Ewald Nowotny

Ein Keynesianer für den EZB-Rat

Von Michaela Seiser

20. Mai 2008 Wie viel Sozialdemokratie verträgt die Geldpolitik? Mit dieser Frage befasst sich Ewald Nowotny in diesen Tagen stärker denn je. Es sind seine letzten Arbeitsmonate als Professor im Institut für Geld- und Finanzpolitik an der Wirtschaftsuniversität (WU) Wien. Im September wird er Klaus Liebscher als Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) folgen. Der 63 Jahre alte Ökonom wird damit auch Ratsmitglied der Europäischen Zentralbank (EZB). Beides ist für den eingefleischten Wiener Sozialdemokraten die Krönung seiner Laufbahn und für österreichische Verhältnisse bemerkenswert.

Zum ersten Mal in der Geschichte der OeNB wird ein Sozialdemokrat an der Spitze dieser Einrichtung stehen. Bisher war dieses Mandat stets von Bürgerlichen besetzt, während der Generalrat als Kontrollgremium sozialdemokratisch gefärbt war. Diesmal ist es umgekehrt. Präsident des Generalrats wird der langjährige Stahlmanager Claus Raidl, der dem bürgerlichen Lager nahesteht. Dass Nowotny einhellig das Vertrauen der von den Sozialdemokraten geführten SPÖ-ÖVP-Koalition für diesen Prestigeposten erhielt, lag unter anderem an seinen Verdiensten bei der Rettung der von Milliarden-Altlasten an den Rand des Ruins getriebenen einstigen Gewerkschaftsbank Bawag.

Keine Taube für den Rat

Nowotny hatte Anfang 2006 übergangsweise die Führung des fünftgrößten österreichischen Finanzinstituts übernommen, nachdem der damalige Generaldirektor Johann Zwettler nach Auffliegen der Kreditverluste im Zusammenhang mit dem amerikanischen Terminhändler seinen Hut nehmen musste. Nur wenige Wochen nach der Bestellung Nowotnys tauchten jahrelang verheimlichte Milliardenverluste auf, die bei spekulativen Sondergeschäften verlorengingen und die sich zum größten Wirtschaftskriminalfall Österreichs seit Kriegsende auswuchsen.

Die Bawag musste mit einer staatlichen Garantie vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Auch bei der nervenaufreibenden Abwehr von amerikanischen Sammelklagen in Milliardenhöhe konnte sich Nowotny profilieren. Die ehemalige Gewerkschaftsbank ist in der Zwischenzeit an den amerikanischen Fonds Cerberus verkauft, Nowotny zog sich Ende des Vorjahres von der Bawag-Spitze zurück. Vor seinem Bawag-Mandat war Nowotny von 1999 bis 2003 Vizepräsident der Europäischen Investitionsbank (EIB) und stellvertretender Rektor der WU gewesen.

Anders als sein konservativer, preisstabilitätsorienter Vorgänger als OeNB-Gouverneur gilt der Finanzprofessor als nachfrageorientierter „Keynesianer“. Dennoch wäre es falsch, den Ökonomen als „Taube“ - im Gegensatz zu den „Falken“ im EZB-Rat - einzuordnen. Immerhin nennt Nowotny als sein Vorbild Stephan Koren, einen ÖVP-Politiker und legendären Kämpfer für die Unabhängigkeit der österreichischen Notenbank und Schöpfer des „harten Schilling“.

Befürworter eines starken Staates

Nach dem Jurastudium in Wien arbeitete Nowotny als Assistent des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Linz, wo er sich 1971 habilitierte. Mit seinem Werk „Der öffentliche Sektor“ erwarb er sich einen internationalen Ruf in der Wissenschaft. In den folgenden beiden Jahren wirkte er zusätzlich an der Harvard-Universität, 1972 wurde er ordentlicher Professor an der TU Darmstadt, zehn Jahre später erhielt er einen Ruf nach Wien. Politisch war Nowotny im Bund Sozialistischer Akademiker engagiert, jedoch ist er kein typischer Vertreter der Linken. Zwischen 1978 und 1999 gehörte er dem Nationalrat an, wo er auch Vorsitzender des parlamentarischen Finanzausschusses war.

Begeistern kann sich der Ökonom für Archäologie und alte Bücher, aber auch für moderne Kunst und das Segeln. Er ist ein altphilologisch geprägter Bildungsbürger, der als Mitglied der Generation der Achtundsechziger in diesem Milieu eine gewisse Freiheit gefunden hat und von den entsprechenden Institutionen gefördert wurde, denen er sich seither verbunden zeigt. „Solidarische Leistungsgesellschaft“ ist einer der zentralen Begriffe im umfangreichen Werk des Befürworters eines starken Staates. Dies wird er auch bei den EZB-Ratssitzungen in Frankfurt nicht verleugnen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

 
Kursabfrage 
NamePunkteProzent
Dax 6.536,09 +1,45
TecDax 746,70 +2,21
DowJones 11.632,38 +0,26
Nasdaq 2.325,88 +0,95
STOXX 50 3.387,50 +1,84
Nikkei 225 13.312,93 +0,97
S&P 500 Zert. 12,80 +2,40
Euro/Dollar 1,57 +0,01
Bund Future 110,11 +0,03
Gold 924,78 +0,33
Öl 126,52 -4,27
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche