14. September 2005 Die Strompreise sind ein Reizthema in Deutschland. Politiker, Industrieunternehmen und Wettbewerbshüter werfen den vier großen Stromkonzernen Eon, RWE, Vattenfall und ENBW vor, den Wettbewerb auf dem Strommarkt ausgehebelt zu haben und nun den Strompreis bewußt hochzutreiben.
Die Stromwirtschaft hält dagegen: Steigende Energiepreise und der Handel mit Kohlendioxyd-Emissionsrechten seien für den Preisanstieg verantwortlich.
Axel Ockenfels, Ökonomieprofessor an der Universität zu Köln und Direktor des Energiewirtschaftlichen Instituts (EWI), erklärt die ökonomischen Besonderheiten des Strommarktes. Eine Überwälzung der Preise für die Emissionsrechte auf die Strompreise sei ökonomisch gerechtfertigt.
Die Strompreise steigen stetig. Sind die Gesetze des Wettbewerbs auf dem Strommarkt außer Kraft gesetzt?
Nein, steigende Preise sind kein Indiz für Marktversagen. Bei relativ unelastischer Nachfrage, wie man sie auf Strommärkten vorfindet, determinieren in einem funktionierenden Markt vor allen Dingen die variablen Kosten den Preis. Da diese auf Strommärkten ständig in Bewegung sind, gilt dies auch für den Preis. Zudem sollten aufgrund der stark schwankenden Nachfrage Preisspitzen, wie wir sie auf den Strommärkten beobachten, auch in einem perfekten Strommarkt auftreten und müssen nicht unbedingt das Resultat von Marktmacht sein.
Kritiker führen an, daß sich der Strompreis an der Börse in Leipzig von Sommer 2000 bis Sommer 2005 verdreifacht hat. Kann die Erhöhung der Preise für Öl und Gas diese Strompreisentwicklung wirklich erklären?
Zum Teil ja, denn Brennstoffpreise sind Teil der variablen Kosten. Es bleibt allerdings eine Lücke, die zu erklären ist.
Wie?
Wir sind in die Liberalisierung mit enormen Überkapazitäten gegangen, so daß der Wettbewerb nur Strompreise in Höhe der kurzfristigen variablen Kosten erlaubt hat. Inzwischen sind die Preise auf einem Niveau angelangt, das auch Investitionen in neue Kraftwerke rechtfertigt, wie sie in den nächsten Jahren anstehen. Auch diese Entwicklung ist in einem Wettbewerbsmarkt normal.
Welchen Einfluß hat der Preisanstieg für die Kohlendioxyd-Emissionsrechte auf den Strompreis?
Etwa 95 Prozent der aktuellen Strompreisbewegungen sind auf die Entwicklung der Kohlendioxyd-Zertifikatspreise zurückzuführen. Die Energieversorger überwälzen die Preise für die Zertifikate auf den Strompreis.
... und haben sich damit ein Verfahren beim Bundeskartellamt eingehandelt, weil die Zertifikate kostenlos zugeteilt wurden. Gibt es eine ökonomische Rechtfertigung für die Überwälzung?
Ja, da der Zertifikatspreis Teil der variablen Kosten ist, muß er auch preiswirksam sein. Die Zertifikate haben ja einen Wert, nämlich aktuell rund 25 Euro je Tonne Kohlendioxyd. Und der Verzehr dieses Wertes verursacht echte variable Kosten, ganz unabhängig von dem Zuteilungsverfahren der Zertifikate.
Andere energieintensive Branchen, die ebenfalls am Zertifikatehandel teilnehmen, in denen aber starker Wettbewerb herrscht, können die Preise der Zertifikate nicht so einfach überwälzen. Ist das nicht ein Zeichen für unzureichenden Wettbewerb in der Stromwirtschaft?
Nein, in wettbewerblichen Märkten hängt die Frage, ob Zertifikatspreise oder zum Beispiel auch Steuern übergewälzt werden können, von der Elastizität der Nachfrage ab. Diese kann in unterschiedlichen Branchen durchaus differieren. Auf Strommärkten ist sie jedoch notorisch gering, so daß eine Überwälzung folgerichtig ist und auch so in der Wirtschaftswissenschaft prognostiziert wurde.
Haben sich die Zertifikatepreise von der Realität entkoppelt? Heute kostet die Vermeidung einer Tonne Kohlendioxyd-Emission weit weniger als 25 Euro. Warum kaufen die Energieversorger trotzdem Zertifikate, anstatt in Klimaschutz zu investieren, wie es eigentlich von der Idee des Emissionsrechtehandels vorgesehen ist?
Die Höhe der Zertifikatspreise ist in der Tat für viele überraschend, denn die Vermeidungskosten erscheinen zumindest langfristig geringer zu sein. Eine mögliche Erklärung ist, daß Kohlendioxyd-Einsparungen kurzfristig vor allen Dingen durch Substitution von Brennstoffen erreicht werden, zum Beispiel von Kohle durch Erdgas. Dies kann in der Tat zu kurzfristig höheren Preisen führen. Außerdem gibt es Unsicherheiten über die zukünftigen Klimaziele im Rahmen des Emissionshandels, so daß Investitionen mit längerem Planungshorizont behindert werden könnten.
Ist die Förderung erneuerbarer Energien sinnvoll?
Ja. Die Frage ist nur, wie. Einspeisevergütungen, wie wir sie heute in Deutschland haben, sind teuer, können aber Sinn machen, solange man Forschung und Innovation unterstützen möchte. Aber mittelfristig ist es wichtig, sich auf eine kosteneffiziente Realisierung der für das Klima letztlich relevanten Mengenziele zu konzentrieren und daher den Übergang zu einer marktgerechten und anreizbasierten Förderung Schritt für Schritt zu vollziehen. Dabei müßten der Wettbewerb zwischen den erneuerbaren Energien intensiviert werden und erneuerbare Energien an den wettbewerblichen Strommarkt herangeführt und schließlich integriert werden.
Das Gespräch führte Holger Schmidt.
Text: F.A.Z., 15.09.2005
Bildmaterial: MaxPlanckForschung, Wolfgang Filser
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