FAZ.NET-Spezial

Wo bleiben die Frauen?

TV-Heldin Ally McBeal sagt: „Wir Frauen haben die Kraft, die Welt zu verändern. Aber vorher möchte ich heiraten.”

TV-Heldin Ally McBeal sagt: „Wir Frauen haben die Kraft, die Welt zu verändern. Aber vorher möchte ich heiraten.”

01. April 2008 Wäre die „Brigitte“ ein Märchenbuch, so könnte ihre aktuelle Titelgeschichte so beginnen: „Es war einmal ein Alphamädchen, das hatte Einser-Abitur und Studium. Eines Tages stieg es hinab in die Waschküche und sprach zur Mutter: Ich will nicht enden wie du, deshalb ziehe ich aus, die Männer zu besiegen.“

Nun ist die „Brigitte“ kein Märchenbuch, Mütter stehen nicht in der Waschküche, und die Geschichte basiert auf einer Studie mit dem Titel „Frauen auf dem Sprung“. Hochbrisantes, tönt die Illustrierte, gebe es zu verkünden: Junge Frauen sind selbstbewusst, wollen arbeiten, Kinder haben, sich nicht länger manipulieren lassen. Diese Mädchen werden die Gesellschaft wachrütteln, die Männer im Beruf überholen. Das mundet wie Vanilleeis am ersten Frühlingstag. Regelmäßig ruft die Republik die Revolte der „Alphamädchen“ aus. Nur: Wo sind die Löwinnen mit ihren bestens verdrahteten Gehirnhälften? Im Web-2.0, wo die jüngste Revolution tobt, tollen die Milchbubis. Die wenigen Powergirls assistieren den neuen Self-Made-Millionären allenfalls in zweiter Reihe.

„Aber vorher möchte ich heiraten“

Das haben Geschlechterforscher anders prognostiziert. Die gängige These der vergangenen 40 Jahre lautete: Durch Gleichberechtigung und Frauenförderung haben wir bald mindestens so viele erfolgreiche Frauen wie Männer in allen Branchen, bis in die Spitzenpositionen. Nun stellt sich heraus: Frauen studieren und arbeiten, aber sie lieben Frauenberufe und das Mittelfeld. Dabei räumt selbst Alt-Feministin Alice Schwarzer in ihrem Buch „Die Antwort“ ein: „Alles ist möglich.“

Frauen sind erstmals in der Geschichte gleichberechtigt. Und was geschieht? Nicht viel, wenn es um die Gründung von Unternehmen geht. Vielleicht braucht die innere Emanzipation länger als die äußere. Vielleicht gibt es gläserne Deckel, sind Männerseilschaften und Barrieren im Kopf zu bekämpfen, bis Männer und Frauen endlich gleich sind. Vielleicht trifft aber zu, was TV-Heldin Ally McBeal sagt: „Wir Frauen haben die Kraft, die Welt zu verändern. Aber vorher möchte ich heiraten.“

Biologische Unterschiede: Ein „ideologisches Minenfeld“

Ökonomen, Soziologen, Pädagogen kommen bei der Erklärung des Phänomens zum selben Schluss: Frauen sind gut, wo Noten und Zeugnisse zählen. Sobald sie aber mit Diplom in der Hand das Arbeitsleben betreten, folgt weniger als erwartet. Im Beruf hängen Männer die Frauen ab. Plötzlich mehren sich die Stimmen, schuld daran könnten womöglich die Gene sein oder die Hormone. Eine Art weibliches Gehirn, wie die Neuropsychologin Louann Brizendine behauptet. Diese These vertritt auch die kanadische Psychologin Susan Pinker. In ihrem gerade veröffentlichten Buch „The Sexual Paradox“ pocht sie darauf, dass es biologische Unterschiede gibt, bevor die Sozialisation uns prägt. Damit betrete sie ein „ideologisches Minenfeld“, wie sie einräumt. Andere Forscher widersprechen: Das Gehirn entwickle sich vor allem durch psychologische Einflüsse, Erfahrungen und Tätigkeiten.

Unstrittig ist, dass Männer hormonbedingt auf Wettbewerb anders reagieren als Frauen. Testosteron lässt Männer in Konkurrenzsituationen mit einem kräftigen Adrenalin-Schub zur Höchstform auflaufen. Bei Frauen ist das selten der Fall. Sie bilden viel weniger Testosteron, dafür mehr „Kuschelhormone“ wie Oxytocin. Studien der University of California belegen, dass Männer am schnellsten rennen, wenn sie gegen Gegner antreten. Frauen erbringen ihre Höchstleistung, wenn sie alleine laufen. Die Psychologin Pinker folgert daraus, dass Frauen keine Lust haben, sich im Beruf permanent mit anderen zu messen: „Mehr Männer als Frauen sind bereit, 80 oder 100 Stunden in der Woche zu arbeiten, um den Jackpot zu gewinnen.“

Die Prioritäten sind anders

Männer und Frauen unterscheiden sich demnach in dem, was sie für einen Job zu leisten bereit sind. Je freier Frauen wählen können, desto überraschender ihre Entscheidungen: In den reichen, stabilen Ländern Europas studieren Frauen viel seltener Mathematik oder Physik als in Russland, Thailand und der Türkei, allesamt keine Horte der Emanzipation. Dort liegt der Anteil von Studentinnen jeweils bei über 30 Prozent, weil die Frauen aus „finanziellem Druck“ wählten und nicht, wie hier, entsprechend ihrem Berufswunsch.

Eine Erklärung dafür liefert die Soziologin Cornelia Koppetsch von der Berliner Humboldt-Universität: „Frauen erlauben sich Selbstverwirklichungsorientierung und den Luxus, in Bereiche zu gehen, die auf dem Arbeitsmarkt nicht so nachgefragt sind.“ Vergeblich sind die Millionen, mit denen die Politik versucht, Frauen ein Technikstudium schmackhaft zu machen. Die Soziologin Doris Janshen, Direktorin des Essener Kollegs für Geschlechterforschung, bemüht sich seit Jahren darum, Frauen für Ingenieurfächer zu begeistern. „Mit schockierend wenig Erfolg.“

Die Prioritäten von Frauen sind eben andere als die der Männer: Frauen leben komfortabler, sicherer und räumen der Familie mehr Zeit ein. Der Preis, den sie dafür zahlen: Sie mischen nicht ganz oben mit, sind selten bei den Pionieren dabei. Das Berufsleben ist eben kein Ponyhof. Nur wer wagt, gewinnt. „Männer setzen ihr Leben aufs Spiel“, meint der Sozialpsychologe Roy Baumeister („Is there anything good about men?“). Nicht nur in der Karriere, beim Autofahren, der Gesundheit und der Geldanlage. Selbst die „Brigitte“ bestätigt die Risikoaversion ihrer jungen Alphamädchen. Die lehnen Risiko und Macht ab - als „männlich und manipulativ“. Es spricht offenbar einiges dagegen, dass sie die jungen Männer überholen wollen.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: picture-alliance / dpa/dpaweb

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