23. September 2008 Dominique Strauss-Kahn, Direktor des Internationalen Währungsfonds glaubt, dass die Marktwirtschaft aus der Finanzkrise gestärkt hervorgehen wird. Insbesondere für Europa zeigt er sich optimistisch und stellt klar, dass es sich zu allererst um eine amerikanische Krise handelt.
Herr Strauss-Kahn, das amerikanische Finanzsystem steht am Rande eines Zusammenbruchs. Nun werden Banken verstaatlicht, und die Steuerzahler sollen Wall Street mit Hunderten von Milliarden heraushauen. Ist die freie Marktwirtschaft am Ende?
Nein, keineswegs. Ich meine sogar, dass die Marktwirtschaft gestärkt aus dieser Krise hervorgehen wird. Marktwirtschaft braucht Regeln, braucht einen Ordnungsrahmen, damit sie funktioniert. Sobald die unmittelbare Gefahr einer Systemkrise abgewendet ist, wird es eine neue Regulierung geben, die das Finanzsystem und damit die Marktwirtschaft stärkt und die Risiken eines Marktversagens verringert.
Wie konnte es überhaupt so weit kommen?
Kern des Problems ist der Rückgang der Hauspreise in Amerika und die damit einhergehenden Wertverluste von Wertpapieren, die mit Forderungen aus Hypothekendarlehen verbrieft sind. Die Ursache ist aber auch darin zu suchen, dass Regulierung und Aufsicht nicht streng genug waren und die Aufweichung der Kriterien in der Kreditvergabe nicht verhindert haben. Es wurden zu viele zu riskante Hypothekendarlehen vergeben. Das ging eine Weile gut, es wurden hohe Gewinne eingestrichen. Aber nun hat diese Sorglosigkeit uns in die Krise geführt.
Wie hätte das verhindert werden können?
Die Regulierung in den Vereinigten Staaten hat mit der schnellen Entwicklung auf den Finanzmärkten nicht Schritt gehalten. Die staatliche Aufsicht ist zu zersplittert. Offenbar wurde die Notwendigkeit zu einer Neuordnung, für eine neue Finanzarchitektur nicht rechtzeitig erkannt.
Hätte der Kongress die Immobilienfinanzierer Freddie Mac und Fannie Mae in die Schranken weisen müssen?
Das Geschäftsmodell der beiden Gesellschaften war etwas seltsam. Auf der einen Seite waren die privaten Aktionäre, die auf Gewinne hofften, auf der anderen Seite stand der öffentliche Auftrag, das Wohneigentum in Amerika zu fördern. Investoren rechneten stets mit der Rückendeckung der Regierung im Ernstfall. Das hat sicher auch zum Problem einer übermäßigen Kreditvergabe beigetragen.
Die Ratingagenturen machen wie schon in früheren Krisen keine gute Figur.
In der Tat. Die Einstufungen der Agenturen zur Kreditwürdigkeit sind fast so etwas wie ein öffentliches Gut. Sie geben vielen Marktakteuren Orientierung und spielen eine wichtige Rolle für den globalen Kapitalstrom. Wir werden uns Gedanken machen müssen, wie die Ratingagenturen besser funktionieren können.
Was halten Sie von dem Rettungspaket für die Banken, das derzeit in Washington geschnürt wird?
Es ist höchste Zeit, eine Lösung für diese Systemkrise zu finden. In diesem Sinne heißen wir die Pläne gut. Die amerikanische Regierung war zunächst der Auffassung, fallweise entscheiden zu können. So war es bei den Investmentbanken Bear Stearns und Lehman Brothers, bei Freddie Mac und Fannie Mae und dem Versicherungskonzerns AIG. Dann wurde ihr klar, dass das nicht genügt, und sie hat den Plan aufgestellt, über den sie nun mit dem Kongress verhandelt. Der IWF hat im Übrigen schon vor Monaten darauf hingewiesen, dass eine systemische Lösung gefunden werden müsse. Als wir im Frühjahr die Prognose wagten, die Verluste der Finanzinstitute durch die Hypothekenkrise könnten sich auf mehr als 1 Billion Dollar belaufen, wurden wir dafür scharf kritisiert.
Die Siebenergruppe (G 7) unterstützt die Pläne von Finanzminister Henry Paulson ebenfalls. Gleichzeitig lehnen die Partner aber Vorschläge ab, sie sollten die Banken ihrerseits von problematischen Vermögenswerten befreien. Was sagen Sie?
Wir dürfen nicht vergessen, dass es sich zu allererst um eine amerikanische Krise handelt, und dass auch der größte Teil der Verluste in Amerika anfällt. Deshalb sollte die Aufgabe der Krisenbewältigung vor allem von den Vereinigten Staaten erfüllt werden. Europäische Banken haben zwar ebenfalls Verluste erlitten aus ihrem Engagement in Wertpapieren, die mit dem amerikanischen Immobilienmarkt verknüpft sind, doch insgesamt sind sie in besserer Verfassung als die amerikanischen Institute. Es kann gleichwohl ratsam sein für die Europäer, sich für den Ernstfall zu wappnen.
Wie sehen Sie die Zukunft der Finanzwelt?
Der Restrukturierungsprozess, der gerade im Gang ist, ist noch nicht zu Ende. Der Finanzsektor und seine Bedeutung für die Wirtschaft werden kleiner werden. In gewisser Weise kommt es jetzt zu einer Korrektur der früheren Übertreibung: Die Finanzmärkte und mit ihnen die Institutionen sind in den vergangenen Jahren viel schneller gewachsen als die Wirtschaft insgesamt. In Amerika ist das Modell einer eigenständigen Investmentbank untergegangen. Natürlich wird es weiter Investmentbanken geben, aber sie werden unter dem Dach von Universalbanken fungieren.
Was bedeutet das für Europa?
Europa ist in diesem Sinne besser aufgestellt und darum weniger anfällig. Dort hat man sich nicht so sehr auf das Investmentbankgeschäft ausgerichtet, wie es in Amerika der Fall war. Investmentbanken sind dort meist schon Teil von Universalbanken, so wie es sich nun in Amerika entwickelt.
Die amerikanische Staatsverschuldung ist schon immens, jetzt klettert sie noch weiter. Wie lange geht das noch gut?
Es stimmt, dass die Schulden durch die Kreditaufnahme zunächst einmal weiter steigen werden. Aber es kann durchaus sein, dass die Steuerzahler ihr Geld eines Tages zurückbekommen, sollte die Regierung die übernommenen Wertpapiere mit Gewinn verkaufen. Gelingt dies nicht, ist ein Gegensteuern der Finanzpolitik freilich unerlässlich.
Die aktuelle Krise unterscheidet sich von früheren nicht zuletzt dadurch, dass es diesmal nicht Regierungen, sondern private Marktteilnehmer in große Schwierigkeiten geraten sind. Was bedeutet das für den IWF und seine Arbeit?
In der Tat sind wir derzeit nicht als Kreditgeber gefragt, denn es ist bisher nicht zu einer Zahlungsbilanzkrise eines unserer Mitgliedsländer gekommen. Der Dollar ist durch die Zuspitzung der Krise in den vergangenen Wochen nicht gefährlich unter Druck geraten. Sollte es noch irgendwo zu Zahlungsbilanzschwierigkeiten kommen, steht der IWF natürlich bereit. Solange beschränken wir uns darauf, zu analysieren und Rat zu geben.
Stürzt die Weltwirtschaft nun in eine Rezession?
Wir haben schon im Frühjahr eine recht pessimistische Prognose abgegeben, vor allem für die Vereinigten Staaten. Auch dafür wurden wir gescholten. Nun zeigt sich, dass wir recht hatten. Ich führe das nicht zuletzt darauf zurück, dass wir wie kaum eine andere Institution das Geschehen auf den Finanzmärkten in unsere Prognosen einbeziehen. Wie es im Augenblick aussieht, wird weder die amerikanische Wirtschaft noch die Weltwirtschaft in eine Rezession gleiten. Aber wir haben es mit einem langen Konjunkturabschwung zu tun, und auch die Erholung, die wir im Laufe des kommenden Jahres erwarten, wird schleppend verlaufen.
Das Gespräch führte Claus Tigges.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP
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