Energiekonzerne lenken ein

Gaskunden können Anbieter wechseln

14. Februar 2006 Die großen Gasversorger in Deutschland ermöglichen den Verbrauchern auf Druck des Kartellamts schon vom 1. April an den Wechsel zu einem Konkurrenten. Die Kartellwächter erhoffen sich davon niedrigere Gaspreise.

Das Bundeskartellamt habe ein Mißbrauchsverfahren gegen sieben überregionale Gasversorger eingestellt, nachdem diese sich schriftlich verpflichtet hätten, Privatkunden zu anderen Anbietern ziehen zu lassen, teilte das Kartellamt am Dienstag mit. „Wirksame Wechselmöglichkeiten beleben den Wettbewerb insgesamt“, begründete Kartellamtschef Ulf Böge auf der Energiemesse „E-world energy& water“ in Essen die Entscheidung. „Bessere Wechselmöglichkeiten sollten sich letztlich auch in einem niedrigeren Preis niederschlagen“, sagte er.

Preise von rund 730 Versorgern überprüft

Die Liberalisierung kommt schneller als erwartet

Die Liberalisierung kommt schneller als erwartet

Die Kartellwächter hatten Ende Januar Mißbrauchsverfahren gegen Eon Thüringer Energie, Eon Avacon, RWE Westfalen-Weser-Ems AG, Mitgas, Spree-Gas, Entega und einen Eigenbetrieb der Thüga AG eingeleitet. Sie verdächtigten die Versorger, den Privatkunden überhöhte Preise berechnet zu haben.

Das Amt habe zuvor die Preise von rund 730 Versorgern überprüft, nachdem diese „erneut unerwartet drastisch erhöht“ worden seien, sagte Böge. Die Wettbewerbshüter hätten Preisdifferenzen von über 40 Prozent zwischen den günstigsten und den teuersten Anbietern in Deutschland festgestellt. „Bei einem funktionierenden Wettbewerb wäre ein solcher Unterschied sicher nicht vorstellbar“, betonte er.

„Sicher noch kein Anlaß zur Euphorie“

Die sieben Unternehmen haben sich Böge zufolge schriftlich gegenüber dem Kartellamt verpflichtet, den Privatkunden von April an Wechselmöglichkeiten einzuräumen. Verbraucher könnten einen Vertrag mit dem neuen Gasversorger schließen, der das Gas wiederum vom etablierten örtlichen Versorger übernimmt. „Sicher gibt es mit dieser Lösung noch keinen Anlaß zur Euphorie“, räumte Böge ein. Das Modell sei nur eine Zwischenlösung, bis ein wirksames System in Kraft sei, das Gasversorgern die Durchleitung durch das Netz örtlicher Firmen bis zum Endkunden ermögliche.

Die Bundesnetzagentur erwarte aber, daß ein solches System zum 1. Oktober 2006 an den Start gehen werde. Der Chef der Aufsichtsbehörde, Matthias Kurth, hatte eine freie Wahl des Gaslieferanten für die zweite Jahreshälfte in Aussicht gestellt. Der Energiekonzern Eon hatte bereits am Montag angekündigt, in eineinhalb Monaten anderen Gasanbietern den Zugang zu den Kunden in den Gebieten seiner Regionalversorger ermöglichen zu wollen. Nach Angaben des Konzerns hat E.ON in dem betroffenen Gebiet 1,1 Millionen Kunden und die Thüga 120.000.

Im Zwist mit Eon Ruhrgas

Böge hatte bereits mehrfach die seiner Ansicht nach zu hohen Gaspreise in Deutschland kritisiert. Das Kartellamt setzt dabei nicht nur bei den Endkunden an: Deutschlands größter Versorger Eon Ruhrgas liegt derzeit mit der Behörde im Zwist, da Böge dessen langfristige Lieferverträge mit Stadtwerken untersagt hat.

Der Streit soll vor Gericht geklärt werden. Böge sagte, er erwarte in dieser Frage noch im laufenden Gaswirtschaftsjahr (per Ende September) Rechtssicherheit.

Hintergrund: Gaspreise im Januar auf Rekordniveau

Die Preise für Erdgas waren in Deutschland im Januar 2006 so hoch wie nie zuvor. Für eine Leistung von 33.540 Kilowattstunden, was einer Menge von etwa 3.000 Liter Heizöl entspricht, mußten Verbraucher 1.935 Euro bezahlen. Damit drehte sich die Preisspirale nach Angaben des Hamburger Energie Informationsdienstes (EID) seit Februar 2005 weiter nach oben. Derzeit ist Erdgas fast doppelt so teuer wie vor fünf Jahren.

Von Herbst 1997 bis Frühjahr 2000 blieb der Preis für Erdgas relativ konstant. Für die genannte Leistung mußte der Verbraucher in jenem Zeitraum durchschnittlich ungefähr 1.000 Euro bezahlen. Von Februar 2000 an kletterten die Preise in die Höhe, bis der Durchschnittspreis im August 2001 einen vorläufigen Höchststand von mehr als 1.500 Euro erreichte.

Nach sechs Monaten wurde Erdgas im Februar 2002 billiger. Zunächst mußten die Verbraucher 1.470 Euro, von September an nur noch 1.430 Euro zahlen. Nach einem kurzzeitigen Tief bei 1.420 Euro im Mai 2003 zogen die Preise wieder an. Von Juni 2004 bis Februar 2005 kostete Erdgas ungefähr 1.500 Euro. In den folgenden Monaten kletterte der Preis stufenweise nach oben, bis er nach 1.700 Euro im September dann am Jahresende 2005 bei 1.898 Euro lag.

Text: FAZ.NET mit Material von Reuters und dpa
Bildmaterial: dpa, dpa/dpaweb, F.A.Z.

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