24. August 2008 Einige Ökonomen sprechen schon vom Wunder am deutschen Arbeitsmarkt. Die wirtschaftliche Entwicklung schwächt sich ab, im zweiten Quartal ist die deutsche Wirtschaft sogar geschrumpft. Doch die Arbeitslosigkeit sinkt. Im Aufschwung der letzten zwei Jahren ging die Arbeitslosigkeit stärker zurück als jemals zuvor in der deutschen Nachkriegsgeschichte.
Dieser Erfolg hat einen Grund: Die ungeliebten Hartz-Gesetze zeigten im Wirtschaftsaufschwung genau die Wirkung, die sie zeigen sollten. Der Arbeitsmarkt ist diesmal nicht geprägt vom üblichen Auf und Ab der Konjunktur mit einer ständig steigenden Sockelarbeitslosigkeit. Vor allem qualifizierte Arbeiter und Angestellte aus der Mittelschicht nehmen jetzt auch Jobs an, die sie vor den Hartz-Reformen noch abgelehnt hätten.
Es ist für viele nicht mehr attraktiv, vom Arbeitslosengeld zu leben
Das erklärt die neue Dynamik am Arbeitsmarkt: Es ist für viele Menschen nicht mehr so attraktiv, vom Arbeitslosengeld zu leben. Wenn nach einem Jahr der Absturz auf Hartz-IV-Niveau droht, suchen sich viele doch einen neuen Job - und nehmen ihn auch dann an, wenn sie sich eigentlich für bessere Aufgaben qualifiziert fühlen und weniger verdienen als vorher.
Die Zahlen belegen das eindeutig: Gerade bei den qualifizierten Beschäftigten, die Arbeitslosengeld bekommen, ist die Arbeitslosigkeit dramatisch zurückgegangen. Sie hat sich mehr als halbiert. 2005, vor Beginn der Hartz-Reformen, waren in dieser Gruppe noch mehr als 2,6 Millionen Menschen ohne Beschäftigung, heute sind es nur noch 980 000.
"Es gibt eine klare empirische Evidenz dafür, dass Leute anfangen, intensiver nach Wegen aus der Arbeitslosigkeit zu suchen, wenn sie an die Schwelle kommen, an der die Sozialtransfers drastisch gekürzt werden", sagt der Arbeitsmarktexperte des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung in Mannheim (ZEW), Holger Bonin. Eine andere Zahl unterstreicht das: Die Dauer der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit ist stark gesunken - von 270 Tagen im Jahr 2005 auf 170 Tage.
Die Dauer der durchschnittlichen Arbeitslosigkeit ist stark gesunken
Wer heute als qualifizierter Angestellter seinen Job verliert, bekommt ein Jahr lang 63 Prozent seines Nettoeinkommens als Arbeitslosengeld, hat er Kinder, sind es 67 Prozent. Nach zwölf Monaten folgt abrupt der Absturz auf Hartz-IV-Niveau. Das sind heute 345 Euro im Monat; dazu kommen allerdings noch die Kosten für die Wohnung und Sozialversicherungsbeiträge, die ebenfalls vom Staat übernommen werden.
Vor den Arbeitsmarktreformen stand ein Arbeitsloser aus der Mittelschicht viel besser da. Damals zahlte der Staat - zeitlich unbefristet - 57 Prozent des letzten Nettoeinkommens als Arbeitslosenhilfe, wenn Kinder zu betreuen waren 60 Prozent.
Ein Rechenbeispiel zeigt deutlich, was Hartz IV vor allem für die durchschnittlich verdienende Mittelschicht bedeutet: Ein Single, der vorher 1600 Euro brutto verdiente, bekam früher vom zweiten Jahr Arbeitslosigkeit an immer noch 912 Euro Arbeitslosenhilfe. Der Absturz auf 345 Euro Hartz IV schmerzt deutlich stärker. Vor allem für Arbeitslose aus der Mittelschicht ist es also mit den Hartz-Reformen ungemütlicher geworden.
Die Akzeptanzlöhne haben sich nach unten bewegt
Eine Folge: "Die Akzeptanzlöhne der Arbeitslosen haben sich deutlich nach unten bewegt", sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Klaus Zimmermann. Die Menschen sind heute viel schneller bereit, auch niedrigere Löhne zu akzeptieren, die sie vor der Reform noch als inakzeptabel zurückgewiesen hätten. Dieser Effekt war gewollt: Der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) hatte gesagt, als er im März 2003 die Agenda 2010 ankündigte: "Wir werden Leistungen des Staates kürzen, Eigenverantwortung fördern und mehr Eigenleistung von jedem Einzelnen abfordern müssen."
In der Vergangenheit ist der Sockel der Arbeitslosigkeit in Deutschland von Konjunkturzyklus zu Konjunkturzyklus gestiegen. Allein die Zahl der Empfänger von Arbeitslosenhilfe hat sich von 1991 bis 2004 mehr als verfünffacht. Dabei hat sie von Abschwung zu Abschwung deutlich zugenommen. In Zeiten wirtschaftlichen Wachstums stagnierte sie oder ging allenfalls geringfügig zurück. Dieser Trend ist gebrochen. "Der Sockel ist geschrumpft, selbst die Problemgruppen haben dieses Mal vom Aufschwung am Arbeitsmarkt profitiert", sagt Zimmermann. Und es werden Jobs geschaffen: Noch nie lag die Zahl der Beschäftigten mit mehr als 40 Millionen in Deutschland so hoch wie heute.
Sozialhilfeempfänger profitieren vom neuen Arbeitslosengeld II
Befragungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit unter deutschen Unternehmen bestätigen den Trend. Die Hartz-Reformen haben nach Ansicht der Betriebe zumindest bei einem Teil der Bewerber dazu geführt, dass sie ihr Verhalten veränderten. Betriebe können Stellen heute leichter besetzen und haben sogar zusätzliche Arbeitsplätze für Geringqualifizierte geschaffen.
Schon 2005 - im ersten Jahr der Hartz-Reformen - stellten 37 Prozent der Unternehmen fest, dass Bewerber eher bereit waren, einen Arbeitsplatz unter der eigenen Qualifikation anzunehmen. Bei der Lohnhöhe registrierten 35 Prozent der Unternehmen eine größerer Kompromissbereitschaft der Bewerber (siehe Grafik). Auch die Zahl der Initiativbewerbungen Arbeitsloser hat sich mit Inkrafttreten der Hartz-Reformen um 22 Prozent sprunghaft erhöht.
Anders als die Mittelschicht profitierten die meisten Sozialhilfeempfänger finanziell vom neuen Arbeitslosengeld II. Bei den Langzeitarbeitslosen mit geringer Qualifikation ist der Erfolg der Hartz-Reformen deswegen nicht ganz so stark. Weil sich reguläre Arbeit für sie immer noch nicht lohnt, verharren sie im Arbeitslosengeld II. Doch die Ausweitung des Niedriglohnsektors zeigt, dass sich auch hier etwas tut.
Wirtschaftspolitiker ignorieren die Erfolge der Hartz-Reformen
Die hohe Zahl der Aufstocker, die arbeiten und ergänzend Hartz IV bekommen, zeigt, dass viele Menschen lieber arbeiten, wenn ihr Zuverdienst nur noch zum Teil auf das Arbeitslosengeld II angerechnet wird. Unternehmen finden wieder Leute, die für wenig Geld einfache Arbeiten machen, für die man keine Ausbildung braucht. "Deswegen sind in diesem Aufschwung auch wieder Arbeitsplätze für Geringqualifizierte entstanden", sagt Zimmermann.
Die deutschen Wirtschaftspolitiker aber ignorieren diese Erfolge der Hartz-Reformen. Schlimmer noch: Unter dem politischen Druck der Linkspartei dreht die große Koalition die Dinge sogar langsam wieder zurück. Wenn sie diesen Weg weiterverfolgt, wird sich das im Abschwung bald wieder an den Arbeitslosenzahlen zeigen.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP, ZB
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