Sachsen LB

Gutachter kritisieren Vorstand scharf

Von Christian Geinitz

11. März 2008 Die Krise der Sächsischen Landesbank geht einem Prüfbericht zufolge überwiegend auf ein Versagen des Vorstands zurück. Die Verantwortlichen hätten die Risiken der hochkomplexen Finanzmarktaktivitäten unterschätzt, völlig unzureichend abgesichert und ausgewiesen, heißt es in einem Gutachten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, das Sachsens Finanzminister Stanislaw Tillich (CDU) als Auftraggeber am Dienstag vorgestellt hat.

Ohne Rücksicht auf Risiken seien die Volumina immer weiter erhöht worden, selbst als die Krise an den Finanzmärkten offenkundig war, stellen die Gutachter fest. Die Sachsen LB, die einzige ostdeutsche Landesbank, hat durch Fehlspekulationen große Verluste gemacht, stand vor der Schließung und wurde in einem Notverkauf an die Landesbank Baden-Württemberg veräußert. Der gesamte Vorstand und der Vorsitzende des Verwaltungsrats, der damalige Finanzminister Horst Metz (CDU), mussten in der Krise gehen.

Schiffbruch durch Kreditersatzgeschäfte

Die Sachsen LB und ihre Dubliner Tochtergesellschaft Sachsen LB Europe (SLBE) hatten vor allem mit dem sogenannten Kreditersatzgeschäft aus verbrieften Darlehen und anderen synthetischen Anlageprodukten ohne direkte Beziehung zum Kreditnehmer Schiffbruch erlitten.

Das Volumen, der Liquiditätsbedarf und das Risiko wuchsen den Banken über den Kopf und können bis heute nur mit massiven Finanzhilfen von Schwesterinstituten sowie Staatsbürgschaften gestemmt werden. Dem Bericht zufolge wuchs das außerbilanzielle Geschäft in den Zweckgesellschaften (Conduits) zwischen 2003 und 2007 von 4 auf 26 Milliarden Euro. Hinzu kamen bilanzierte strukturierte Produkte von 13 Milliarden Euro.

Sämtliche wirtschaftliche Risiken getragen

Besonders heikel war Ernst & Young zufolge das Engagement in dem Conduit Ormond Quay. Über eine Patronatserklärung verpflichteten sich Sachsen LB und SLBE, sämtliche wirtschaftlichen Risiken zu tragen (valuation agreement), nicht nur wie üblich in Höhe der Liquiditätszusagen. Im August 2007 waren das 17 Milliarden Euro, für die das Land Sachsen als Gewährträger geradestehen musste.

Dem Bericht zufolge versäumte es der Bankvorstand, das hochgefährliche Valuation Agreement in den Risikomanagementsystemen zu erfassen sowie in den regelmäßigen Risikoberichten oder Konzernabschlüssen zu erwähnen. Das galt auch nach der Erweiterung der Liquiditätsfazilität für Ormond Quay im Juni 2005, wodurch die Zweckgesellschaft ein Volumen von bis zu 43 Milliarden Euro erreichte.

Vorstand hat gegen das Handelsgesetzbuch verstoßen

Ernst & Young zufolge hätten die Verpflichtungen aus dem „Valuation Agreement“ seit dem Jahresabschluss 2004 im Konzernanhang veröffentlicht werden müssen. Den Hinweis kann man so interpretieren, dass der Vorstand gegen die Veröffentlichungspflichten nach dem Handelsgesetzbuch verstoßen hat. Klar sei, dass der Verwaltungsrat und seine Ausschüsse über Jahre hinweg unzureichend über die Risiken informiert gewesen seien.

Dritte hätten sich von der Lage der Bank kein zutreffendes Bild machen können. Nach mehreren Vorstandswechseln habe zwischenzeitlich sogar im Vorstand selbst keine ausreichende Kenntnis über die Risikolage bestanden. Zudem habe man den Liquiditäts- und Marktpreisrisiken zu wenig Bedeutung beigemessen und sich stattdessen zu sehr an den Ausfallwahrscheinlichkeiten (Adressenausfallrisiken) orientiert.

Gefährdete Aktivitäten ausgeweitet, nicht begrenzt

Auch die Krisenbewältigung durch den Vorstand verlief dem Gutachten zufolge dilettantisch. Trotz Kenntnis der Immobilienkrise seit März 2007 habe die Bank Volumen und Risiken der gefährdeten Aktivitäten nicht begrenzt, sondern noch ausgeweitet. So wurde das Vehikel Sachsen Funding erst im März aufgelegt. Bis zum Juli befasste sich der Vorstand gar nicht mit der Subprime-Krise. Anfang August bat das Finanzministerium um Auskunft über mögliche Folgen der Krise für die Sachsen LB und wurde vom Vorstand beruhigt.

Eine Woche später wurde von erhöhten Liquiditätsrisiken gesprochen, die aber zu lösen seien. Bis zum 10. August habe man die Haftungsverpflichtungen aus dem „Valuation Agreement“ völlig falsch eingeschätzt. Der Vorstand habe die möglichen Auswirkungen der Krise auf die Bank „somit viel zu spät erkannt“, stellen die Gutachter fest.

Die politische Verantwortung wurde nicht geprüft

Auf die politische Verantwortung gehen die Prüfer nicht ein. Die hochrentierlichen, aber gefährlichen Engagements hatten den Anteilseignern - dem Freistaat und der Sachsen-Finanzgruppe (SFG) aus sächsischen Kommunen und Sparkassenzweckverbänden - jahrelang hohe Renditen eingebracht.

Dem Bericht zufolge stammten zwischen 2002 und 2006 mehr als 82 Prozent des Betriebsergebnisses nach Risikovorsorge aus den Risikoprodukten. Ohne diese Aktivitäten hätte die Gruppe 2002 und 2005 ein negatives Betriebsergebnis ausgewiesen.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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