Stillstand bei der Bahn

„Wenn nötig, streiken wir über Wochen“

03. Juli 2007 Hunderttausende Pendler und Reisende in ganz Deutschland sind seit dem frühen Dienstagmorgen von Streiks bei der Bahn betroffen. Neben Fern- und Regionalverkehr war unter anderem in Berlin, Hamburg, Hannover, Frankfurt am Main und München auch der S-Bahnverkehr beeinträchtigt. Teilweise kam der Bahnverkehr komplett zum Erliegen, unter anderem war dies in Stuttgart der Fall. Bahnreisende müssen sich wegen der Streiks bis in den Abend hinein auf teils erhebliche Verzögerungen einstellen, erklärte die Deutsche Bahn AG.

Die Lokführergewerkschaft GDL streikte am Dienstagmorgen von 5 bis 9 Uhr. Inzwischen haben die Lokführer aber ihre Arbeit wieder aufgenommen. Die GDL fordert von der Bahn einen eigenen Spartentarifvertrag, was die Konzernführung bislang kategorisch ablehnt, sowie eine Tarifanhebung bis zu 31 Prozent. Auch die Gewerkschaften Transnet und GDBA organisierten Arbeitsniederlegungen und setzten damit ihre Warnstreiks im Tarifstreit mit der Bahn fort. Unter anderem sei deshalb der Zugverkehr im Großraum Eisenach vollständig zum Erliegen gekommen, teilten die Gewerkschaften mit.

In Nordrhein-Westfalen blockierten in den Bahnhöfen und auf offener Strecke abgestellte Züge den Bahnverkehr zusätzlich, wie ein Bahnsprecher berichtete. Auch in Bayern kam der Zugverkehr teilweise zum Erliegen, betroffen war nach Auskunft eines Bahnsprechers vor allem der Nahverkehr.

Chaos blieb aus

Das befürchtete Chaos auf den Bahnhöfen blieb aber zunächst aus. Zahlreiche Pendler hatten sich nach den Ankündigungen vom Montag anscheindend auf die Streiks eingestellt. In München erklärte ein Bahnsprecher, viele hätten sich wohl einen freien Tag genommen oder den Beginn ihrer Arbeitszeit auf nach 9 Uhr gelegt.

Zahlreiche Bahnfahrer stiegen auch auf das Auto um. Doch auch die Staus hielten sich in Grenzen. Transnet und GDBA planen im Laufe des Tages noch zahlreiche weitere Aktionen.

„Wenn nötig streiken wir über Wochen“

Die Lokführer-Gewerkschaft GDL will den Bahnverkehr in Deutschland gegebenenfalls wochenlang lahm legen. „Wir sind darauf eingestellt, notfalls auch länger zu streiken - wenn nötig über Wochen“, sagte Gewerkschaftschef Manfred Schell. „Wir setzen auf ein Umdenken der Unternehmensführung. Sie wird die Auswirkungen unserer Aktionen zu spüren bekommen und kann dann entscheiden, ob sie uns zu echten Tarifverhandlungen einlädt oder nicht“, sagte der GDL-Vorsitzende.

Bahn-Sprecher Achim Stauß lehnte die Forderungen im ZDF ab. Den Lokführern einen eigenen Tarifvertrag zu gewähren, sei nicht möglich, sagte Stauß; die Forderung nach bis zu 31 Prozent mehr Lohn bezeichnete er als „absurd hoch“.

„Bahnvorstand muss Blockade aufgeben“

Schell bekräftigte jedoch die Forderung der GDL nach einem höheren Einstiegsgehalt für Lokomotivführer und das Bahn-Begleitpersonal. Beide Berufsgruppen seien „völlig unterbezahlt“, sagte er. Zugleich wies er Vorwürfe einer Spaltung der Belegschaft zurück. Die GDL-Mitglieder seien mit der Forderung der Bahn-Tarifgemeinschaft aus Transnet und der Verkehrsgewerkschaft GDBA nach sieben Prozent mehr Gehalt nicht zufrieden. „Wir brauchen eine bessere Bezahlung“, sagte Schell. Zugleich bekräftigte er, die Lokführer seien bislang von der Bahn nicht zu Tarifverhandlungen eingeladen worden. „Es hat nie eine solche Einladung gegeben.“

Der Bahn-Vorstand müsse sich endlich bewegen und seine Blockade aufgeben, forderte Schell. „Wir setzen auf ein Umdenken der Unternehmensführung. Sie wird die Auswirkungen unserer Aktionen zu spüren bekommen und kann dann entscheiden, ob sie uns zu echten Tarifverhandlungen einlädt oder nicht.“

Schell bekräftigte, dass er auf eigenen Tarifverhandlungen mit der Bahn bestehe ohne die größere Gewerkschaft Transnet: „Gemeinsam gegen den Arbeitgeber vorzugehen, würde für uns heißen, Schwäche zu zeigen. Deshalb gehen wir den Weg, für den wir uns entschieden haben. Wir bestehen auf einen eigenständigen Tarifvertrag.“

Hotline und Fahrkarten-Umtausch

Vor einer Zugfahrt können sich Reisende über eine kostenlose Hotline unter der Telefonnummer 08000-996633 informieren, ob ihre Züge betroffen sind. Anrufer aus dem Ausland wählen die Nummer 0049-1805-334444. Die Gebühren richten sich dabei unter anderem nach dem Herkunftsland. Auch auf der Internet-Seite www.bahn.de gibt der Konzern Auskunft über die Folgen des Streiks.

Reisende können zudem ihre Fahrkarten kostenlos umtauschen oder sich den Preis erstatten lassen, wenn sie wegen streikbedingter Zugausfälle oder Verspätungen nicht fahren können. Fahrkarten und Reservierungen, die am Streiktag gültig waren, werden bis Ende Juli erstattet. Wer seinen Anschlusszug durch den Streik verpasst, kann mit dem nächsten, gegebenenfalls teureren Zug weiterfahren. Die Übernahme von Kosten für eine Taxifahrt oder gar die Übernachtung in einem Hotel ist dagegen nicht vorgesehen. Begründet wird dies auch damit, dass die Streiks am frühen Morgen stattfinden.



Text: FAZ.NET mit AP/ddp/dpa
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, Frank Röth, reuters

Am Morgen ließen die Lokführer erstmal die Beine baumeln Warten, warten, warten Streik am Hamburger Hauptbahnhof Wie schon am Montag treten auch am Dienstag Transnet- und GDBA-Mitglieder in ... Die Bahnangestellten wollen mehr Geld
In den Bahnhöfen stehen die Züge verlassen da Das Motto des Morgens: Nicht einsteigen Unübersehbar: Hier wird gestreikt Verlassene Bahnsteige - viele Reisende hatte sich auf den Streik eingestellt
Die Lokführer sind bis 9 Uhr einfach stehen geblieben Suche nach einer Alternative Bis zu 31 Prozent mehr Geld fordert die Gewerkschaft der Lokomotivführer Auch dieser Pendler kommt erstmal nicht zur Arbeit Frankfurt Hauptbahnhof - hier steht alles still Die Lokführer streikten - auf Deutschlands Bahnhöfen standen die Signale auf ... Warten auf einen Anschluss in Hamburg Viele Pendler verließen die Bahnhöfe wieder: hier in Hamburg Auch S-Bahnen wurden bestreikt Die Streikenden warben bei den Bahnkunden um Verständnis