Von Bettina Schulz
01. September 2006 In Großbritannien regt sich Widerstand gegen das Regierungsprogramm, neue Kernkraftwerke zu bauen. Die Umweltgruppe Camp for Climate Action hat zu einer Protestveranstaltung vor der Toren des Kohlekraftwerkes Drax in Yorkshire aufgerufen, um gegen die Energiepolitik der Regierung zu demonstrieren.
Schon zu Beginn dieser Woche hatten sich Mitglieder der Protestgruppe Reclaim Power an die Zugangstore des Kernkraftwerkes von British Energy in Hartlepool in Teesside gekettet, um gegen den Entscheid für eine neue Generation von Kernkraftwerken in Großbritannien zu kämpfen. Die Region um das Kraftwerk Drax hat sich den Spitznamen Megawatt-Valley eingehandelt, da in dem Tal mehrere Kraftwerke liegen. Ihr Standort könnte für Kraftwerke der neuen Generation in Erwägung gezogen werden.
Seit den 50er Jahren fehlt ein Endlagerungskonzept
Doch nicht nur traditionelle Umweltschützer und Protestgruppen wie Greenpeace sind empört über das neue Energieprogramm der Regierung. Zwar akzeptieren viele Briten, daß der künftige Energiebedarf ohne zusätzliche Emissionen von Treibhausgasen gedeckt werden muß. Dennoch besteht Skepsis: Seit den fünfziger Jahren haben es alle Regierungen in Großbritannien versäumt, ein Konzept für eine Endlagerung des atomaren Abfalls zu entwickeln.
Auch die jetzt von Premierminister Tony Blair forcierte Ausrichtung der Energiepolitik auf neue Kernkraftwerke läßt die Frage der Entsorgung weitgehend außer acht. In dem kürzlich vorgelegten Energiebericht der Regierung heißt es lediglich, die Entsorgung des atomaren Mülls müsse von der Privatwirtschaft geleistet und bezahlt werden. Wie die Endlagerung jedoch aussehen soll, steht in den Sternen. Sie ist weder geklärt für Atommüll aus dem bisherigen Atomprogramm noch für radioaktiven Abfall neuer Kraftwerke.
Einfach an verschiedenen Stellen vorübergehend geparkt
Die Versuche aller bisherigen Regierungen, Möglichkeiten einer Endlagerung für den atomaren Abfall zu finden, waren jämmerlich, kritisierte jüngst ein parlamentarischer Ausschuß. In der Tat wurde in den fünfziger und sechziger Jahren, als Großbritannien sein Programm der Kernenergie begann, kaum ein Gedanke an eine Endlagerung des atomaren Abfalls verschwendet. Er wurde einfach an mehreren Stellen in Großbritannien zwischengelagert.
Seit 1959 benutzt Großbritannien für diese Zwecke vor allem die Lagerungsstätte Drigg, etwa zehn Kilometer südlich von Sellafield. Dort wird radioaktiver Abfall niedriger Gefährdungskategorie seit Jahrzehnten in Betonschächten relativ dicht unter Tage gelagert. Diese Lagerungsstätte ist mittlerweile zur Hälfte gefüllt. Platz für etwa 800 000 Kubikmeter atomaren Abfalls ist noch vorhanden. Sollten neue Atomkraftwerke gebaut werden, müßte eine neue Lagerstätte erschlossen werden.
Lagerstätten-Bau würde 15 Milliarden Euro kosten
Für den atomaren Abfall mittlerer und hoher Gefährdungskategorie wählte die britische Regierung in den fünfziger und sechziger Jahren eine höchst umstrittene Methode: Sie versenkte den Atommüll einfach im Meer, bis die Royal Commission on Environmental Pollution dieser Abfallbeseitigung ein Ende setzte. Zwar wurde die Nuclear Industry Radioactive Waste Executive gegründet, um Orte für eine mögliche Endlagerung des Abfalls in Großbritannien ausfindig zu machen. Doch die Pläne scheiterten am Widerstand der Bevölkerung.
Im Jahr 2003 setzte die Labour-Regierung das Committee on Radioactive Waste Management (CoRWM) ein, das verschiedene Möglichkeiten der Endlagerung analysierte. Im April 2006 sprach sich das Gremium für eine Endlagerung in Schächten aus, die mindestens 250 bis 1000 Meter in Felsformationen unter Tage zu liegen hätten. Allein für die Endlagerung des bereits bestehenden atomaren Mülls in Großbritannien müßte eine Lagerstätte errichtet werden, deren Bau umgerechnet gut 15 Milliarden Euro kosten würde. Würde der atomare Abfall von zum Beispiel zehn neuen Kraftwerken mit eingerechnet, müßte die Lagerstätte um die Hälfte größer geplant werden.
Geologisches Depot wäre nicht vor 2040 fertig
Das jetzt in Großbritannien von Fachleuten diskutierte Konzept der geologischen Endlagerung lehnt sich an das Verfahren an, das derzeit auch in Finnland, Schweden und den Vereinigten Staaten angewendet wird. Etwa 30 Prozent der britischen Landfläche käme aus geologischen Gründen möglicherweise in Frage, etwaige Standorte für atomare Endlagerung ausfindig zu machen. Selbst bei zügiger Planung wäre ein solches geologisches Depot tief unter Tage jedoch nicht vor dem Jahr 2040 fertig.
Der parlamentarische Ausschuß zu Nuklearfragen empfahl jüngst, den Städten und Ortschaften Anreize für die Entsorgung zu setzen. Ähnlich wie in Finnland solle Entschädigungszahlungen und andere Vorteile erhalten, wer sich als Standort für die Endlagerung atomaren Abfalls bewerbe. Doch davon ist Großbritannien noch weit entfernt. Der parlamentarische Ausschuß kritisierte die Regierung daher im Sommer, bereits den Bau neuer Kernkraftwerke einzuplanen, ohne ein Konzept für die Endlagerung zu haben und ohne die Empfehlungen der CoRWM abgewartet zu haben.
Endlagerung als Puder
Nach Angaben von Nirex, der heute für die Registrierung des atomaren Abfalls verantwortlichen staatlichen Organisation, hatte sich in Großbritannien Ende 2005 2,3 Millionen Kubikmeter atomarer Müll angesammelt. 91 Prozent dieses Abfalls stammen aus der Entsorgung alter Kraftwerke, von verseuchten Böden oder aus anderen radioaktiven Abfällen niedriger Kategorie. Der Rest fällt in die Kategorie mittlerer Gefährdung. In die höchste Gefährdungskategorie fallen 1300 Kubikmeter radioaktiven Abfalls, also 1 Prozent der Gesamtmenge.
Dieses Material wird in der Wiederaufbereitungsanlage Sellafield so stark erhitzt, daß es in Puder zerfällt. Danach wird der Staub mit einer Glasmasse für die Endlagerung verschmolzen und in Spezialcontainern versiegelt. Nach Angaben von Nirex wurden in Großbritannien bisher 460 Kubikmeter dieses Spezialproduktes für die Endlagerung hochradioaktiven Materials hergestellt.
Züge mit radioaktiven Material fahren mitten durch London
Bisher wird der atomare Abfall von neun Kernkraftwerken in Großbritannien in nächtlichen Zügen nach Sellafield gefahren. Die Umweltorganisation Greenpeace machte sich im August einen Spaß daraus, den Fahrplan dieser Züge auf ihrer Website abzudrucken.
Er zeigte, daß einige der Züge, die hochradioaktives Material transportieren, dreimal die Woche gar durch London fahren, was prompt Proteste seitens des Londoner Bürgermeisters Ken Livingstone hervorrief. Die Veröffentlichung kam just in den Tagen, als Großbritannien gerade mit Schreck von den geplanten Terroranschlägen auf Londoner Flüge in die Vereinigten Staaten erfuhr.
In 100 Jahren doppelt so hohe Radioaktivität
Die CoRWM und Nirex haben bereits Berechnungen veröffentlicht, wieviel mehr Atommüll anfallen würde, wenn es zum Beispiel zum Bau von zehn neuen Westinghouse-AB1000-Reaktoren kommen würde. Danach würde der atomare Abfall des Landes wegen der fortgeschrittenen Technik der neuen Reaktortypen nur um 10 Prozent steigen. Aber die extrem hohe Strahlung dieses Abfalls würde bedeuten, daß sich die Radioaktivität des britischen Atommülls fast verzehnfachte und daher die Menge der Spezial-Container für die Endlagerung um 87 Prozent steigen müßte.
Selbst in 100 Jahren wäre die Radioaktivität des britischen atomaren Abfalls fast doppelt so hoch, als wenn keine neuen Kraftwerke gebaut würden, heißt es in dem Bericht des parlamentarischen Ausschusses. Die Regierung müsse daher abwägen, ob dies künftigen Generationen ethisch zugemutet werden könne. Freilich müsse die Regierung auch ins Kalkül ziehen, daß die Emission von Treibhausgasen reduziert werden müsse.
Text: F.A.Z., 02.09.2006, Nr. 204 / Seite 14
Bildmaterial: ddp
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