wenn Weizen und Soja energetisch nutzbar werden, koppeln sich ihre Preise an die Öl-Notierungen. Daher müssen die Förderung von Biosprit und die Beimischungsquoten überprüft werden. Die Industriestaaten wenden dafür inzwischen etwa 15 Milliarden Dollar auf. Die preistreibende Wirkung ist zwar noch nicht so groß, wie manche behaupten. Das Wachstum der Weltbevölkerung und vor allem der größere Nahrungsverbrauch der Neureichen in Asien treiben die Agrarpreise viel stärker als die Nachfrage nach Ethanol oder Biodiesel. In Europa werden bisher knapp zwei Prozent des Getreides für Bioethanol verwendet. Fast sechzig Prozent werden an Tiere verfüttert, weil die Konsumenten immer mehr Fleisch und Milchprodukte verlangen.
Ist Biosprit eine Verirrung?
Auch wenn biogene Treibstoffe bisher zur Preissteigerung noch nicht viel beitrugen, so wird sich der Nutzungskonflikt verschärfen. Im nächsten Jahrzehnt wird vermutlich der weltweite Verbrauch von Weizen und Ölsaaten um fast zwanzig Prozent zunehmen, weil die Bevölkerung wächst und der Fleischkonsum steigt. Die höhere Nachfrage nach Agrotreibstoffen kann nur gedeckt werden, wenn mehr Boden unter den Pflug genommen wird. Die größten Reserven liegen aber in Südamerika, und dort ist der Regenwald schon jetzt besonders von Abholzung bedroht. Nachhaltigkeitszertifikate für Biosprit, welche die EU plant, werden das wohl kaum aufhalten.
Müssen sich die Menschen in den entwickelten Ländern also zwischen Teller und Tank entscheiden, ist Biosprit eine Verirrung? Einige wiegeln ab und sagen, ein Drittel der Felder sei schon immer für Hafer und damit für Zugtiere verwendet worden. Der Vergleich ist hanebüchen. Autos haben heute ganz andere Pferdestärken, einen anderen Verbrauch und ein anderes Verhältnis in der Nutzung. Die Vernunft gebietet, erst weitere Methoden zur Verringerung des Benzinverbrauchs zu erkunden und auf Treibstoffe aus biologischen Reststoffen oder hydriertem Pflanzenöl zu warten, die weniger wertvollen Acker brauchen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ZB
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