Wirtschaftspolitik

Mehr Direktinvestitionen in Frankreich als in Deutschland

16. März 2006 Bundeskanzlerin Angela Merkel war erstaunt. Doppelt so hoch wie in Deutschland sei das Volumen ausländischer Direktinvestitionen in Frankreich, berichtete ihr der französische Staatspräsident Jacques Chirac jetzt in Berlin. Ist der in den vergangenen Wochen gegen Frankreich aufgekommene Vorwurf des Protektionismus aus der Luft gegriffen? Ist Frankreich offener für ausländische Investoren, als es sich nach außen zeigt?

Ein Blick in die europäische Statistik zeigt, daß Chirac recht hat und auch wieder nicht. Der Bestand an ausländischen Direktinvestitionen in Frankreich betrug im Jahr 2004 - neuere Angaben liegen nicht vor - 430,4 Milliarden Euro. Das sind weniger als die 530,7 Milliarden Euro in Deutschland. Angesichts der unterschiedlichen Wirtschaftskraft der beiden Länder aber ist der Vergleich mit dem Bruttoinlandsprodukt (BIP) entscheidend. Diesbezüglich führt Frankreich im internationalen Vergleich. Der Bestand an ausländischen Direktinvestitionen belief sich nach Daten des Internationalen Währungsfonds im Jahr 2004 auf 45,6 Prozent des französischen BIP. Im Vereinigten Königreich waren es 36 und in Deutschland 24,6 Prozent.

18.000 ausländische Unternehmen, 1,9 Millionen Beschäftigte

Jacques Chirac beeindruckt die Kanzlerin

Jacques Chirac beeindruckt die Kanzlerin

Zu beachten ist bei diesem Vergleich, daß die deutsche Wirtschaft rund ein Drittel größer ist als die französische. Für größere Länder ist es normal, daß die Direktinvestitionen im Verhältnis zum BIP geringer ausfallen als in kleineren Ländern. Für die großen Vereinigten Staaten errechnet sich aus der Statistik ein Anteil von gerade einmal 23 Prozent. Dies erklärt einen Teil des deutschen Rückstands im Vergleich zu Frankreich. Ohnedies bestätigt der Vergleich des Bestands an ausländischen Direktinvestitionen allein, daß Frankreich für ausländische Investoren in früheren Jahren attraktiver war als Deutschland. Eine Aussage, wie reibungslos die Übernahme eines französischen Unternehmens vor sich geht, läßt sich aus der Statistik nicht ziehen.

Nach einer Studie des französischen Statistikinstituts Insee hat sich die Zahl der Unternehmen und Filialen im ausländischen Besitz in Frankreich im Zeitraum von 1993 bis 2003 auf fast 18.000 verdreifacht. Die Zahl der in ausländischen Unternehmen Beschäftigten hat sich danach auf 1,88 Millionen verdoppelt. Direkt vergleichbare Zahlen aus Deutschland gibt es nicht. Die Deutsche Bundesbank weist für 2003 rund 3100 Unternehmen mit ausländischer Beteiligung und mehr als 1,2 Millionen dort Beschäftigten aus. Die tatsächlichen Zahlen liegen allerdings wegen der begrenzten statistischen Erfassung hierzulande höher.

Deutsche Unternehmen stocken Auslandsinvestitionen wieder auf

Die Europäische Union stellt Frankreich mit Blick auf die Marktintegration bei ausländischen Investitionen ein vergleichsweise gutes Zeugnis aus. Der dazu herangezogene und vom europäischen Statistikamt Eurostat berechnete Indikator setzt die Summe der jährlichen ausländischen Direktinvestitionen im Inland und der inländischen Direktinvestitionen im Ausland in Beziehung zum BIP. Im Durchschnitt der Jahre 2001 bis 2004 lag die so gemessene Intensität der Direktinvestitionen in Frankreich bei 3,1 Prozent und damit ähnlich hoch wie im Vereinigten Königreich. Für Deutschland weist Eurostat nur 0,8 Prozent aus.

Überraschend ist dieses Ergebnis nicht. Die wirtschaftliche Flaute nach dem Platzen der internationalen Aktienkurs- und Übernahmeblase hierzulande hatte die Investitionsbereitschaft der deutschen Unternehmen nicht nur im In-, sondern auch im Ausland auf nahezu null gedrückt. Im Durchschnitt der Jahre 1992 bis 2000 hingegen unterscheidet sich der Eurostat-Indikator kaum zwischen Frankreich und Deutschland. Dies deutet darauf hin, daß in den jüngsten Jahren tatsächlich die schwache deutsche Wirtschaftsentwicklung für die geringe Direktinvestitionsintensität verantwortlich war.

Muß Deutschland sich hinter Frankreich verstecken?

Im vergangenen Jahr, so zeigen die Statistiken der Deutschen Bundesbank, haben die deutschen Unternehmen ihre Auslandsinvestitionen mit im Saldo 37 Milliarden Euro erstmals seit 2000 wieder spürbar aufgestockt. Auch die ausländischen Direktinvestitionen in Deutschland stiegen drastisch auf 26,3 Milliarden Euro, nachdem sie 2004 noch geschrumpft waren. Die Intensität der Direktinvestitionen hat sich damit zuletzt deutlich verbessert, im Vorgriff auf die wirtschaftliche Erholung in diesem Jahr.

Zumindest von den Investitionsströmen her gesehen brauchte sich Deutschland hinter Frankreich im vergangenen Jahr kaum noch zu verstecken. Mit 38,3 Milliarden Euro zog Frankreich zwar noch mehr ausländische Investoren an. Der Vorsprung vor Deutschland aber schrumpfte. Im Saldo der ausländischen Direktinvestitionen im Inland und aus dem Inland heraus ins Ausland verlor Frankreich im vergangenen Jahr 41 Milliarden Euro Investitionskapital, gegenüber einem Minus von 10 Milliarden Euro in Deutschland. Der Vergleich des Direktinvestitionssaldos berücksichtigt freilich nicht, daß Investitionen inländischer Unternehmen im Ausland der Erschließung neuer Märkte und dem billigen Bezug von Vorprodukten dienen kann, was der Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Unternehmen zugute kommt.

Text: pwe., F.A.Z., 16.03.2006, Nr. 64 / Seite 12
Bildmaterial: F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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