Deutscher Solarstrom

Die Geschichte einer Fehlentwicklung

Von Georg Küffner

Solarstrom gibt's in Deutschland sogar vom Kirchendach

Solarstrom gibt's in Deutschland sogar vom Kirchendach

07. Juni 2008 Die Farbe ist ihr Markenzeichen: Sie schimmern bläulich, die in den zurückliegenden Jahren zu Tausenden auf deutschen Hausdächern und rekultivierten Tagebauen aufgestellten Photovoltaikanlagen. Doch ihre Allgegenwärtigkeit steht im Widerspruch zu den mitunter vollkommen falschen Vorstellungen über Nutzen und Kosten dieser vom Grundsatz her faszinierenden Technik: Mit ihr gelingt es, die elektromagnetische Strahlungsenergie der Sonne direkt in elektrischen Strom umzuwandeln.

Zwar müssen Solarzellen mehrere Jahre die Sonne „anzapfen“, bis sie die zu ihrer Herstellung benötigte Energiemenge eingefahren haben. Doch der Vorteil, auf eine unbegrenzt zur Verfügung stehende Energiequelle zurückgreifen zu können, macht das mehr als wett. Zudem handelt es sich hier um eine sichere Technik. Weder hohe Temperaturen noch große Drücke müssen beherrscht werden. Es ist folgerichtig, wenn die Photovoltaik genutzt und ihre Effizienz weiter gesteigert wird.

Kapitulation vor der Solar-Lobby

Bundespräsident Köhler beim Besuch des erfolgreichen Solarzellenproduzenten Q-Cells

Bundespräsident Köhler beim Besuch des erfolgreichen Solarzellenproduzenten Q-Cells

Bis zu diesem Punkt gibt es keine Meinungsunterschiede. Die Geister scheiden sich jedoch beim Wie und Wo - und hier kann einiges falsch laufen. So hat man mit fadenscheinigen Argumenten im Zuge der Novellierung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes (EEG) für eine weitere üppige Alimentierung des von den Photovoltaikanlagen geernteten Solarstroms argumentiert. Und sich damit durchgesetzt, so dass wie bisher viel zu hohe Vergütungssätze gezahlt werden müssen. Denn eine Kürzung um 8 Prozent in den kommenden beiden Jahren und um 9 Prozent im Jahr 2011, anstelle des bisher gültigen Degressionswerts von 5 Prozent, ist eine klare Kapitulation vor der Solar-Lobby.

Eine Deckelung der Förderung, wie sie von wirtschaftsliberalen Abgeordneten gefordert wurde, und eine „nachhaltige“ Absenkung der garantierten Verkaufspreise um 30 Prozent hatten keine Chancen: Man dürfe beim Klimaschutz nicht zurückfallen, wurde gebetsmühlenhaft vorgetragen. Auch das zweite Argument überzeugt nicht: Die Unternehmen der Solarbranche müssten bei einem zu schnellen und zu starken Absenken der Vergütungssätze um ihre Existenz fürchten.

Beitrag zum Klimaschutz ist überschaubar

Wie völlig daneben diese Darstellung ist, zeigen nüchterne Fakten: So trägt der Sonnenstrom mit einer installierten (Spitzen- oder Peak-)Leistung von derzeit 4000 Megawatt lediglich mit 0,7 Prozent zu der in Deutschland benötigten Strommenge bei. Auch die in Aussicht gestellten Kapazitätszuwächse werden an dieser Außenseiterrolle wenig ändern. So nennt die Solarbranche für die nähere Zukunft Jahreszubaumengen von rund 1500 Megawatt, so dass aufaddiert in sieben Jahren Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 15.000 Megawatt installiert sein werden - und dann rund 2 Prozent der Stromproduktion übernehmen könnten. Dass die Solarenergie in Deutschland eine „tragende Säule“ der Energieversorgung werden könnte, wie wie es die Solarwirtschaft in Aussicht stellt, ist also vollkommen unrealistisch.

Damit ist auch ihr Beitrag zum Klimaschutz überschaubar. Zwar klingt es überzeugend, wenn die Solarbranche damit zu trumpfen versucht, dass ihre Anlagen im Jahr rund 1,7 Millionen Tonnen Kohlendioxid vermeiden helfen. Doch relativiert sich diese für Laien nur schwer zu fassende Größe, wenn man weiß, dass durch das unspektakuläre Steigern des Wirkungsgrads aller deutschen Kohlekraftwerke um einen einzigen Prozentpunkt rund 4,3 Millionen Tonnen Kohlendioxid weniger entstehen würden.

Einspeisevergütung macht Technik zum teuren Umweltschützer

Das wäre deutlich billiger als der weitere Ausbau der Photovoltaik. Die hohe Einspeisevergütung macht diese Technik zu einem sehr teuren Umweltschützer: So hat das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen Vermeidungskosten von deutlich über 900 Euro je Tonne Kohlendioxid errechnet - an der Börse liegen die Preise für Kohlendioxid-Zertifikate bei rund 25 Euro die Tonne. Die künftig geringfügig niedrigeren Vergütungssätze werden nichts daran ändern, dass die Kilowattstunde Solarstrom die kostspieligste erneuerbare Energie bleibt. Sie wird weiter mehr als doppelt so viel kosten wie Strom, den die Haushalte bei ihren Versorgern kaufen, und etwa sechsmal teurer sein, als für die Kilowattstunde an der Leipziger Strombörse bezahlt werden muss.

Das Wetter in Deutschland ist für die Gewinnung von Solarenergie eigentlich zu schlecht

Das Wetter in Deutschland ist für die Gewinnung von Solarenergie eigentlich zu schlecht

Das „Potential“ der deutschen Solarstromproduktion zeigt auch diese Rechnung: Die im zurückliegenden Jahr neu installierten Photovoltaikanlagen mit einer Leistung von 1300 Megawatt (mit einem Flächenbedarf von deutlich über zehn Quadratkilometern) haben 2007 rund 1150 Gigawattstunden Strom erzeugt; übrigens eine Strommenge, für die ein 800 Megawatt leistender Kohleblock gerade mal 60 Tage benötigt. Dafür wurden „einmalig“ rund 550 Millionen Euro bezahlt.

Enorme Folgekosten

Da aber die Erfinder des EEG nicht Jahreserträge verteilen, sondern die Zukunftssicherheit der Investitionen garantieren wollen, wird dieser Betrag auch in den kommenden 19 Jahren von der Solidargemeinschaft der Stromverbraucher aufgebracht, so dass (bereinigt um die andernfalls anfallenden Kosten einer konventionellen Stromerzeugung) über diesen Zeitraum allein für die im Jahr 2007 neu aufgestellten Anlagen Kosten von rund 7,5 Milliarden Euro anfallen. Dieser Betrag wirkt für die Investoren wie ein Kredit, der über 20 Jahre von den Stromkunden abgezahlt werden muss.

Auch die künftig geltenden niedrigeren Vergütungssätze ändern nichts daran, dass die Folgekosten der Photovoltaik enorm sein werden. So werden allein bis 2011 die bis dahin installierten Solaranlagen die Stromverbraucher (über 20 Jahre) rund 62 Milliarden kosten. Geht es so weiter, wird bis 2015 die 100-Milliarden-Grenze locker überschritten werden und Geld in einen Bereich gelenkt, der nur einen minimalen Beitrag zum Klimaschutz leisten kann und wirtschaftlich grundsolide dasteht.

Riesiges Branchenwachstum

In kaum einer anderen Branche gibt es Erfolgsgeschichten wie bei den Photovoltaikherstellern: Musterbeispiel ist der in Thalheim in Sachsen-Anhalt sitzende größte Produzent von Solarzellen in der Welt, die Q-Cells AG. Innerhalb der vergangenen drei Jahre konnte das Unternehmen den Umsatz um 500 Prozent steigern, die Produktion wuchs um 400 Prozent und das Betriebsergebnis um 900 Prozent.

Damit ist genug Geld vorhanden, um, wie vor wenigen Tagen bekannt wurde, eine Milliarde Euro in eine malaysische Produktionsanlage zu investieren, die Solarzellen für Europa und für Schwellenländer produzieren soll. Auf diese Zellen warten bereits deutsche Investoren. Denn durch die üppige Förderung wächst der deutsche Photovoltaikmarkt schneller, als die hier ansässigen Unternehmen liefern können. Rund die Hälfte der hierzulande aufgestellten Solarstromanlagen kommt aus dem Ausland, zum Teil aus Fertigungen, die indirekt von Millionen deutscher Stromkunden bezahlt wurden.

Das EEG treibt die Preise nach oben

Die Preise für Solarstromanlagen liegen höher, als sie müssten, auch das eine Folge einer zu hohen Vergütung. Solaranlagen kosten heute nicht viel weniger als 1999, vor Einführung des EEG. Rationalisierungs- und die über große Stückzahlen zu erreichenden Skaleneffekte wurden bisher kaum weitergegeben. Welches Kostensenkungspotential moderne Fertigungsstraßen bieten, sickert nur langsam durch.

So hat der größte integrierte Photovoltaikhersteller der Welt, die norwegische Renewable Energy Corporation (REC), vor Wochen auf einer Fachtagung für eine im Jahr 2010 an einem sonnenreichen Standort aufzustellende Ein-Megawatt-Photovoltaikanlage Stromgestehungskosten von 7 bis 8 Cent je Kilowattstunde genannt. Auch von anderen Anbietern sind solche Zahlen bekannt. Auch die Weiterentwicklung der Technik hilft. So führt ein 2 Prozent höherer Wirkungsgrad zu einer Kostensenkung von etwa 10 Prozent, da je Watt weniger Silizium, Glas und Stahl benötigt werden.

Erzeugte Energie nur schwer speicherbar

Photovoltaikanlagen werden sich im Kreis der erneuerbaren Energietechniken behaupten. Ob sie jedoch massenhaft im schattigen Deutschland aufgestellt werden müssen, was die Strompreise weiter in die Höhe treibt, wird man sicherlich nach einer Phase des Nachdenkens noch einmal überprüfen. Bei sinkenden Modulkosten kann diese Technik vor allem in sonnenreichen Gegenden wie Südspanien und Nordafrika ihr Potential ausspielen, muss aber langfristig mit dem Manko leben, dass der erzeugte Strom stets gleich verbraucht werden muss; das Speichern größerer Strommengen ist noch nicht gelöst. Passende Abnehmerstrukturen müssen demnach zur Verfügung stehen.

Diesen Nachteil haben solarthermische Verfahren nicht. Hier kann die über Spiegelrinnen oder von Reflektoren auf die Spitze eines Turms fokussierte Sonnenwärme bei Bedarf zwischengelagert werden. Ob und wie effektiv das funktioniert, wird das im Spätsommer nordwestlich von Almeria in Betrieb gehende erste europäische Solarrinnenkraftwerk zeigen. Die 50-Megawatt-Anlage verfügt über zwei Flüssigsalz-Speicher, die tagsüber mit „überschüssiger“ Wärme aufgeheizt werden, so dass die Dampfturbine des Andasol-I-Kraftwerks nach Sonnenuntergang siebeneinhalb Stunden unter Volllast betrieben werden kann.

Flächen zur Erzeugung von Solarstrom gibt es genug

Flächen zur Erzeugung von Solarstrom stehen ausreichend zur Verfügung. So müssten zur Deckung des heutigen Stromverbrauchs von Europa und Afrika lediglich 2 Prozent der Sahara mit solarthermischen Kraftwerken und Photovoltaikanlagen „zugestellt“ werden. Auch der Transport des Sonnenstroms über weite Distanzen ist technisch gelöst.

So werden schon länger größere Strommengen aus skandinavischen Wasserkraftanlagen mit Hilfe von Hochspannungs-Gleichstromübertragungen (HGÜ) verlustarm nach Deutschland geliefert. In China sind ebenfalls für „Wasserstrom“ momentan zwei 1400 und 2000 Kilometer lange HGÜ-Übertragungen in Bau. Ihre Übertragungsleistungen betragen 5000 und 6400 Megawatt. Bei Freileitungen rechnet sich diese technisch aufwendigere und teurere - mit einer Gleichspannung von 800 Kilovolt arbeitende - Stromübertragung bei Entfernungen von etwa 600 Kilometer an.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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