Tourismus

Sonne, Strand und keine Gäste

Von Michael Psotta

Urlaubsland Spanien: Viel Platz unter den Sonnenschirmen

Urlaubsland Spanien: Viel Platz unter den Sonnenschirmen

07. Juli 2009 Der spanische Tourismus steuert auf ein verheerendes Jahr zu. In den ersten fünf Monaten sank die Zahl der ausländischen Gäste um fast 12 Prozent oder 2,5 Millionen auf nur noch 23,3 Millionen. Schon im Vorjahr war die Zahl der Touristen um 1,8 Millionen geschrumpft. Die spanische Regierung erwartet jetzt, dass die Zahl der ausländischen Gäste 2009 um 10 Prozent zurückgeht. Der langjährig gehaltene zweite Platz unter den Tourismuszielen nach Frankreich - Spanien hatte zuletzt rund 57 Millionen Gäste - dürfte damit an die Vereinigten Staaten verlorengehen.

Für Spanien ist dies aber weniger eine statistische Niederlage als vielmehr ein ökonomisches Desaster: Nach der Bau- und Immobilienwirtschaft geht damit auch die zweitwichtigste Branche in die Knie. Immerhin trug die Tourismusbranche im vergangenen Jahr noch 10,7 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei und beschäftigt rund 1,5 Millionen Mitarbeiter. Experten schätzen nun, dass mehr als 100.000 von ihnen in diesem Jahr ihren Arbeitsplatz verlieren. Betroffen sein werden auch angrenzende Gewerbe, etwa Friseure oder Bekleidungsgeschäfte oder die Anbieter von Sonnencremes. Für den spanischen Arbeitsmarkt verheißt das nichts Gutes. Schon gegenwärtig liegt das Land mit einer Arbeitslosenquote von fast 19 Prozent abgeschlagen auf dem letzten Platz in der EU hinter Irland mit einer Quote von annähernd 12 Prozent.

Ägypten oder die Türkei profitieren

Gegen die Hauptursache des touristischen Niedergangs ist Spanien weitgehend machtlos: Die Gäste aus den großen europäischen Nachbarländern bleiben aus, weil sie selbst unter der Wirtschaftskrise leiden. Die größte Zahl der Spanien-Reisenden stellt seit einigen Jahren Großbritannien, gefolgt von Deutschland und Frankreich. In Großbritannien kommt hinzu, dass die Abwertung des Pfund den Urlaub in Spanien deutlich verteuert hat. Konkurrierende Tourismusländer wie Ägypten oder die Türkei wiederum profitieren davon, dass der Urlaub in ihren Ländern auch wegen der Verschiebung der Währungskurse zum Euro günstiger geworden ist.

Betroffen sind in Spanien in erster Linie die großen Hotelketten wie Riu, die eng mit der deutschen TUI verbunden ist und auch eine Beteiligung von 5 Prozent hält, Sol Meliá und die vor allem auf Städte konzentrierte Kette NH Hoteles. Sie haben Mühe, ihre Kapazitäten einigermaßen auszulasten. In guten Jahren begann die Saison an den spanischen Küsten zu Ostern und endete im Herbst. Jetzt haben viele Hoteliers ihre Häuser nach Ostern erst einmal wieder geschlossen. Der Hotelverband FEHM in Mallorca berichtete kürzlich, dass selbst zu Ostern nur etwa die Hälfte der 900 dem Verband angeschlossenen Häuser geöffnet war. Die Auslastung betrug 65 Prozent, worüber sich der Verband noch einigermaßen erleichtert zeigte - vor allem die Deutschen seien weiterhin auf die Insel gekommen.

Der Urlauber gibt je Reise rund 200 Euro weniger aus

Das mag auch mit günstigen Angeboten zusammenhängen. Nach Schätzungen sind die Preise etwa um 20 Prozent gegenüber zwei Jahren zuvor herabgesetzt worden. Hinzu kommen Sonderangebote wie etwa ein Wochenende im Doppelzimmer für 130 Euro in allen europäischen Hotels - für beide Gäste zusammen und einschließlich kostenloser Minibar, wie NH Hoteles verspricht. Damit reagiert die Branche auf die bittere Erkenntnis, dass der Urlauber heute je Reise rund 200 Euro weniger als früher ausgibt. Riu hat schon im vergangenen Jahr drei Hotels auf der Iberischen Halbinsel geschlossen. Neueröffnungen plant dieses Familienunternehmen inzwischen ausschließlich jenseits der Landesgrenzen. Dabei setzt Riu vor allem auf Länder wie Costa Rica oder Marokko, wo die Lohnkosten deutlich niedriger als in Spanien sind.

Damit reagiert Riu ähnlich wie die nationalen Konkurrenten auf eine der Hauptschwierigkeiten der spanischen Branche: Einerseits sind in den vergangenen Jahren die Preise stark gestiegen - eine der Schattenseiten des langjährigen Aufschwungs -, andererseits fehlt dem Euro-Land Spanien das Instrument der Abwertung wie früher zu Zeiten der Pesete, um der Inflation entgegenzuarbeiten. In dieser Lage böte vor allem die Erhöhung der Produktivität einen Ausweg. Davon ist aber im spanischen Tourismus seit langem keine Rede mehr. Wie früher setzt der spanische Tourismus weitgehend auf Sonne, Strand und Meer - eine Strategie, die angesichts von Konkurrenten wie Ägypten und der Türkei auf Dauer wenig erfolgversprechend klingt.

Das Leid der Flugggesellschaften

Zu den Unternehmen, die unter der Tourismusflaute besonders leiden, gehören auch die Fluggesellschaften, da die ausländischen Gäste ganz überwiegend auf dem Luftweg nach Spanien kommen. Die führende nationale Fluggesellschaft, der ehemalige Staatsmonopolist Iberia, und die langjährige Nummer zwei, Spanair, verloren in den ersten vier Monaten des laufenden Jahres jeweils zwei Millionen Fluggäste: Bei Iberia ging die Zahl der Passagiere gegenüber dem Vorjahreszeitraum 19 Prozent auf 9,5 Millionen zurück, bei Spanair sogar um 33 Prozent auf 3,8 Millionen. Die dritte spanische Fluglinie, Air Europa, verzeichnete ebenfalls einen deutlichen Passagierrückgang um 16 Prozent auf 4,2 Millionen, womit sie aber immerhin auf den zweiten Rang vor Spanair vorstieß. Allerdings waren diese Einbußen nicht nur eine Folge des schwachen Tourismus, sondern offenbar auch von Schwächen der Geschäftsmodelle, wie die gleichzeitigen Erfolge etwa des britischen Billigfliegers Ryanair zeigen.

In Spaniens Tourismus sind aber auch neue Tendenzen auszumachen. So hat sich Barcelona mit Angeboten für Kongressveranstalter und -reisende und mit zahlreichen Kulturveranstaltern zu einem der beliebtesten Ziel für Städtereisen in Europa emporgearbeitet. Und das ehemals heruntergekommene Bilbao im Baskenland, das Jahrzehnte unter dem Niedergang der Schwer- und Schiffsbauindustrie gelitten hatte, wandelte sich zu einem attraktiven Reiseziel. Das lag vor allem am neuen Guggenheim-Museum. Einen Wandel strebt auch Mallorca an: Die Zahl der billigen Bettenburgen soll deutlich verringert werden. Ziel ist es, dass die einzelnen Reisenden wieder mehr für ihren Urlaub ausgeben - das wird aber nur mit deutlich attraktiveren Angeboten gelingen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp

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