Kyoto-Folgeabkommen

Verlierer und Gewinner des Klimaschutzes

Von Holger Schmidt

05. Dezember 2007 Wenn die Umweltminister auf Bali über den Klimaschutz verhandeln, sind ihre Wirtschaftsminister, die Vorstandschefs der Energieversorger, der energieintensiven Industriezweige und der Transportwirtschaft in Gedanken ganz nah bei ihnen. Denn jede Art von Klimaschutz, die den Einsatz fossiler Energie begrenzt oder verteuert, wirkt sich auf Wohlfahrt und Wachstum eines Landes aus und führt überdies in einer eng verflochtenen Weltwirtschaft automatisch zu internationalen Verteilungswirkungen.

Es steht also viel Geld auf dem Spiel, wenn auf Bali die Grundlage für ein Kyoto-Folgeabkommen gelegt werden soll. Wenn die Emissionen der sechs Treibhausgase so stark gesenkt werden, dass die als noch verkraftbar eingestufte Erderwärmung um 2 Grad Celsius nicht überschritten wird, fällt das globale Sozialprodukt im Jahr 2030 zwischen 0,2 und 2,5 Prozent niedriger aus, haben die Modellrechnungen des Weltklimarates IPCC ermittelt. Bis 2050 erhöht sich die Spannbreite der makroökonomischen Kosten von leicht negativ bis 4 Prozent, hat das IPCC errechnet. Im Durchschnitt würde ernsthafter Klimaschutz die Welt also umgerechnet rund 0,1 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum jedes Jahr kosten. Diese makroökonomischen Kosten nehmen zu, wenn Regionen, Sektoren oder Klimagase ausgenommen werden. Die Kosten sinken dagegen, wenn die Einnahmen aus einer Kohlendioxidsteuer oder der Versteigerung der Emissionsrechte zur Erforschung erneuerbarer Energiequellen eingesetzt werden.

Senkung der Kohlendioxidemissionen kostet

Die Kosten ergeben sich vor allem aus der notwendigen Senkung der Kohlendioxidemissionen, die nicht nur den größten Anteil an dem vom Menschen verursachten Treibhauseffekt haben, sondern auch am schnellsten zunehmen. Diese Kosten fallen an, wenn zum Beispiel kohlendioxid-freie Energien erforscht werden, wenn Kohle und Öl gegen andere Energieträger ausgetauscht werden oder wenn fossile Energie verteuert wird, um Verbraucher zum Umstieg auf alternative Brennstoffe zu motivieren. Generell gilt: Mit zunehmender Emissionsreduktion steigen auch die Kosten an. Denn jedes Land wird natürlich die günstigsten Klimaschutzprojekte zuerst umsetzen. Dazu gehört die Steigerung der Energieeffizienz wie eine bessere Wärmedämmung, was sich durch die gesenkten Energiekosten oft auch von allein rechnet. Aber schon die nächsten technischen Klimaschutzoptionen wie der Einsatz von Biokraftstoffen, Windkraftanlagen auf See, Solarenergie und Wasserstoffmotoren für Autos sind - bei heutigen Energiepreisen - aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht mehr kostenlos zu haben. Erst in Zukunft werden Lern- und Größeneffekte bei erneuerbaren Energien bei gleichzeitig eher steigenden Öl- und Gaspreisen die Lücke Schritt für Schritt schließen.

Zwar liegen die erwarteten Kosten des Klimawandels, wie etwa Produktionsausfälle, um ein Vielfaches höher. Da diese Kosten aber erst in Jahrzehnten anfallen, die verhandelnden Politiker aber jetzt wiedergewählt werden wollen, spielen in den aktuellen Verhandlungen fast nur die (aktuellen) Kosten des Klimaschutzes eine Rolle.

Das Kernproblem der Klimakonferenzen liegt in den starken Unterschieden bei diesen Kosten, die durch die Effizienz des Energieeinsatzes, den Energieträgermix, den Entwicklungsgrad einer Volkswirtschaft und nicht zuletzt durch die geographisch-klimatischen Bedingungen definiert werden. Jedes Klimaschutzinstrument, wie nationale Reduktionsverpflichtungen oder der Emissionshandel, verursacht daher unterschiedlich hohe Kosten, ruft also immer Gewinner und Verlierer hervor.

-Für Länder wie Japan oder Großbritannien, die fossile Energie bereits effizient einsetzen, also wenig Energie für die Erstellung ihres Sozialproduktes benötigen, ist die Reduktion einer weiteren Tonne Kohlendioxid teurer als für Länder wie Russland, die Energie verschwenden. Die Verschwender können sogar profitieren, wenn sie Emissionsrechte verkaufen können.

-Volkswirtschaften wie China oder Australien, die relativ viel Kohle verbrauchen, können mit einem Brennstoffwechsel vergleichsweise leicht das Klima schützen. Für Länder wie Norwegen, die heute schon in hohem Maße auf erneuerbare Energien setzen, sind weitere Emissionsreduktionen mit höheren Kosten verbunden.

-Wichtig ist auch die Energiestruktur: Je höher der Anteil der erneuerbaren Energieträger, der Atomkraft und der relativ kohlenstoffarmen Energieträger wie Erdgas schon ist, desto teurer wird zusätzlicher Klimaschutz. Das zeigt sich in Norwegen und Frankreich, während Länder mit hohem Kohleanteil wie China, die Vereinigten Staaten, Australien und Deutschland vergleichsweise kostengünstig das Klima schützen können, wenn sie den Brennstoff Kohle durch andere Energieträger ersetzen.

-Entwicklungs- und Schwellenländer wie China, Indien oder Indonesien, deren Bevölkerung und Wirtschaft schnell wachsen, müssen mit höheren Wachstumseinbußen rechnen als hochentwickelte Industrieländer wie die Vereinigten Staaten.

-Flächenstaaten wie Kanada benötigen vergleichsweise viel Energie für den Transport, haben also hohe Klimaschutzkosten, weil Emissionsreduktionen im Transportsektor eher teuer sind.

-Exporteure fossiler Energie wie Saudi-Arabien werden unter dem Klimaschutz in den Industrieländern leiden, wenn ihre Kunden weniger Energie verbrauchen. Auch Russland, eines der größten Ölausfuhrländer der Welt, hat sich aus diesem Grund lange Zeit geweigert, das Kyoto-Protokoll zu unterschreiben. Ein Klimaschutzabkommen, das die Nachfrage der großen Industrienationen nach den relativ kohlenstoffhaltigen Energieträgern Öl und Kohle senkt, wird in den Exportländern zu Ausfuhrrückgängen in die Klimaschutzländer führen, die von den möglicherweise steigenden Importen der anderen Verweigererländer wohl nicht kompensiert werden können.

Die Kostenunterschiede gewinnen in einer international verflochtenen Wirtschaft, in der nicht alle Länder an einem Klimaabkommen teilnehmen, noch an Bedeutung. Schützt zum Beispiel ein großes Land das Klima, indem es Öl und Kohle mit einer Steuer verteuert, profitieren die Nichtklimaschützer davon in mehrfacher Weise: schon kurzfristig von einem fallenden Ölpreis, möglichen Standortverlagerungen der energieintensiven Industriezweige aus dem Klimaschutzland und Kostenvorteilen in der eigenen Produktion dieser Güter.

Der Klimaschutz des Vorreiterlandes hat also zwei Effekte im Verweigererland: mehr Wirtschaftswachstum aufgrund des sinkenden Ölpreises und der Produktionsausweitung der energieintensiven Industrie, verbunden mit steigenden Kohlendioxidemissionen. Empirische Untersuchungen über die Höhe des "carbon leakage" kommen im Durchschnitt zu dem Ergebnis, dass diese Emissionsausweitung an anderer Stelle durchaus 10 Prozent der ursprünglichen Reduktion des Kohlendioxidausstoßes zunichtemachen kann - abgesehen von den möglichen kurzfristigen negativen Wachstumswirkungen im Vorreiterland.

Ein Klimaschutzregime kann unter diesen Voraussetzungen nur dann auf die notwendige breite Akzeptanz stoßen, wenn eine größtmögliche Flexibilität eingebaut wird. Einheitliche Reduktionsverpflichtungen oder gar eine einheitliche Kohlenstoffsteuer haben keine Chance. Auf Bali müssen daher die Voraussetzungen geschaffen werden, um Klimaschutz zu möglichst geringen Kosten zu erreichen und dabei die Lasten so zu verteilen, dass sich kein Land benachteiligt fühlt. Aus Sicht der Ökonomen sind zwei Aspekte besonders wichtig:

-Möglichst viele Länder früh in den Klimaschutz einzubeziehen, also neben den Hauptemittenten auch die Volkswirtschaften mit schnell wachsenden Emissionen. Denn in Ländern wie China, in denen jetzt hohe Investitionen in das Energiesystem anstehen, lassen sich Emissionen günstiger verringern als in Ländern, in denen keine Investitionen anstehen. Die notwendigen Instrumente wie Joint Implementation, Technologietransfers, Emissionshandel oder der Clean Development Mechanism sind vorhanden, müssen aber ausgebaut und konsequent eingesetzt werden.

-Gleichzeitig müssen Anreize für technischen Fortschritt gesetzt werden oder bestehen bleiben. Jetzt alle Kraft darauf zu verwenden, mit der heute vorhandenen modernen Technik die günstigen Klimaschutzpotentiale in China, Indien oder Russland zu erschließen, würde den Emissionsanstieg zwar kurzfristig bremsen, mittel- und langfristig aber den notwendigen technischen Fortschritt in der Energietechnik bremsen. In den kommenden Jahrzehnten müssen auch die Energiesysteme in den hochentwickelten Ländern weitgehend vom Kohlenstoff loskommen.

Glossar der Klima-Konferenz auf Bali

- Was will die Konferenz? Sie soll ein Mandat formulieren und einen Zeitplan aufstellen für Verhandlungen, die spätestens 2009 zu einem Abkommen führen, wie Treibhausgas-Emissionen vom Jahre 2013 an verringert werden. Im Jahr zuvor läuft das Kyoto-Protokoll aus. Dieses wurde von 176 Ländern ratifiziert, verpflichtet aber allein 40 Industriestaaten zu einer Reduktion um fünf Prozent gegenüber 1990.

- Wie lange dauert die Konferenz? Das Treffen von 190 Staaten dauert bis zum 14. Dezember. Die Minister, darunter auch Sigmar Gabriel (SPD), reisen erst in der kommenden Woche an, wenn es etwas zu entscheiden gibt. Zuvor befassen sich die Diplomaten mit dem Entwurf für die Abschlusserklärung.

- Warum gerade auf Bali? Die Insel der Götter wurde von den Diplomaten nicht etwa ausgewählt, weil sie gerne unter Palmen tagen. Indonesien hat in diesem Jahr den Vorsitz unter den 192 Vertragsstaaten der UN-Klimarahmenkonvention. Die Bali-Konferenz ist das 13. Treffen dieser Vertragsstaaten: Die nächsten Konferenzen finden in Polen (2008) und Kopenhagen (2009) statt.

- Wie könnte ein Kyoto II aussehen? Das Abkommen müsste einerseits die Industriestaaten zu einer noch stärkeren CO2-Verminderung verpflichten, andererseits aber auch Zusagen der Schwellenländer enthalten. Denn China überrundet vielleicht schon 2008 Amerika als größten Emittenten mit einem globalen Anteil von 22 Prozent. Auf Europa entfallen 14 Prozent der Emissionen. Ohne die Schwellenländer wäre es also gar nicht möglich, bis 2050 die Emissionen um 50 Prozent zu vermindern.

- Was können Schwellenländer tun? Sie dürfen weiter wachsen, sollten aber die Energieeffizienz verbessern. Damit werden Wirtschaftswachstum und Emissionen entkoppelt. Finanzielle Hilfen sowie ein erleichterter Technologie-Transfer könnten zusätzliche Fortschritte bringen, etwa beim Ausbau erneuerbarer Energien, in dem sich China bereits ehrgeizige Ziele gesetzt hat.

- Wie funktioniert der Emissionshandel? Mit dem Kyoto-Protokoll wurde der Emissionshandel eingeführt, der eine besonders effiziente Form marktwirtschaftlichen Klimaschutzes ist. Dabei wird eine Obergrenze an CO2-Emissionen festgesetzt und der Industrie eine entsprechende Menge an Zertifikaten zugeteilt. Es entsteht ein Knappheitspreis, der die Kosten der CO2-Vermeidung widerspiegelt. Wer seine Emissionen stärker verringert, kann Zertifikate verkaufen, andere müssen zukaufen.

- Was sind CDM-Maßnahmen? Dieses Kürzel steht für den Clean Development Mechanism (CDM). Das Kyoto-Protokoll ermöglicht es Unternehmen in Industriestaaten, Klimaschutzprojekte in Entwicklungsländern zu finanzieren und dabei CO-Zertifikate zu erwerben. Vom kommenden Jahr an können auf diese Weise ein Fünftel der Zertifikate im europäischen Emissionshandel bei CDM-Projekten erworben werden. Etwa 840 solcher Projekte in 49 Ländern sind bisher registriert, weitere 1800 Projekte befinden sich zurzeit in der Prüfung. Man schätzt, dass bis 2012 Emissionszertifikate für mehr als 2,5 Milliarden Tonnen CO2 zur Verfügung stehen, die international gehandelt werden können. Dies entspricht mehr als dem Doppelten der deutschen Emissionen. Einige bemängeln, dass wegen unzureichender Prüfung nicht alle CDM-Maßnahmen sinnvoll und somit diese Zertifikate "faul" sind, weil es sich entweder um Aufforstungen oder um Investitionen in erneuerbare Energien handelt, die man ohnehin ergreifen würde. (km.)



Text: F.A.Z., 04.12.2007, Nr. 282 / Seite 16
Bildmaterial: F.A.Z., REUTERS

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