04. Juli 2006 Wenn die Österreicher Husten haben, gehen sie nicht zum Arzt, sondern ins Konzert. So lautet ein alter Witz, der zum Entsetzen vieler Dirigenten einen wahren Kern hat. Die andere Wahrheit ist, daß die Österreicher viel häufiger ins Krankenhaus gehen als andere und die überdurchschnittlich gute Ausstattung entsprechend nutzen.
Tatsächlich leistet sich Österreich eines der besten und aufwendigsten Gesundheitssysteme in Europa. Mit Ausgaben von 9,6 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im Jahr 2004 liegt Österreich nach Berechnung der Statistik Austria deutlich über den meisten europäischen Ländern und dem Durchschnitt des OECD-Raums. Der Anteil am BIP ist seit 1999 annähernd gleichbleibend, wohingegen er in Deutschland gestiegen ist. Dies dürfte vor allem damit zusammenhängen, daß das Wirtschaftswachstum in Österreich in den zurückliegenden Jahren besser war als in Deutschland.
Ausgaben nur zur Hälfte beitragsfinanziert
Im Gegensatz zu Deutschland sind die Ausgaben nach Einschätzung des Wiener Instituts für Höhere Studien (IHS) nur zur Hälfte beitragsfinanziert. Rund ein Viertel wird über Steuern aufgebracht. Die Krankenversicherungsbeiträge - bis zu einer Höchstbeitragsgrundlage von 3750 Euro - betragen bei der Hauptgruppe der Versicherten, den Arbeitern und Angestellten, 7,5 Prozent der beitragspflichtigen Lohnsumme. Sie werden je zur Hälfte vom Arbeitnehmer und vom Arbeitgeber getragen und von diesem abgeführt. Der private Anteil an der Finanzierung der Gesundheitsausgaben liegt nach Einschätzung des IHS bei 29,3 Prozent und damit höher als im Durchschnitt der meisten alten EU-Länder.
Kostendämpfungsmaßnahmen trugen in den zurückliegenden Jahren zu einer Konsolidierung des Wachstums der Gesundheitsausgaben bei. Sie konnten jedoch Krankenversicherungsträgern keine Defizite ersparen und konnten auch eine Erhöhung der Beitragseinnahmen und damit der Lohnnebenkosten nicht verhindern. Das Defizit der öffentlichen Krankenversicherung, der fast die gesamte Bevölkerung (gut 5,5 Millionen Beitragszahler und 2,5 Millionen mitversicherte Familienangehörige) in Form einer Pflichtversicherung angehört, wird in diesem Jahr nach Schätzungen des Hauptverbands der Sozialversicherungsträger auf 157,2 Millionen Euro steigen.
Kostentreiber sind die Krankenhäuser
Die Prognosen für die kommenden Jahre deuten auf einen weiteren Anstieg hin. Demnach erwarten die Gebietskrankenkassen im nächsten Jahr einen Fehlbetrag von 275 Millionen Euro und 2008 ein Minus von 336 Millionen Euro. Dazu ist aber anzumerken, daß die tatsächlichen Defizite in den vergangenen Jahren immer deutlich geringer ausgefallen sind als in den Prognosen. Allein für das Vorjahr waren 278,7 Millionen Euro vorhergesagt worden, tatsächlich wurde erstmals seit 1998 ein Überschuß von 20 Millionen ausgewiesen.
Noch immer leistet sich die kleine Volkswirtschaft unter dem Dach der Sozialversicherungsträger 20 Krankenkassen. Zwischen den Sonderversicherungsträgern von Bauern, Beamten und Gewerbetreibenden und den Gebietskrankenkassen für unselbständige Erwerbstätige besteht jedoch keinerlei finanzieller Ausgleich.
Wichtigste Kostentreiber im österreichischen Gesundheitswesen sind die Krankenhäuser, deren Aufwendungen mehr als ein Drittel der Gesamtkosten betragen. Fachleute fordern vor allem hier deutliche Sparschritte. Denn in Österreich gibt es ein Überangebot in der stationären Medizin. Die Überkapazitäten dürften jedoch auch dafür verantwortlich sein, daß die Zufriedenheit hoch ist, weil die Wartezeiten relativ gering ausfallen und alle jederzeit auf jeder Versorgungsstufe Leistungen in Anspruch nehmen können. So betrachtet seien Ineffizienzen teilweise wohl kompensiert, sagt die österreichische bei der OECD tätige Gesundheitsökonomin Maria Hofmarcher. Zu einer Praxisgebühr hat sich bisher keine Regierung durchringen können. Für eine derartige Ordinationsgebühr als zusätzliche Eigenbeteiligung gibt es nach Ansicht der konservativen Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat derzeit auch keinen Konsens.
In der Praxis kommte es zur Zwei-Klassen-Medizin
Zwar gibt es eine vergleichsweise für alle Bevölkerungsgruppen gute medizinische gesetzliche Versorgung mit einer über dem OECD-Durchschnitt liegenden Ärztedichte und Anzahl an stationären Einrichtungen. Dieses Versorgungspotential hat dazu geführt, daß in den vergangenen Jahren beispielsweise britische Herzpatienten von der englischen Gesundheitsbehörde nach Österreich "ausgelagert" wurden. In der Praxis kommt es allerdings zu einer Zwei-Klassen-Medizin. Ohne private Zuwendungen müssen Kassenpatienten zumindest in den Arztpraxen häufig längere Wartezeiten in Kauf nehmen.
Ebenso wie in Deutschland gibt es in Österreich eine getrennte Finanzierung des ambulanten und stationären Sektors. Als Besonderheit punktet Österreich mit niedergelassenen, selbständigen Fachärzten, die Patienten auch ohne Überweisung durch den "Hausarzt" aufsuchen können. In mehr als der Hälfte der EU-Staaten hat der Hausarzt nach Einschätzung des Österreichischen Bundesinstituts für Gesundheitswesen (Öbig) die Rolle eines sogenannten Torhüters; nur über diesen ist der Zugang zu Fachärzten oder in eine Krankenanstalt (außer im Notfall) möglich.
Pharmamarkt stark reguliert
Nach wie vor ist der Pharmamarkt in Österreich stark reguliert, was die EU-Kommission dieser Tage zur Einleitung eines Vertragsverletzungsverfahrens veranlaßt hat. Das österreichische Arzneimittelrecht hält Brüssel in mehreren Punkten für EU-rechtswidrig. Zum einen kritisiert die Behörde das Verbot von Apothekenketten, zum anderen beklagt sie die Einschränkungen, wo Apotheken eröffnen dürfen und wer dies tun darf. Die Gesundheitsministerin Rauch-Kallat hält indes das dem Schutz der öffentlichen Gesundheit dienende österreichische System in keiner Weise für diskriminierend. Ebenfalls betonte die Apothekerkammer, daß das System "rechtskonform" sei. Überdies führe es zu einem geringeren Medikamentenverbrauch als in Ländern mit deregulierten Systemen, heißt es. Arzneimittel dürfen nur in Apotheken verkauft werden. Preise sind auf allen Vertriebsstufen gesetzlich geregelt. Für Herstellerpreise besteht ein Preismeldeverfahren.
Im Gegensatz zu vielen anderen EU-Ländern wird in Österreich der Tarif eines Arzneimittels, sofern es generell erstattungsfähig ist, abzüglich der Rezeptgebühr von derzeit 4,60 Euro immer zur Gänze von der Sozialversicherung erstattet. Für mehr als drei Viertel aller am Markt befindlichen Arzneimittel werden laut Öbig die Preise ersetzt. Im internationalen Vergleich liegt der österreichische Apothekenverkaufspreis der Arzneimittel nach Angaben des Bundesministeriums für Gesundheit und Frauen im europäischen Mittelfeld, während die Fabrikabgabepreise in Österreich unter dem EU-Durchschnitt liegen. Grund dafür ist unter anderem die vergleichsweise hohe Mehrwertsteuer von 20 Prozent. Allerdings ist es für die Österreicher schwierig, Arzneimittel außerhalb der Apotheken zu erwerben. Daher ist der Anteil an rezeptfreien Medikamenten ("Over the counter" - OTC) am Gesamtarzneimittelmarkt vergleichsweise gering. Während die Länder der EU im Schnitt nach Berechnungen der Europäischen Vereinigung der OTC-Hersteller eine Quote von 15,54 Prozent ausweisen, sind es in Österreich gerade 9 Prozent.
Trotz der diversen Defizite fällt die Zufriedenheit mit der Gesundheitsversorgung in Österreich vergleichsweise hoch aus. Die Nutzungsdichte ist beachtlich, wiewohl die Vorsorgemedizin erst in geringem Maß beansprucht wird. Das gesundheitliche Wohlbefinden ist hoch, was sich nach Ansicht Hofmarchers auch in den Sterblichkeitsraten und Krankheitshäufigkeiten niederschlägt. Gegenüber anderen EU-Ländern ist die Krebssterblichkeit geringer beziehungsweise in den zurückliegenden Jahren stärker gesunken. Insofern ist Österreich noch immer eine Insel der Seligen.
Text: F.A.Z., 04.07.2006, Nr. 152 / Seite 12
Bildmaterial: F.A.Z.
"In anderen Ländern lebt man gesünder, länger und ![]()
Internet: Auf der Suche nach einer neuen Vertrauensbasis
Obama will den Arbeitsmarkt ankurbeln
| Name | Kurs | in % |
| DAX | 5.688,58 | −1,66% |
| TecDAX | 812,86 | −0,23% |
| MDAX | 7.289,66 | −1,97% |
| SDAX | 3.487,90 | −0,85% |
| REX | 376,84 | +0,44% |
| Eurostoxx 50 | 2.849,17 | −1,62% |
| Dow Jones | 10.290,20 | −0,96% |
| Nasdaq 100 | 1.779,30 | −0,24% |
| S&P500 | 1.103,25 | −0,25% |
| Nikkei225 | 10.140,50 | −0,27% |
| EUR/USD | 1,4701 | −0,85% |
| Rohöl Brent Crude | 75,45 $ | −1,28% |
| Gold | 1.147,50 $ | −3,59% |
| Bund Future | 123,55 € | +0,34% |