Energie

Verschiebungen im Energie-Mix

Gas holt auf

Gas holt auf

09. Januar 2007 Als Industriestaat gehört Deutschland zu den Nationen mit großem Energieverbrauch. Dabei müssen rund drei Viertel des Energiebedarfs durch die Einfuhr gedeckt werden - mit steigender Tendenz. Vor allem Erdöl und Erdgas müssen weitgehend im Ausland beschafft werden. Aber auch an Steinkohle importiert Deutschland schon seit Jahren mehr, als es in eigenen Zechen fördert. Zur Nutzung der Kernenergie ist Deutschland ganz auf die Brennstoffeinfuhr angewiesen. Die seit 2004 kräftig angezogenen Rohölnotierungen haben dazu geführt, dass die Öl- und Gasausgaben in der Handelsbilanz 2005 die Schwelle von 50 Milliarden Euro überschritten haben. Im vergangenen Jahr dürfte dieser Betrag bei 55 Milliarden Euro gelegen haben.

Die einzige wirtschaftlich nutzbare und in großem Umfang verfügbare heimische Primärenergie ist die Braunkohle. Deutschland besitzt verwertbare Reserven im Umfang von rund 20 Prozent der nutzbaren Weltvorkommen. Zu den Inlandsquellen gehören ferner Wind und Wasserkraft sowie die Biomasse. Die Solarenergie ist trotz enormer Investitionen in den letzten Jahren in der deutschen Energiebilanz eine Randerscheinung.

Öl bleibt bedeutend

Im zurückliegenden Jahrzehnt hat sich die aus der Sowjetunion hervorgegangene Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zum bedeutendsten ausländischen Lieferanten von Primärenergie entwickelt. Aus der russischen Föderation werden Erdöl- und Erdgas sowie Steinkohle im Umfang von gut ein Fünftel des deutschen Energiebedarfs bezogen. Die Einfuhrstatistik weist ferner Norwegen als bedeutenden westeuropäischen Lieferanten von Öl und Gas sowie die Niederlande als Lieferanten von Gas aus. Mit Öl versorgt sich Deutschland auch in Libyen, Saudi Arabien, Syrien und Algerien. Importkohle kommt aus allen fünf Kontinenten.

Erdöl ist 2006 der mit Abstand wichtigste Energieträger geblieben. Mit ihm wurden nach einer Studie von Exxon Mobil wiederum mehr als 36 Prozent des Primärenergieverbrauchs gedeckt. Aber die seit dem Markteintritt von russischem Erdgas in der ersten Hälfte der siebziger Jahre zu beobachtende Strukturverschiebung setzte sich auch im vergangenen Jahr fort. Während die Öleinfuhr um fast 3 Prozent auf 112 Millionen Tonnen gesunken sind, hat der Marktanteil der Gaseinfuhr auf 23 Prozent zugenommen. In Deutschland sind die Anstrengungen zur Minderung der Öleinfuhr soeben gesetzlich untermauert worden. Mit der stufenweisen Anhebung der Beimischung von Biosprit und Biodiesel sollen in einigen Jahren fast 10 Prozent der Kraftstoffmengen aus heimischer Quelle kommen.

Erdgas holt auf

Am Wärmemarkt hat das Erdgas dem Erdöl bei Neubauten schon vor Jahren die führende Stellung abgenommen. Bei der Stromerzeugung liegt der Erdgasanteil mit bald 12 Prozent noch einige Punkte unter dem Stand der achtziger Jahre. Der zwischenzeitliche Anteilsrückgang ist auf die damals starke Erdgasverteuerung zurückzuführen. Im Augenblick ist aus umweltpolitischen Erwägungen zwar eine ganze Reihe von Erdgaskraftwerken angekündigt, aber der steile Preisanstieg 2006 lässt die meisten Investoren zögern.

Im Energieendverbrauch wächst die Bedeutung der Stromerzeugung. Von der Kraftwerkskapazität von 133.000 Megawattstunden entfallen zwar nur je grob 22.000 Megawatt auf Kernenergie und Braunkohle. Aus diesen Anlagen stammen bei etwa gleichen Anteilen rund 52 Prozent des erzeugten Stroms. Mit einer Kapazität von rund 32.000 Megawatt sind die meisten Anlagen auf den Brennstoff Steinkohle ausrichtet, der indes nur zu 23 Prozent zur Stromerzeugung beiträgt. Gas- und Windkraftwerke werden demnächst jeweils eine Kapazität von 20.000 Megawatt erreichen. Aber da viele Gaskraftwerke nur bei hohem Bedarf in Betrieb genommen werden und die Windenergie unter schlechten Windverhältissen leidet, ist die Stromausbeute mit gut 10 und knapp 5 Prozent Anteil gering.

Durch die Umwelt- und Energiepolitik sind drastische Verschiebungen im Mix der Stromerzeugung eingeleitet. Während die Kernkraftwerke binnen zwei Jahrzehnten komplett abgeschaltet werden sollen, ist vorgesehen, den Anteil der regenerativen Energie in der Stromerzeugung bis 2010 auf 12,5 Prozent fast zu verdoppeln. Gegenwärtig ringen Brüssel und Bonn über die Ausgestaltung des Emissionzertifikathandels von 2008 an. Das Ergebnis wird entscheidend dafür sein, ob noch so viele Steinkohlekraftwerke wie geplant gebaut werden oder ob der Anteil der umweltschonenderen Gaskraftwerke wächst.

Text: St. / F.A.Z., 10.01.2007, Nr. 8 / Seite 13
Bildmaterial: dpa

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