Altenpflege

Pflegerin gesucht - rund um die Uhr für 1000 Euro

Von Carsten Germis

19. Juni 2007 Hertha Ballschuh sitzt am Tisch und beugt sich mit einer Lupe in der Hand über ein Blatt Papier. Minutenlang starrt sie teilnahmslos durchs Glas. Plötzlich wird die 91 Jahre alte Frau nervös. Ihr Oberkörper schüttelt sich, die Lupe fällt auf den Tisch. Erwartungsvoll blickt sie die Frau an, die neben ihr sitzt. Maria, 63 Jahre alt, reagiert sofort: „Hertha, musst du auf die Toilette?“ Dann greift Maria den Arm der alten Frau und hilft ihr beim Aufstehen.

Maria kommt aus Polen, aus einer Kleinstadt in der Nähe von Breslau. Doch seit fünf Wochen ist sie rund um die Uhr bei Hertha Ballschuh in ihrer Berliner Wohnung - illegal, als Pflegerin.

60.000 Familien beschäftigen Schwarzarbeiterinnen

Wohin mit dem Vater oder der Mutter, wenn sie zum Pflegefall werden? Für immer mehr Menschen in Deutschland wird diese Frage zu einem Problem. 1,3 Millionen Alte, die noch in der eigenen Wohnung leben, brauchen heute schon regelmäßige Pflege. Zehntausende kommen jedes Jahr hinzu. Die Pflegeversicherung trägt die Kosten nur teilweise, und viele Familien sind finanziell überfordert. 60.000 Familien in Deutschland beschäftigen daher Schwarzarbeiterinnen aus osteuropäischen Ländern. Diese Zahl nennt die Bundesregierung. Ambulante Pflegedienste glauben, dass mindestens 100.000 illegale Helferinnen aus Osteuropa ihnen das Geschäft kaputtmachen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel will am Montag im Koalitionsausschuss das Thema Pflege diskutieren. Doch einen Ausweg aus dem Dilemma, dass immer mehr alte Menschen Pflege brauchen, dafür aber kein Geld da ist, hat die Kanzlerin nicht.

„Irgendwann haben wir es allein nicht mehr geschafft“

Auch der Sohn von Hertha Ballschuh war auf fremde Hilfe angewiesen, um seine Mutter zu pflegen: „Irgendwann haben wir es einfach allein nicht mehr geschafft“, sagt Peter Ballschuh. Die Familie Ballschuh und Pflegerin Maria heißen in Wirklichkeit anders. Weil Maria sich illegal in Deutschland aufhält, haben alle Beteiligten Angst, ihren richtigen Namen zu nennen. Schließlich macht der Zoll Jagd auf Schwarzarbeiter. Werden die illegalen Pflegerinnen erwischt, droht nicht nur eine deftige Geldstrafe. Maria müsste das Land verlassen.

Fast zehn Jahre lang wurde Hertha Ballschuh allein von ihrem Sohn und seiner Frau gepflegt. „Jetzt muss sie Tag und Nacht betreut werden, wir konnten abends kaum noch aus dem Haus“, sagt Peter Ballschuh. Ambulante Pflegedienste hätten kaum geholfen. „Die kamen, blieben ein paar Minuten; aber wenn wir sie brauchten, waren wir allein“, schimpft der 46-jährige Vater von zwei Kindern. „Legal ist das einfach nicht zu machen“, sagt er. Mehr als 5000 Euro hätte die Familie im Monat aufbringen müssen, hätte er professionelle Pflegedienste rund um die Uhr beschäftigen wollen.

1000 Euro, ein Zimmer und freie Kost

Schon eine weniger aufwendige Pflege ist sehr teuer: Anfahrt der Pfleger, eine Grundgebühr, waschen, eine kleine Mahlzeit zubereiten, ein bisschen Ansprache - das summiert sich im Monat schnell auf 1100 Euro. Und die alten Eltern sind dann tagsüber doch meistens sich selbst überlassen. Maria ist rund um die Uhr da, bekommt 1000 Euro, dazu ein Zimmer in der Wohnung der Mutter und freie Kost. Alle sechs Wochen wechselt sie sich mit ihrer Freundin Anna ab, die wie Maria früher in Breslau als Lehrerin gearbeitet hat. Anna und Maria haben es gut getroffen. Sie sprechen von den Ballschuhs als „unseren Freunden“. Man duzt sich und trinkt abends auch schon mal ein Glas Wein zusammen.

Annas Freundin Monika, die illegal bei einer Familie in der Nähe von Frankfurt arbeitet, hat anderes erlebt. Sie weint, als sie Anna bei einem Treffen von ihren Erlebnissen erzählt. „Ich muss für die Nachbarn in der ganzen Straße die Wäsche bügeln“, berichtet sie. Anna schüttelt den Kopf. „Warum?“ Die Nachbarn erpressen die polnische Pflegerin. „Wir wissen, dass du illegal hier bist“, haben sie ihr gesagt und gedroht: „Entweder, du bügelst auch für uns, oder wir melden dich bei der Polizei.“

Behandelt wie eine Dienstmagd

Die Illegalen können sich gegen solche Übergriffe kaum wehren. „Mich duzen alle, aber ich muss alle siezen“, erzählt Monika. Sie werde behandelt wie eine Dienstmagd. „Doch was soll ich machen? Ich brauche das Geld.“

Kein Wunder, dass sich bei solchen Missständen viele Pflegedienste in Deutschland erregen: „Für mich ist das Sklavenhalterei“, sagt Norbert Janssen. Er ist Krankenpfleger und Mitinhaber des Pflegedienstes Hessen-Süd in Darmstadt. Er meint, dass den rund 10.000 ambulanten Pflegediensten durch die osteuropäischen Helferinnen 10 bis 15 Prozent Umsatz verlorengehen. „Meine Mitarbeiter sind natürlich sauer, weil ihnen die Arbeit flöten geht“, sagt Janssen. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste spricht sogar davon, dass die Zahl der Schwarzarbeiter bei der Pflege regelrecht explodiere. Dabei zeigt sich in Deutschland ein klares Nord-Süd-Gefälle. Im Osten und im Norden des Landes finden sich kaum illegale Pflegekräfte. In den wohlhabenden Ländern Baden-Württemberg, Hessen und Rheinland-Pfalz haben jedoch viele Familien das Geld, rund 1000 Euro pro Monat für eine illegale polnische Haushaltshilfe zu zahlen.

Es ginge auch legal

Das Bemerkenswerte ist: Es ginge auch legal. Eine reguläre Haushaltshilfe aus Polen, Rumänien, Bulgarien, Ungarn, Slowenien, der Slowakei und Tschechien ist mittlerweile für wenig mehr Geld auch offiziell zu engagieren. Seit 2005 gibt es Verträge mit diesen EU-Ländern, die regeln, wann Haushaltshilfen für Pflegebedürftige in Deutschland vermittelt werden dürfen.

Die Familie Eckle aus Waiblingen ist eine von 2241 Familien, die im vergangenen Jahr auf diesem Wege Hilfe fand. „Wir wollten eine legale Lösung“, sagt Martina Peter-Eckle, „und es kommt nicht viel teurer als eine illegale Lösung.“ 1218 Euro brutto zahlt die Familie an Neli Dimitrova aus Bulgarien dafür, dass sie der Mutter von Martina Peter-Eckle im Haushalt hilft. Dazu kommen 250 Euro Arbeitgeberanteil für Kranken-, Unfall- und Altersversicherung. 370 Euro darf Martina Peter-Eckle der Bulgarin für Kost und Logis wieder abziehen. „Wenn man das Pflegeheim für die Eltern ausschließt, ist das eine attraktive Alternative“, sagt sie. Wenn die Rente des Vaters oder der Mutter hoch genug ist, und das Pflegegeld von zwischen 205 und 665 Euro monatlich dazugerechnet wird, kann eine Familie diese Belastung stemmen.

„Ich muss leben und das ist schwer ohne Geld“

Der 46-jährigen Bulgarin bleiben von ihrem Gehalt netto gut 600 Euro. Dafür hat sie geregelte Arbeitszeiten und ist versichert. Die Haushaltshilfen haben eine tarifliche 38,5-Stunden-Woche, Anspruch auf freie Tage, einen Arbeitsvertrag bis 2009 und danach ein unbeschränktes Arbeitsrecht. Neli Dimitrova unterstützt mit dem Geld, das sie bei den Eckles verdient, ihre eigene Mutter in einer Kleinstadt nahe der bulgarisch-griechischen Grenze und ihren Sohn. 40 Euro Rente bekommt die Mutter im Monat, 20 Euro davon braucht sie allein für Arzneimittel.

„Ich muss leben“, sagt Neli Dimitrova, „und das ist schwer ohne Geld.“ Sie führt der 87 Jahre alten, stark gehbehinderten Mutter von Martina Peter-Eckle den Haushalt, bügelt, geht mit ihr spazieren und ist abends als Ansprechpartnerin in der Wohnung. Zur Morgentoilette und zur medizinischen Versorgung der Mutter kommt nach wie vor ein Pflege-Profi vom Arbeiter-Samariter-Bund. Der rechnet direkt mit der Pflegeversicherung ab - bis maximal 921 Euro im Monat.

Pflegedienste können alles einzeln abrechnen

Dabei könnte Neli Dimitrova die Pflege als gelernte Krankenschwester ohne Probleme mit übernehmen. Das darf sie aber nicht: „Die Ausübung pflegerischer Tätigkeiten, deren Verrichtung eine medizinische Ausbildung voraussetzt, ist nicht zulässig“, heißt es im Merkblatt der Arbeitsagentur. Schon die Hilfe bei der Morgentoilette bewegt sich in einer Grauzone zwischen Haushaltshilfe und Pflege - die von den Arbeitsagenturen großzügig toleriert wird.

Die Pflegedienste hingegen können das alles einzeln abrechnen: Hilfe beim morgendlichen Waschen durch eine Fachkraft für 20,80 Euro, durch eine Hilfskraft 14,26 Euro und durch einen Zivi 7,35 Euro. Einfache Hilfe bei der Nahrungsaufnahme für 4,61 Euro. Wo aber eine Frau aus Osteuropa wäscht und kocht, wird dieses Geschäft bedroht.

„Das ist keine Zukunftsperspektive“

„In der Regel machen die Haushaltshilfen die Pflege mit“, sagt Ulrich Kochanek, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Ambulante Dienste und stationäre Einrichtungen. „Das fängt beim Frühstückmachen an und hört bei der Injektion auf.“ Die deutschen Altenpfleger hoffen nun, dass die Politik ihnen beim Kampf mit den ungeliebten Konkurrentinnen hilft. Gesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) hat ihre Unterstützung schon zugesichert. „Das ist keine Zukunftsperspektive“, sagt sie zur Schwarzarbeit bei der Pflege. Ihr Plan: Sie will weg von der „minutenorientierten Pflege“, die genau festlegt, in welcher Zeit die Pflegedienste welche Leistung absolvieren müssen und wie viel Geld sie dafür bekommen. Stattdessen will sie soziale Arbeit mit Kombilöhnen auch für deutsche Langzeitarbeitslose attraktiv machen. Das Ziel: „Haushaltsnahe Dienstleistungen zu bezahlbaren Preisen anzubieten.“

Peter Ballschuh ist wenig überzeugt, wenn er solche Ideen hört. „Ohne die Frauen aus Osteuropa würde die ganze deutsche Pflegeversicherung zusammenbrechen“, sagt er. Und im Osten Europas warten noch Zehntausende Frauen, für die 1000 Euro sehr viel Geld ist. „Wenn ich in Bulgarien bin, fragen mich meine Kolleginnen immer, ob ich Arbeit in Deutschland für sie habe“, erzählt Neli Dimitrova. Und wenn das nur illegal geht? Sie zuckt mit den Schultern. „Wir brauchen das Geld“, sagt sie. „Dafür nimmt man viel in Kauf.“

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 17.06.2007, Nr. 24 / Seite 42
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, Julia Zimmermann - F.A.Z., picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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