21. November 2005 Eon Hanse hat nach heftiger Kritik an seiner Preisgestaltung als erster deutscher Gasversorger die Kalkulation offengelegt und gleichzeitig eine weitere zehnprozentige Preiserhöhung angekündigt. Der Spiegel nährt Zweifel an den Berechnungen.
Aus den Zahlen ergebe sich, daß Eon Hanse noch nicht einmal die gestiegenen Beschaffungskosten an seine rund 500.000 Kunden im Großraum Hamburg weitergereicht habe, sagte der Vorstandsvorsitzende des norddeutschen Energieversorgers Hans-Jakob Tiessen am Montag in Quickborn bei Hamburg. Einen detaillierten und mit Testaten von Wirtschaftsprüfern versehenen Schriftsatz hat das Unternehmen beim Hamburger Landgericht eingereicht, wo eine Sammelklage gegen die Preiserhöhungen anhängig ist. Mit der Offenlegung kommt der Energieversorger einer möglichen Aufforderung der Justiz zuvor.
Ermessenspielräume
Wegen deutlich gestiegener Beschaffungskosten dreht das Unternehmen weiter an der Preisschraube. Zum 1. Januar 2006 verteuert sich eine Kilowattstunde um 0,51 Cent auf 4,77 Cent (netto) oder 5,54 Cent (brutto). Bei einem Jahresverbrauch von 18.000 Kilowattstunden erhöht sich die Gasrechnung um rund 100 Euro. Wir bleiben bei unserer Einschätzung, daß unsere Gaspreise Marktpreise sind, sagte Tiessen. Bei jeder Kalkulation gebe es Ermessungsspielräume, die Bilanz 2004 sei von unabhängigen Wirtschaftsprüfern testiert. Eon Hanse erzielte einen Gewinn von 123 Millionen Euro bei rund 2,4 Milliarden Euro Umsatz.
Nach den am Montag vorgelegten Daten, die sich auf den Eon-Tarif Klassik II beziehen, hat sich die Vertriebsmarge für Haushaltskunden zwischen 2004 und 2005 von 0,08 auf 0,05 Cent je Kilowattstunde reduziert. Die Beschaffungskosten erhöhten sich im gleichen Zeitraum von 2,27 auf 2,88 Cent je Kilowattstunde. Diese Zahlen belegen zum einen den deutlichen Anstieg der Bezugskosten, sie zeigen aber auch, daß wir unsere Vertriebsmarge im Vergleich zum Vorjahr quasi halbiert haben, sagte Tiessen. Die Bezugskosten kletterten seinen Angaben zufolge binnen zwei Jahren seit Anfang 2004 um 70 Prozent, nur rund 40 Prozent davon konnten an die Kunden weitergegeben werden. Eon Hanse bezieht sein Gas von vier Vorlieferanten Wingas, Shell, ExxonMobil und VNG, mit denen Eon Hanse nicht verbunden ist.
Zahlen nicht genügend differenziert
Nach Ansicht des Bundes der Energieverbraucher sind die Zahlen des Versorgers nicht detailliert genug. Die Befürchtung, daß die Preise überhöht sind, werden in keinster Weise ausgeräumt, sagte der Vorsitzende des Bundes, Aribert Peters, am Montag in Rheinbreitbach in der Nähe von Koblenz. Die Zahlen sind nicht so differenziert, wie wir sie für eine Beurteilung bräuchten, sagte Peters. So seien die Netzkosten, die sich aus mehreren Positionen zusammensetzten, mit einer Gesamtsumme ausgewiesen. Es fehlten auch Angaben dazu, wie sich die Kosten auf Großkunden und Haushaltskunden verteilten.
Peters vermutete, daß Eon Hanse das Gas zu teuer einkauft. Es ist zu vermuten, daß die Konzernmutter die eigene Tochter günstiger versorgen könnte. Aus diesem Grund kritisiere der Bund auch die von dem Versorger angekündigte neue Gaspreiserhöhung um zehn Prozent als unangemessen, sagte Peters.
Interne Spiele der Controller
Der Spiegel berichtet, dem Magazin lägen Berechnungen der Controlling-Abteilung des Gasversorgers vor, die Zweifel an nähren. Für den internen Gebrauch hätten Controller aufgelistet, welche Kosten das Landgericht Hamburg möglicherweise in Frage stellen könnte. Danach seien den Privatkunden in der Eon-Kalkulation Kosten im hohen zweistelligen Millionenbereich zugeordnet worden, die sie möglicherweise gar nicht zu tragen hätten, darunter zu hohe Preise bei der Berechnung der Gasspeicher oder die Aufschlüsselung der Vertriebskosten zwischen Industrie- und Privatkunden. Sollten sich diese Berechnungen als richtig herausstellen, heißt es weiter, würde das aktuelle errechnete Ergebnis von Eon Hanse im Privatkundenbereich um rund 50 Millionen Euro höher ausfallen.
Das Unternehmen spreche von einer Art Diskussionspapier. Die Controlling-Abteilung sei aufgefordert worden, die damals vorliegende Kalkulation auf mögliche Einwände, auch unsinnige, zu untersuchen, berichtet der Spiegel. Die anschließende Prüfung habe dann ergeben, daß einige Punkte gerechtfertigt waren. Dies sei in die aktuelle Berechnung übernommen worden. Das nun vorgestellte Ergebnis, sei laut Eon deshalb völlig korrekt.
Neben den Bezugskosten mit einem Kostenanteil von 56,7 Prozent an dem dargestellten Gaspreis 2005 enthält er auch die Mehrwertsteuer (13,8 Prozent), die Vertriebskosten (3,5 Prozent) und die Netzkosten (25 Prozent). Der Gewinnanteil liege 2005 bei 1,00 Prozent nach 1,8 Prozent im Vorjahr, berichtet Tiessen. Im Vergleich zu 2004 hat sich der Anteil der Bezugskosten um 5,1 Prozentpunkte erhöht und hat sich damit am stärksten verändert.
Eon Hanse war unter Druck geraten, nachdem 54 Kunden des Unternehmens mit einer Sammelklage gegen die letzten drei Preiserhöhungen um insgesamt 25 Prozent vorgegangen waren. Das Landgericht Hamburg hatte deutlich gemacht, daß es Eon Hanse vermutlich zur Offenlegung seiner Kalkulation verurteilen werde. Anders lasse sich nicht überprüfen, ob die Preise des Unternehmens angemessen im Sinne des Gesetzes seien. Das Tochterunternehmen des Eon-Konzerns hatte die Aufdeckung der Kalkulation zunächst abgelehnt, da es Wettbewerbsnachteile gegenüber der Konkurrenz befürchtete.
Text: FAZ.NET mit Material der dpa
Bildmaterial: AP
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