Südafrika

Aufschwung in der Township

Von Claudia Bröll

20. März 2008 Wer nach Soweto fährt, denkt normalerweise nicht an Prada und Champagner. Die südafrikanische Township, Mitte der siebziger Jahre Zentrum des blutigen Aufstands der Schwarzen gegen die weiße Apartheid-Regierung, galt als unterprivilegierte schwarze Satellitenstadt vor den Toren Johannesburgs. Die meisten Einwohner leben bis heute in einfachen Backsteinhäuschen oder Wellblechhütten. Luxus bedeutet für sie, eine eigene Toilette zu haben.

Doch 14 Jahre nach dem Ende der Apartheid zeigt die Eine-Million-Einwohner-Stadt eine neue Seite. Der einstige Wohnort von Nelson Mandela erlebt einen Wirtschaftsboom. Vor kurzem öffnete das erste Viersternehotel. Gleichzeitig wurde die Eröffnung der Maponya Mall, eines hochmodernen Einkaufszentrums mit 200 Geschäften, gefeiert. Traditionelle afrikanische Läden sucht man dort vergebens. Dafür gibt es Juweliere, europäische Edelboutiquen und Restaurants, die Gästen eine Kleiderordnung diktieren. Die Zeiten, in denen Menschen in Soweto wenig anderes als Bier tranken, scheinen zu Ende. Heute wollen Geschäftsleute den Cognac fließen sehen - und das Geld der neuen schwarzen Mittelschicht.

Wer zu Geld kommt verlässt nicht mehr fluchtartig die Gegend

Soweto war einst ein wirtschaftliches Niemandsland. Zunächst hatte die Apartheid-Regierung jegliche wirtschaftliche Aktivität verboten, um die Bewohner als Arbeitskräfte für die Minen zu halten. Später machten dem Ort Aufstände und Kriminalität zu schaffen. „Jetzt erst mausert sich die Township zu einem Vorort mit Einkaufszentren, Büros und Arbeitsplätzen“, sagt John Loos, Immobilienspezialist der First National Bank. „Einige mögen diese Entwicklung einen Boom nennen, ich nenne es Normalisierung.“

Der Aufschwung spiegelt sich in dramatisch gestiegenen Immobilienpreisen. Ein größeres Haus in einer der besseren Gegenden von Soweto kostet 200.000 Rand (20.000 Euro), vor wenigen Jahren waren es 30.000 Rand. Für ein Häuschen von der Größe einer Garage müssen die Bewohner mittlerweile eine für Township-Verhältnisse stattliche Miete von 800 Rand (80 Euro) im Monat zahlen.

Anders als in der Vergangenheit verlassen zu Geld gekommene Schwarze nicht mehr fluchtartig die Gegend, um sich in den vornehmeren, überwiegend weißen Vororten Johannesburgs niederzulassen. „Zwei Drittel der Menschen haben nicht vor, aus Soweto in absehbarer Zeit wegzuziehen“, sagt André Ligthelm, Professor an der University of South Africa. „Das zieht Unternehmen an, treibt den Konsum und fördert die wirtschaftliche Entwicklung. Im Gegensatz zu früher bleibt das Geld in Soweto.“

Kapital schlagen aus der Geschichte

Zusätzlich versucht die Township aus ihrer Geschichte Kapital zu schlagen. Das neue Holiday-Inn-Hotel in Kliptown, wo 1955 die Grundlage für die Befreiungsbewegung, die Freedom-Charta, unterzeichnet wurde, hat sich mit Luxuszimmern auf Reisegruppen aus dem Ausland eingerichtet. In der feinen Präsidentensuite übernachteten schon Staatspräsident Thabo Mbeki und namhafte Oppositionspolitiker.

Schillerndstes Beispiel für den Aufschwung ist die neue Maponya Mall, angeblich das größte überdachte Einkaufszentrum Südafrikas. Eine moderne Konstruktion aus Stahl und Glas mit Marmorböden und durchsichtigen Rolltreppen. Sie lässt vergessen, dass Menschen nicht weit entfernt Zwiebeln und Maiskolben auf umgedrehten Bierkästen auf dem Boden verkaufen. Umgerechnet 65 Millionen Euro investierte der in Soweto geborene 82 Jahre alte Geschäftsmann Richard Maponya in den Bau. Fast dreißig Jahre lang hatte er für das Projekt gekämpft. Es sei ein überfälliges Geschenk an die Menschen in Soweto, die es verdienten, in einem Einkaufszentrum von Weltstandard einzukaufen und sich zu vergnügen, sagte er zur Eröffnung. „Ich habe dies nur ermöglicht. Jetzt gehört das Einkaufszentrum euch. Ihr werdet hier einkaufen, eure Kinder werden hier einkaufen. Genießt es!“

„Diese Mall macht uns stolz, in Soweto zu leben“

Die Einwohner von Soweto finden in dem Einkaufsparadies alle namhaften südafrikanischen Einzelhändler, die sich bisher auf die weißen Vororte konzentrierten. Zudem buhlen europäische Firmen wie Camper und Puma um die Kundschaft. Diese ist fast ausschließlich schwarz, aber nach den zur Schau getragenen T-Shirts und Handtaschen zu urteilen, versessen auf europäische und amerikanische Marken. „Diese Mall macht uns stolz, in Soweto zu leben“, sagt eine Frau in einem nachgemachten Armani-T-Shirt vor einem Juweliergeschäft. „Es bedeutet für uns eine neue Zukunft.“

Nach einer Studie der University of South Africa sind die Ausgaben der schwarzen Bevölkerung Südafrikas innerhalb von zehn Jahren um 240 Prozent gestiegen. Gründe sind das kräftige Wachstum der südafrikanischen Wirtschaft und die Förderung von Schwarzen durch die Regierung. Entgegen den Versprechungen der schwarzen ANC-Regierung profitierten jedoch nicht alle in gleicher Weise vom Aufschwung. Zwar hat sich in Südafrika eine gutbetuchte schwarze Mittel- und Oberschicht etabliert, die in schicken Limousinen durch die Städte fährt. Aber immer noch ist jeder Vierte im ganzen Land arbeitslos. In Soweto soll die Arbeitslosenquote sogar bei 40 Prozent liegen.

Vermutlich ist dies der Grund, weshalb zwar viele Menschen durch die Maponya Mall flanieren, sich aber nur wenige in Restaurants und Geschäfte trauen. Auch im Camper-Laden spürt man wenig von der erhofften Einkaufswut. „Wir verkaufen im Schnitt drei Paar Schuhe am Tag“, sagt einer der Verkäufer. Der Traum vom Luxus in Soweto hat begonnen. Verwirklicht ist er noch lange nicht.



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 47
Bildmaterial: AP, Maponya Mall

 
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