19. Februar 2007 Unsere Welt wird immer ungerechter. Denn die Einkommen sind immer ungleicher verteilt. Das sagen viele: Die internationalistischen Linken sagen es seit 150 Jahren, die Konservativen Kontinentaleuropas stimmen längst melancholisch zu. Doch jetzt ängstigt sich sogar der Chef der amerikanischen Notenbank Ben Bernanke.
In zwei starkbeachteten Reden in den vergangenen Tagen stellt Bernanke fest: Im Lauf der letzten drei Dekaden haben sich die Einkommensgewinne der Menschen ziemlich unterschiedlich entwickelt. Während die Mittelschichten gut 10 Prozent mehr haben, wurde das oberste Zehntel der Bevölkerung um 34 Prozent reicher. Die Löhne der untersten zehn Prozent der Sozialpyramide wuchsen dagegen lediglich um magere vier Prozent.
Selbst Amerikaner sind alarmiert
Nicht nur, aber eben auch für Amerikaner sind diese Zahlen alarmierend. Denn Gleichheit gehört zum Gründungsmythos der transatlantischen Einwanderer: Jedermann soll die gleichen wirtschaftlichen Chancen im Leben erhalten, um daraus für sich das Beste zu machen. Es ist kein Problem der Gerechtigkeit, dass die Ergebnisse dieser Anstrengung ungleich ausfallen. Doch es ist eine große Kränkung, sollte es sich herausstellen, dass allein die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht den Hebel der Einkommensmaximierung definiert.
Technischer Fortschritt als Verursacher
Wie konnte es so weit kommen? Aussichtsreichster Kandidat als Verursacher der Einkommensspreizung ist, anders als man denken könnte, nicht die Globalisierung, sondern der technische Fortschritt. Um an den technischen Entwicklungen partizipieren zu können, bedarf es menschlicher Fähigkeiten, die nur durch immer mehr Bildung und einen guten Riecher für die eigenen Karrierechancen erworben werden.
Unternehmen, die überdurchschnittlich viel Geld für Forschung und Entwicklung ausgeben, neigen dazu, auch besonders gut ausgebildete und deswegen überdurchschnittlich produktive Facharbeiter und Ingenieure einzustellen und sie überdurchschnittlich gut zu bezahlen. Die weniger gut geschulten Arbeitnehmer verlieren; die Einkommensdifferenz nimmt zu.
Erpressungsmacht der Manager generiert Zugewinn
Doch warum steigen die Gehälter der gut ausgebildeten Mittelschichten weniger stark als die Einkommen der Unternehmensbosse? Haben die Vorstände die besseren Doktorarbeiten geschrieben, die schlaueren Erfindungen gemacht oder die Bilanzierungsregeln der Unternehmen revolutioniert? Wohl kaum. Den technischen Fortschritt haben auch sie nicht so viel besser genutzt, dass dies den überdurchschnittlich satten Zuwachs ihrer Einkommen rechtfertigte.
Während die gigantischen Gagen der Superstars im Show- und Sportgeschäft sich zumindest auf einen mit DVD, Internet und Merchandising global erweiterten Markt berufen können, fehlt den Arbeitsmärkten der Wirtschaftsführer ein vergleichbarer Verstärker, der den Gehaltssprung plausibel werden ließe. Es bleibt der Verdacht, dass die Erpressungsmacht der Manager gegenüber Aktionären oder Eigentümerfamilien einen monopolistischen Zugewinn generiert.
Der wachsende Abstand zwischen Mittel- und Oberschichten ist der eigentliche Skandal der neuen Ungleichheit, auch wenn die moralisierenden Diskurse der Öffentlichkeit sich meistens eher der Unterschichten erbarmen. Vom Standpunkt der Meritokratie, welche Entlohnung und Leistung als Äquivalenzverhältnis betrachtet, ist indessen nichts daran auszusetzen, dass Bildungs- und Produktivitätsdifferenzen sich im Einkommen spiegeln (sofern alle Menschen Zugang zu Bildung erhalten und niemand in Armut fällt). Doch solange eine neue Managerklasse einfach nur abkassiert, bleibt hier ein Gerechtigkeitsproblem.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 34
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa
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