16. Juni 2007 Dietmar Roth fühlt sich wie ein Teenager im Wachstum. Wenn man so schnell groß wird, tun einem die Knochen weh, sagt der achtundfünfzigjährige Sachse. Im ersten Quartal schoss der Umsatz des börsennotierten Solaranlagenbauers Roth & Rau um 250 Prozent auf 25 Millionen Euro in die Höhe. Das Betriebsergebnis stieg um 175 Prozent auf 2,5 Millionen Euro, der Überschuss schnellte um 230 Prozent auf 1,8 Millionen Euro empor. Insgesamt sollen die Erlöse 2007 von 43 auf 100 Millionen Euro zulegen, als langfristige Vision hat man die halbe Milliarde im Auge. Der Aktienkurs spielt mit und hat sich seit Jahresbeginn mehr als verdoppelt. Der reine Wahnsinn, sagt der Gründer, Vorstandsvorsitzende und Großaktionär Roth fast ungläubig.
Die Photovoltaik-Branche boomt, und sie boomt vor allem in Ostdeutschland. Fast monatlich kündigen die Hersteller weitere Investitionen an. Am Freitag hat Ersol in Erfurt eine neue Fertigung für Dünnschichtmodule eröffnet, zeitgleich feierte der kalifornische Modulhersteller Signet Solar im sächsischen Mochau den ersten Spatenstich für eine neue Dünnschichtlinie und ein Forschungszentrum.
Vorreiter in der Ausweitung der Wertschöpfungskette
Am Dienstag eröffnet auch Ever-Q im sachsen-anhaltinischen Thalheim eine zusätzliche Produktionslinie. Nach Angaben des Bundesverbands Solarwirtschaft (BSW) liegen deutlich mehr als die Hälfte aller 64 fertigen oder im Bau befindlichen Solarstandorte in Ostdeutschland. Der Löwenanteil des deutschen Photovoltaik-Umsatzes, der 2006 von 3 auf 3,7 Milliarden Euro stieg, wird hier erwirtschaftet. Die Ballungszentren sind Freiberg in Sachsen, Wolfen/Thalheim in Sachsen-Anhalt, Frankfurt (Oder) in Brandenburg und Erfurt in Thüringen.
Auch in der Technik ist der Osten führend. So entstehen hier fünf von sieben Werken für das moderne siliziumsparende Dünnschichtverfahren. In deren Aufbau fließen rund 500 Millionen Euro, die Hälfte der Gesamtinvestitionen. Vorreiter ist man zudem in der Ausweitung der Wertschöpfungskette: Unternehmen wie die Solar World/Deutsche Solar in Freiberg oder Conergy in Frankfurt (Oder) bilden die Wertschöpfungskette von der Siliziumaufbereitung bis zur fertigen Solaranlage ab. Andere Konzerne gewährleisten diese Arbeitsteilung und Liefersicherheit über Kapitalverflechtungen, so Q-Cells, Ever-Q, CSG Solar und Calyxo in Thalheim.
Genehmigungen laufen schneller als im Westen
Ähnlich wie sich die Halbleiterindustrie zum Silicon Saxony zusammengefunden hat, zu Europas größtem Chipstandort rund um Dresden, könnte man Ostdeutschland mit einiger Berechtigung zum Solar Valley ausrufen. Die Ansiedlungserfolge haben vergleichbare Gründe wie in der Mikroelektronik. Über die Milliardenförderungen für die neuen Bundesländer können sich die Unternehmen ein Drittel der Investitionen vom Steuerzahler bezahlen lassen. Die Löhne liegen trotz schneller Angleichung mindestens 10 Prozent unter dem West-Niveau.
Die Genehmigungen laufen schneller als im Westen, die Betreuung durch die Lokal- und Landespolitiker ist intensiver. Als Hauptargument geben die Investoren freilich etwas anderes an: die Verfügbarkeit und Qualität der Arbeitskräfte. Während die Halbleiterindustrie auf die DDR-Mikroelektroniker rund um ZMD zurückgreifen konnte, nutzen die Photovoltaiker die Experten der Technischen Universitäten zwischen Dresden, Freiberg, Chemnitz oder Ilmenau. Genauso wichtig sind ihnen die praktischen Erfahrungen der Ingenieure, Naturwissenschaftler oder Facharbeiter aus der ehemaligen DDR-Chemie oder der Fotoindustrie, etwa von Orwo in Bitterfeld/Wolfen.
Wir konnten ungestört zeigen, wozu wir fähig sind
Der Mittelständler Roth hat sich mit einem neuen Verfahren zur Plasmabeschichtung aus der TU Chemnitz heraus selbständig gemacht. Seine Sina genannten Anlagen können bis zu 2000 Siliziumscheiben (Wafer) in der Stunde beschichten. Das Verfahren ist deutlich schneller und schonender als die bisherigen Abläufe und daher heiß begehrt. Innerhalb der ohnehin jungen Photovoltaik gehört der eigenständige Anlagenbau zu den Spätzündern und ist stark mittelständisch geprägt. Die Roth & Rau AG versteht sich als Marktführer, zumal sie kürzlich den Zuschlag für den größten derzeitigen Fabrikbau erhielt: Für 56 Millionen Euro liefert sie schlüsselfertig die Produktionslinien für die Solarzellenfertigung im neuen Werk von Conergy in Frankfurt (Oder).
Deshalb klettert die Mitarbeiterzahl bei Roth & Rau jede Woche weiter - derzeit sind es etwa 170 Beschäftigte. Da Roth weiß, dass sein wichtigstes Kapital motivierte Mitarbeiter sind, richtet er ihnen auch einen Betriebskindergarten und einen Fitnessraum ein. Neben den genannten Motiven fällt ihm ein weiterer Grund ein, warum die Photovoltaik vor allem im Osten punktet. Die Branche ist jünger als die Wiedervereinigung, die Märkte waren noch nicht unter den Westfirmen aufgeteilt, sagt er und lacht: Wir konnten ungestört und ohne kluge Ratschläge zeigen, wozu wir fähig sind.
Hoffnungsträger für OC Oerlikon
Für den Ersol-Lieferanten OC Oerlikon AG im schweizerischen Pfäffikon ist die Solartechnik eines der großen Zukunftsgeschäfte. Der neue Konzernchef Uwe Krüger spricht von einem Entwicklungsvorsprung von rund zwölf Monaten und prognostiziert mehr als 300 Millionen Franken Umsatz in diesem Jahr für die von Oerlikon propagierte Dünnfilm-Technologie. Danach hält er Wachstumsraten von 50 Prozent im Jahr für möglich. Im Gegensatz zur Herstellung der Solarzellen mit Hilfe von Scheiben (Wafern) wird bei Oerlikon das Silizium in einer sehr dünnen Schicht auf das Trägermaterial aufgesprüht.
Das bringt nach Einschätzung des Unternehmens einen Kostenvorteil von rund 20 Prozent. Der Nachteil: Der Wirkungsgrad gegenüber den normalen Solarzellen beträgt derzeit nur rund die Hälfte. Daher kommt die Oerlikon-Technologie derzeit im wesentlichen nur bei Solarkraftwerken zum Einsatz. Dies soll sich aber schon bald ändern. In die Solar-Sparte fließt nach den Worten von Krüger künftig das höchste Investitionsvolumen aller Oerlikon-Geschäfte. Beträge nannte er allerdings aus Konkurrenzgründen nicht.
Die Zahl der Mitarbeiter soll von derzeit 160 auf 300 im kommenden Jahr ausgebaut werden. Ziel ist ein Weltmarktanteil von mehr als 50 Prozent. Größter Wettbewerber ist die amerikanische Applied Materials. Sie verfügt angeblich aber über keine eigene Produktionsbasis, wohingegen sich Oerlikon Solar rühmt, zurzeit der einzige Anbieter produktionsreifer Anlagen zu sein. Die Sparte bearbeitet ein noch junges Geschäftsfeld, Ende 2004 wurde die erste Forschungsanlage an Schott Solar in Deutschland geliefert. Ersol ist der zweite Kunde, der eine vollständige Produktionslinie geordert hat. Weltweit produziert die Solarindustrie zurzeit eine Strommenge, die der Leistung eines mittleren Kernkraftwerks entspricht. (du.)
Text: F.A.Z., 16.06.2007, Nr. 137 / Seite 24
Bildmaterial: ddp
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Kommentar: Die flüchtigen Milliarden
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