01. Mai 2008 Detlef Wetzel, zweiter Vorsitzender der IG Metall, im F.A.Z.-Gespräch über Mindestlöhne, Leiharbeit und Ludwig Erhards Vision Wohlstand für alle.
Herr Wetzel, was ist für Sie eine faire Partnerschaft in der Arbeitswelt?
Wenn gute Einkommen gezahlt werden, wenn es sichere Arbeitsplätze und gute Arbeitsbedingungen gibt. Am Ende müssen die Interessen der Beschäftigten genauso zum Tragen kommen wie die der Arbeitgeber.
Gar nicht fair finden die Zeitarbeitgeber Ihre Kampagne gegen die Leiharbeit.
Ich habe gar keine grundlegenden Bedenken gegenüber der Zeitarbeit, solange es die Wechselfälle des Arbeitslebens angeht: Auftragsspitzen, Krankheit, Urlaubsvertretung. Seit 2004 gibt es aber einen Funktionswandel. Es werden zunehmend Stammarbeitsplätze ersetzt, und es wird ein Niedriglohnsektor etabliert. Das ist nicht unser Bild einer Arbeitsgesellschaft, dass wir Stamm- und Randbelegschaften haben, dass wir Arbeitnehmer zweiter Klasse etablieren, die die gleiche Leistung erbringen, nur eben deutlich schlechter bezahlt werden. Deswegen gehen wir diese Konfrontation mit den Zeitarbeitgebern ein. Aber der wirkliche Verursacher ist der Einsatzbetrieb. Der bestimmt die Bedingungen. Der schreibt Leiharbeit aus und nimmt den Billigsten.
Deshalb hat die IG Metall mit 200 Betrieben Vereinbarungen über eine gleiche Bezahlung von Zeitarbeitern und Stammbelegschaft getroffen. Wie passt das zu dem Zeitarbeits-Tarifvertrag? Und zu dem geforderten Mindestlohn?
Wir wollen erstens den Mindestlohn als absolute Untergrenze, wir wollen unsere Flächentarifverträge mit dem Interessenverband deutscher Zeitarbeitsunternehmen und dem Bundesverband Zeitarbeit weiterentwickeln, und wir wollen in möglichst vielen Firmen Equal-Pay-Vereinbarungen. Wenn Leiharbeit stattfindet, dann nur unter diesen Bedingungen.
Wenn einige Unternehmen solche Vereinbarungen unterzeichnen, wird es eine Drei-Klassen-Arbeitnehmerschaft geben aus Festangestellten, Zeitarbeitern mit und ohne Anspruch auf gleiche Bezahlung. Führt das zu einer besseren Welt?
Wenn ein Zeitarbeiter zehn Einsatzorte im Jahr hat, und er bekommt an zweien 5 Euro mehr in der Stunde, dann ist das für ihn sehr wohl eine hervorragende Verbesserung.
Hat sich in der IG Metall schon herumgesprochen, dass Zeitarbeiter gleichberechtigt zur Kundschaft gehören sollen?
Nein. Aber wir setzen uns im Rahmen dieser Kampagne dafür ein, dass unsere Betriebsräte die Leiharbeiter auch als Klientel begreifen. Natürlich ist diese Sensibilität noch nicht flächendeckend in der Organisation vorhanden, aber wir versuchen, auch die Leiharbeitskollegen in die betriebliche Interessenvertretungsarbeit hineinzunehmen. Seit Anfang des Jahres haben wir schon 3500 Zeitarbeiter als neue Mitglieder gewinnen können. Für die IG Metall ist es keine Position zu sagen, es ist gut, wenn der Leiharbeiter gehen muss und nicht die Stammbelegschaft. Wir möchten, dass gar keiner gehen muss. Dass gleiche Arbeit und gleiche Leistung gleich bezahlt werden, ist doch so etwas wie ein abendländisches Kulturgut!
Die Arbeitgeber sagen aber, sie können ihre Leiharbeiter nicht gleich entlohnen, weil sie weniger produktiv seien.
Wenn wir sagen, gleiche Arbeit und gleiche Leistung für gleiches Geld, dann sagen wir auch, dort, wo nicht die gleiche Leistung vorhanden ist, gibt es auch nicht das gleiche Geld. Wir haben nie etwas anderes behauptet. Fakt ist aber, dass ein hoher Anteil der Zeitarbeit an- und ungelernte Tätigkeiten betrifft. Da gibt es keinen Produktivitätsunterschied zwischen einem Arbeiter, der seit fünf Jahren in der Fließfertigung beschäftigt ist, und einem, der einen Tag dabei ist. Das ist nur ein Argument, um davon abzulenken, dass die Unternehmen einen Niedriglohnsektor etablieren und schlecht bezahlte Leiharbeit als Massenphänomen in die Betriebe rein bekommen wollen.
Ein Massenphänomen ist die Zeitarbeit auch, weil sie massenhaft Arbeitsplätze geschaffen hat.
Das stimmt nicht. In den Verleihbetrieben selbst entsteht so gut wie kein zusätzlicher Arbeitsplatz. Arbeitsplätze entstehen in den Betrieben, wo die Leiharbeiter eingesetzt werden. Mehr als 50 Prozent aller Leiharbeiter haben eine abgeschlossene Berufsausbildung - von wegen alles Geringqualifizierte! Nehmen wir mal ein Produkt, an dem fünf Leute arbeiten, und zwei werden als Leiharbeiter dazugestellt. Wo ist der Grund, dass diese beiden schlechter bezahlt werden? Die Arbeit ist da für sie. Es ist aber profitabler für ein Unternehmen, schlechter bezahlte Leute einzustellen als besser bezahlte.
Am Anfang eines Aufschwungs wissen Unternehmen nicht, wie lange es bergauf geht. Deshalb zögern sie mit Festanstellungen. Die Zeitarbeit schafft Flexibilität. Leugnen Sie diesen Bedarf?
Selbstverständlich sehe ich den Flexibilitätsbedarf. Eine bestimmte Funktion der Leiharbeit ist ja gar nicht zu kritisieren, wenn zum Beispiel kurzfristige Auftragsspitzen zu bearbeiten sind. Aber wenn die Flexibilität so wichtig ist - warum bezahlt man die eingesetzten Arbeitnehmer dann so schlecht? Ich sag Ihnen warum: Weil oft das Flexibilisierungsinteresse nur ein vorgeschobenes Motiv ist. In vielen Unternehmen ist es gar nicht mehr vorhanden. Es ist dem Interesse gewichen, schlecht bezahlte Leute einzustellen. Wer das will, muss es auch offen sagen. Das traut sich aber keiner. Ludwig Erhards Vision war Wohlstand für alle. Die Gewerkschaften sind offenbar die letzten Verfechter von Ludwig Erhard und der Sozialen Marktwirtschaft.
Aber wo sollen viele dieser Leute arbeiten, wenn nicht im Niedriglohnbereich?
Arbeit entsteht nicht dadurch, dass Leute schlecht bezahlt werden. Sie entsteht dadurch, dass Arbeit anfällt, die von fest angestellten Mitarbeitern mengenmäßig nicht mehr geleistete werden kann. Es ist nun wirklich keine gesicherte Erfahrung, dass man nur den Preis der Arbeit senken muss, um Beschäftigungsmöglichkeiten zu erhöhen. Das stimmt einfach nicht.
Immerhin ist die Zeitarbeit für viele ein Sprungbrett in eine Festanstellung.
Klar, einen Klebeeffekt gibt es, doch der ist viel geringer als oft behauptet. Wenn sie direkt eingestellt worden wären, hätten wir aber einen Klebeeffekt von 100 Prozent.
Das Risiko, einen ehemals Arbeitslosen gleich unbefristet einzustellen, würden viele Unternehmen wohl nicht eingehen.
Dann sollen wir wohl damit leben, dass jeder einen Niedriglohnsektor durchläuft, dass wir ein riesengroßes Assessment-Center in dieser Gesellschaft aufmachen, in dem jeder erst mal an der Armutsgrenze seine Arbeit macht, bis er irgendwann gnadenhalber eine Festanstellung bekommt. Dann fordern Sie bitte auch gleich die Abschaffung aller Personalabteilungen und der Bundesagentur für Arbeit. Ich finde das erbärmlich, wenn Unternehmen die Zeitarbeit nutzen, um eine unwürdige Art von zusätzlicher Probezeit zu installieren.
Wenn Unternehmen die Zeitarbeit für eine Mischkalkulation nutzen und so ihre Arbeitskosten verringern - hält das nicht wenigstens die Verlagerung der Produktion nach Osteuropa auf?
Durch Leiharbeit wird die Verlagerung nicht verhindert. Verlagerung hat doch ganz andere Gründe. Der gute Grund ist die Erschließung neuer Märkte. Der schlechte Grund ist die kostengetriebene Verlagerung. Die ist doch nicht dadurch aufhaltbar, dass wir schlecht bezahlte Leiharbeiter einstellen. Wenn ein deutsches Unternehmen ausschließlich über den Preis konkurrieren will, hat es auf lange Sicht keine Chance. Es gibt immer ein Land, das ein einfaches Produkt billiger produzieren kann. Wir sind nicht Exportweltmeister, weil wir die billigsten Produkte, sondern weil wir die besseren Produkte haben. Das muss die Strategie sein. Wir stemmen uns gegen den Billigweg. Wir wollen den Besser-Weg!
Das Gespräch führten Henrike Roßbach und Sven Astheimer.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth
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