
Zwar soll eine Staatsbürgschaft für Merckle nur die "Ultima Ratio" sein. Ausgeschlossen hat sie Günther Oettinger aber nicht
18. November 2008 Das Land Baden-Württemberg prüft, ob dem Familienunternehmen Merckle mit einer Landesbürgschaft aus den akuten Finanznöten geholfen werden kann. In den nächsten Tagen werden die Verantwortlichen die notwendigen Prüfungen durchgeführt haben. Dann werden wir entscheiden, sagte Baden-Württembergs Ministerpräsident Günther Oettinger vor der Landespressekonferenz in Stuttgart: Klar ist, dass die Hilfe durch das Land die Ultima Ratio ist.
Zuerst werde geprüft, was das Unternehmen selbst und was die Banken leisten könnten. Danach werde man gründlich abwägen: Nichts ist entschieden. Einen offiziellen Antrag auf eine Landesbürgschaft gebe es bisher nicht, sagte Oettinger, sondern den Wunsch nach Gesprächen dazu. Er selbst habe nach ersten Gesprächen die Angelegenheit an Finanzminister Willi Stächele und Wirtschaftsminister Ernst Pfister delegiert. Pfister sagte der Nachrichtenagentur DPA nach einer solchen Unterredung: Wir sind
zuversichtlich, dass die Banken und das Unternehmen eine tragfähige Lösung finden.
Hintergrund für die mögliche Rettungsaktion ist ein Liquiditätsengpass im Firmenkonglomerat der Merckles. Dieser ist entstanden, nachdem Merckle mit Spekulationen auf verschiedene Dax-Werte und insbesondere auf einen fallenden VW-Kurs eine Milliarde Euro verloren hat. Abgewickelt wurden diese Transaktionen vorwiegend über die in Dresden ansässige VEM Vermögensverwaltungsgesellschaft. Nähere Auskünfte dazu gibt die Familie nicht. Lediglich ein dürres Statement von Ludwig Merckle, dem Sohn des 74 Jahre alten Adolf Merckle, wird als E-Mail verschickt: Unter den extremen Turbulenzen auf den Finanzmärkten in den letzten Wochen hat auch die VEM gelitten. Die Verhandlungen mit den Banken zur kurzfristigen Stabilisierung der Situation sind weit fortgeschritten. Unterschiedliche Optionen werden geprüft, um eine geordnete Rückführung der Verbindlichkeiten zu gewährleisten.
Mehr als drei Dutzend Banken sollen mit der möglichen Rettungsaktion befasst sein. Seit Montag sei beinahe rund um die Uhr verhandelt worden, ist in Stuttgart zu hören. Ziel sei es gewesen, bis Dienstag die Zustimmung aller Banken für einen Überbrückungskredit zu erhalten. Dies ist dem Vernehmen nach nicht gelungen, möglicherweise, weil Adolf Merckle noch nicht alle Mittel ausgeschöpft hat, schnell selbst zu flüssigen Mitteln zu kommen.
Ein Vehikel dafür könnte die Heidelberg Cement AG sein, an der Merckle rund 80 Prozent hält. Die Royal Bank of Scotland (RBS) soll nach Informationen aus Verhandlungskreisen gefordert haben, dass Merckle Wertpapierpensionsgeschäfte auf Heidelberg-Cement-Aktien auflöst und so Mittel freimacht. In der vergangenen Woche hat Merckle auf diese Weise tatsächlich schon einmal 80 Millionen Euro erlöst, wie aus einer Pflichtmitteilung des Heidelberger Baustoffkonzerns ersichtlich ist. Sicher ist, dass die RBS einen guten Einblick die Finanzkonstruktion um Heidelberg Cement hat. Das Institut hat die Übernahme des britischen Konkurrenten Hanson für 14 Milliarden Euro als führende Bank mitfinanziert. Zugleich steht die RBS unter großem Druck. Im Zusammenhang mit der Unterstützung des britischen Staats versucht die RBS, Kreditengagements möglichst stark zurückzuführen.
Für die Entscheidung des Landes über eine mögliche Bürgschaft spiele es durchaus auch eine erhebliche Rolle, welches Privatvermögen die Merckles noch selbst zur Lösung ihrer Probleme heranziehen könnten, betonte Ministerpräsident Oettinger. Fachleute würden dies untersuchen, sagte er. Die LBBW als Hausbank
habe einen guten Überblick über das Firmengeflecht. Ob Merckle seine Probleme lösen könne, indem er den Generikahersteller Ratiopharm für mehrere Milliarden zum Verkauf stelle, was in den vergangenen Tagen kolportiert wurde, oder ob es schon ausreichen würde, seine anderen Vermögenswerte von Bergbahnen bis hin zu Wäldern zu verkaufen, wollte Oettinger nicht kommentieren: An einem Monopoly-Spiel nach dem Muster Parkstraße gegen Schlossallee beteilige ich mich nicht, sagte er, und: Ich bin weder willens noch in der Lage, die Karten auf den Tisch zu legen.
Auf dem Weg der Entscheidungsfindung sei er zur Verschwiegenheit verpflichtet. Es sei aber klar, dass er verantwortlich mit dem Thema umgehen müsse. Seinen Vorschlag, ob Merckle eine Bürgschaft bekommen solle oder nicht, werde er im Kabinett, im Wirtschaftsausschuss und letztlich auch im Landtag begründen müssen.
Text: FAZ.NET
Bildmaterial: dpa
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