Autoverkehr

Das Tagfahrlicht soll zur Pflicht werden

Lichtempfehlung mit Nachdruck

Lichtempfehlung mit Nachdruck

25. August 2006 Urlaubern, die gerade aus Dänemark oder Schweden, Österreich oder Italien zurückgekehrt sind, ist in den vergangenen Wochen ein Handgriff nach dem Einstieg ins Auto in Fleisch und Blut übergegangen: das Einschalten des Abblendlichts am hellichten Tag.

In vielen EU-Ländern ist das „Tagfahrlicht“ längst obligatorisch, Pflichtverstöße werden mit Bußgeldern geahndet. Auch in einigen deutschen Bundesländern werden die Autofahrer schon zum Einschalten des Lichts über Tag aufgefordert, in den Küstenländern Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein etwa, wo an den Straßenbäumen Plakate mit einer überdimensionierten Eule der Empfehlung Nachdruck verleihen. Auch in Brandenburger Alleen lautet der blecherne Rat: „Licht? Immer!“

Weniger Verkehrstote

Besser gesehen werden - mit Abblendlicht am Tag

Besser gesehen werden - mit Abblendlicht am Tag

Seit dem 1. Oktober vergangenen Jahres sollen Autofahrer auch auf deutschen Straßen unabhängig von Tageszeit und Wetter das Licht einschalten. Noch ist die Tagbeleuchtung freiwillig. Doch das soll anders werden. Im Zuge einer Initiative von EU-Verkehrskommissar Jacques Barrot will Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) das Licht bald auch hierzulande zur Pflicht machen. In seinem Appell an die Autofahrer argumentiert Tiefensee wie sein Vorgänger Manfred Stolpe mit der Verkehrssicherheit: Mit dem Tagfahrlicht könnten Menschenleben gerettet werden.

Das zeigten die Erfahrungen der Nachbarländer. Die Fahrzeuge seien besser zu erkennen, etwa beim Blick in den Rückspiegel. Der Minister rechnet in Anbetracht der guten Erfahrungen in anderen Ländern mit einem spürbaren Rückgang der Zahl der Verkehrstoten. Er sieht sich in dieser Annahme durch eine neue Studie der Bundesanstalt für Straßenwesen (Bast) bestätigt.

Tiefensee will keinen nationalen Alleingang

Vorpreschen will Tiefensee mit seinem Anliegen allerdings nicht „Einen nationalen Alleingang wird es nicht geben“, sagte ein Ministeriumssprecher dieser Zeitung. „Wir warten auf einen Vorschlag der Europäischen Union.“ EU-Kommissar Barrot hat jedoch bislang nach seiner Grundsatzankündigung im Februar noch keinen Entwurf präsentiert.

Wegen der unterschiedlichen Lichtverhältnisse sprechen sich vor allem einige südeuropäische Staaten gegen das Tagfahrlicht aus. Die aktuelle Konsultationsrunde der Kommission soll Mitte November beendet sein.

Das Abblendlicht frißt Energie

Auch in Deutschland ist das Tagfahrlicht nicht unumstritten. Derzeit frißt das Abblendlicht viel Energie, geschätzt wird der zusätzliche Verbrauch auf 0,1 bis 0,2 Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer damit Mehrkosten von rund 40 Euro im Jahr. Umweltschützer beklagen zudem den höheren Schadstoffausstoß. Eine größere Sorge gilt den schwächeren Verkehrsteilnehmern, also neben den Motorradfahrern den „unbeleuchteten“ Radfahrern und Fußgängern. Nach den Erfahrungen aus Ländern mit Lichtpflicht sind die Effekte auf Fußgänger, Radfahrer und auch auf Motorradfahrer nicht verläßlich quantifizierbar, weil die Unfallzahlen schwanken.

Fußgänger könnten die Verlierer sein, fürchten Kritiker

Fußgänger könnten die Verlierer sein, fürchten Kritiker

Für alle Verkehrsteilnehmer zusammen deuten Studien aus Ländern mit Tagfahrlicht einen positiven Effekt für die Verkehrssicherheit an, weil die beleuchteten Fahrzeuge weniger leicht übersehen werden. Kritiker zweifeln dennoch am Zusammenhang zwischen Tagfahrlicht und (den seit Jahren) sinkenden Unfallzahlen.

Spezielle Tagfahrleuchten

Bei der Lösung der technischen Fragen ist man aber vorangekommen. Die Industrie hat energiesparende Lampen entwickelt. Das größte Modell des Herstellers Audi wird seit Ende 2003 als erstes Fahrzeug auf dem deutschen Markt serienmäßig mit Tagfahrleuchten ausgeliefert. Künftig sollen sie bei allen Neuwagen in das Scheinwerfersystem integriert sein, etwa mit energiesparenden Leuchtdioden (LED).

Beim Starten des Motors soll die Zusatzbeleuchtung automatisch mit „anspringen“. Das Licht soll aber nicht die Fahrbahn ausleuchten, sondern nur das Fahrzeug selbst. Das schont Geldbeutel und Umwelt. Um Autos besser von Motorradfahrern – die schon seit 1988 Taglicht einschalten müssen – unterscheiden zu können, wird erwogen, für das Tagfahrlicht eine andere Farbe zu benutzen.

Kein teurer Umrüstungszwang

Einen teuren Umrüstungszwang für Alt-Fahrzeuge soll es nach Einführung einer Lichtpflicht nicht geben. Die Autofahrer mit älteren Modellen seien dann gezwungen, das Abblendlicht einzuschalten, heißt es im Verkehrsministerium. Nach Auffassung des Automobilklubs ADAC sollte es jedenfalls keine bußgeldbewehrte Pflicht für den Verzicht auf Abblendlicht bei Tag geben.

Text: F.A.Z., enn.
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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