Familie und Beruf

Kinder in der Kantine und Ingenieure am Wickeltisch

03. April 2006 „Betriebliche Familienpolitik ist ein hartes Thema geworden.“ Dieser Satz von Professor Irene Gerlach klingt heute wenig spektakulär. Michael Endres, Vorstandsvorsitzender der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung in Frankfurt, stimmt der Münsteraner Wissenschaftlerin voll zu.

Endres kann die Aussage noch untermauern mit der Zahl der Bewerbungen um die Auszeichnung als Unternehmen, das Beruf und Familie vereinbaren hilft: „Als wir im Jahr 2000 die ersten Zertifikate vergeben wollten, fanden wir ganze neun geeignete Firmen. Heute auditieren wir in jedem Jahr mehr als 200.“ Dennoch blieb das familiengerechte Unternehmen lange Zeit ein sogenanntes weiches Thema, ein Randthema, dem man sich widmete, wenn man keine richtigen Schwierigkeiten zu bewältigen hatte.

Adidas leistet sich einen Familienbeauftragten

Das hat sich nach Ansicht von Gerlach inzwischen grundlegend geändert, weil Unternehmen qualifizierte Frauen als Mitarbeiterinnen erhalten wollen. „Die Kosten der Wiedererlangung des Wissens von Eltern sind viel höher als die Ausgaben für einen familienfreundlichen Arbeitsplatz“, begründet Adidas-Personalchef Matthias Malessa das Bemühen des Sportschuhherstellers um ein Höchstmaß an Familienfreundlichkeit.

Adidas gehört zu den wenigen Unternehmen, die eine Familienbeauftragte haben, ein separates Budget für Familienfreundlichkeit, das sich auf knapp 100.000 Euro im Jahr beläuft, und ein umfangreiches Angebot für Eltern von der flexiblen Arbeitszeit über Rückkehrseminare bis hin zu Familien-Sportprogrammen oder Krippenplätzen.

Familie und Beruf miteinander vereinbaren

Wobei Familienfreundlichkeit nicht immer teuer sein müsse, fügt Malessa hinzu. Bestätigt wird er darin von Sylvia Reckel, bei der Windwärts Energie GmbH in Hannover für die Personalentwicklung zuständig. Bei Windwärts dürfen die Mitarbeiterkinder nach der Schule in der Unternehmenskantine zu Mittag essen. Damit bekommen die Kinder ein ordentliches und preiswertes Mittagessen und können mit den Eltern den restlichen Tag besprechen.

„Es geht ja bei familienfreundlichem Arbeitsplatz nicht darum, die Kinder wegzuorganisieren“, widerspricht Reckel falschen Vorurteilen. Es gehe darum, wie man Familie und Beruf miteinander vereinbaren könne zugunsten des Unternehmens, der Mitarbeiter und der Kinder. Adidas bietet über die Essensmöglichkeit der Kinder im Unternehmen hinaus zahlreiche Maßnahmen an von der entgeltlichen Ferienbetreuung (in diesem Jahr erstmals auch für die Kinder von Nichtbetriebsangehörigen) über einen sogenannten Temp-Parents-Pool, in dem sich Eltern für zeitlich befristete Sonderaufgaben im Unternehmen bereithalten, bis hin zu Laptops für das Arbeiten zu Hause oder IT-Seminare für Rückkehrer.

Eltern müssen flexibel sein

Für Windwärts wie für Adidas war das niedrige Durchschnittsalter der Belegschaft und die Gefahr, daß man durch Elternschaft erhebliche Ausfälle würde hinnehmen müssen, der Grund, über eine familienfreundliche Arbeitsplatzgestaltung nachzudenken. Reckel warnt vor individuellen Einzellösungen. Das habe sich nicht bewährt. „Teillösungen schaffen Probleme“, ist auch die Erfahrung von Antje Becker, Geschäftsführerin der gemeinnützigen Beruf und Familie GmbH, einer Gesellschaft der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung.

Man müsse das ganze Unternehmen darauf einstellen, daß der Entwicklungsingenieur auch mal ein Kleinkind auf dem Arm hat. Aber auch die Eltern müßten sich flexibel zeigen und beispielsweise an Familientagen bereit sein, einmal kurz in die Firma zu kommen oder zumindest telefonisch Auskunft zu geben.

Niedrigerer Krankenstand

Wer letztendlich von der Familienfreundlichkeit einen handfesten Vorteil hat, weiß niemand so ganz genau. Für die gemeinnützige Hertie-Stiftung formuliert deren Präsident Endres zwei Gründe, familienfreundliche Unternehmen auszuzeichnen. „Der Familienverbund muß erhalten bleiben können, wenn unsere Gesellschaft nicht zurückfallen soll“, sagt Endres und fügt hinzu, daß qualifizierte Frauen neben der Familie einem Erwerb nachgehen können sollen.

Wissenschaftlich untersucht wurde es bisher nicht, was Familienfreundlichkeit im Unternehmen bringt. Das will das von der Hertie-Stiftung geförderte „Forschungszentrum familienbewußte Personalpolitik“ in Münster nachholen. Unter Leitung von Gerlach hat man zunächst einmal 72 Unternehmen befragt, die bereits als familienfreundlich ausgezeichnet worden sind. Dabei ist vor allem herausgekommen, daß die Mitarbeiter in familienbewußten Unternehmen seltener krank sind oder fehlen.

Frage des richtigen Gefühls

Die meisten Unternehmen denken bei Familienfreundlichkeit vor allem an eine flexiblere Arbeitszeitgestaltung. Nach den Befunden dieser Befragung ist in familienfreundlichen Unternehmen die Wertschöpfung je Mitarbeiter um ein Vielfaches höher als in anderen Unternehmen. Allerdings ist hier offen, wie die Wirkrichtung ist. Auch nach Ansicht der Münsteraner Wissenschaftler ist es wahrscheinlich nicht die Familienfreundlichkeit, die zu höherer Wertschöpfung führt, sondern eher umgekehrt die hohe Wertschöpfung, die es dem Unternehmen erlaubt, familienfreundliche Maßnahmen zu bezahlen.

Die Ergebnisse dieser ersten Untersuchung werfen allerdings insgesamt mehr Fragen auf, als sie beantworten. Familienfreundlichkeit bleibt daher auch weiterhin weitgehend eine Sache des richtigen Gefühls für die Mitarbeiter und ihre Wünsche, wie Adidas-Personalchef Malessa sagt. Man müsse gerade am Anfang einer solchen Politik im Unternehmen aufpassen, daß Familienpolitik nicht zum Frauenthema werde und sich nur noch um die Zahl der weiblichen Beschäftigten drehe.



Text: geg., F.A.Z., 03.04.2006, Nr. 79 / Seite 20
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

 
Kursabfrage 
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