Direktinvestitionen

Deutschlands Ruf ist besser als gedacht

07. Juni 2006 Deutschland hat als Empfänger ausländischer Direktinvestitionen einen besseren Ruf, als der tatsächliche Fluß von Investitionen vermuten läßt. Nach der jüngsten Umfrage der Beratungsgesellschaft Ernst & Young unter mehr als 1000 Entscheidungsträgern in der Wirtschaft ist kein anderes Land in Europa attraktiver als Deutschland. Gemessen am Marktanteil der von Ernst & Young verzeichneten Investitionsprojekte, liegt Deutschland jedoch weit hinter dem europäischen Marktführer Großbritannien und seinem Verfolger Frankreich.

Die jährliche Untersuchung von Ernst&Young ist eine der wenigen unabhängigen Analysen über ausländische Direktinvestitionen. Üblicherweise dominieren die Darstellungen von Regierungsbehörden, die das eigene Land in ein positives Licht tauchen. Die deutsche Marketingorganisation „Invest in Germany“ zeigt sich mit dem Gesamtbild der Studie zufrieden. „Insgesamt kommen wir sehr gut weg“, sagte Geschäftsführer Gerhart Maier am Rande einer Investitionskonferenz im französischen La Baule.

Hoffnung für die kommenden Jahre

Maier zieht Hoffnung aus der Tatsache, daß Deutschland bei der Frage nach den Investitionsplänen in den kommenden drei Jahren unter den befragten Managern als attraktivstes Empfängerland in Europa gilt, gefolgt von Polen und Rußland. Auch bei der Frage, wo die Entstehung von neuen High-Tech-Gesellschaften wie Google oder Microsoft erwartet werde, war Deutschland die Nummer eins in Europa. Schließlich genießt Deutschland als Standort für Forschungs- und Entwicklungszentren ausländischer Investoren 2005 das höchste Ansehen in Europa.

Aber: Nach Angaben von Ernst & Young lag der deutsche Marktanteil der 2005 erhaltenen Investitionsprojekte bei 5,9 Prozent nach 5,7 Prozent im Vorjahr. Dies ist weniger als ein Drittel des Marktanteils Großbritanniens. Dessen Marktanteil verringerte sich allerdings im vergangenen Jahr von 19,5 auf 18,2 Prozent. Frankreich erhöhte seinen Marktanteil von 17 auf 17,5 Prozent.

Die meisten neuen Arbeitsplätze in Polen

„Invest in Germany“ zweifelt die Zahlen für Deutschland allerdings an, ohne jedoch bessere Statistiken vorlegen zu können. Das Datenmaterial der Bundesbank zum Beispiel gilt als unzuverlässig. Auch andere Stellen liefern für Deutschland wenig brauchbare Erkenntnisse über ausländische Direktinvestitionen. Zu einer eigenen Datensammlung ist „Invest in Germany“ aufgrund seines kleinen Personalstammes von 20 Mitarbeitern in Deutschland und fünf im Ausland nicht in der Lage. Zum Vergleich: Die französische Agentur zur Investitionswerbung hat 130 Mitarbeiter, davon 80 im Ausland, die britische Behörde verfügt über noch mehr Mitarbeiter. Trotz aller Konkurrenz wollen die Europäer jetzt stärker zusammenarbeiten: Die deutsche und die französische Investitionsbehörde wollen 2007 eine gemeinsame Untersuchung über die Attraktivität Europas vorlegen. Sie haben festgestellt, daß Ausländer Europa oft als Einheit wahrnehmen, so daß ein gemeinsamer Auftritt sinnvoll ist.

Nach der Analyse von Ernst & Young empfing Europa als Ganzes im vergangenen Jahr 6 Prozent mehr, dafür aber kleinere Investitionsprojekte als im Vorjahr. Als Europa definieren die Fachleute die Europäische Union plus 15 weitere Staaten im Osten einschließlich Rußlands. Um dabei die Größe der Direktinvestitionen zu erfassen, mißt Ernst&Young die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze. Den Aufstieg Osteuropas illustriert die Tatsache, daß 2005 Polen erstmals bei den durch ausländische Investitionen geschaffenen Arbeitsplätzen auf dem ersten Platz vor Großbritannien und Frankreich liegt. In Polen entstanden fast 38000 neue Stellen, zwei Drittel mehr als im Vorjahr. In Deutschland dagegen wurden nur knapp 9000 Stellen durch ausländische Direktinvestitionen geschaffen - ein Viertel weniger als 2004. Dieser Trend wirkte sich auf ganz Europa aus: Im vergangenen Jahr wurden dort 13,5 Prozent oder rund 30000 Stellen weniger geschaffen als im Vorjahr.

Vereinigte Staaten und China weit voraus

Deutlich vor allen europäischen Staaten sehen die befragten Manager, die aus den Vorständen großer und kleiner Unternehmen in der ganzen Welt stammen, die Vereinigten Staaten und China als die beiden attraktivsten Standorte für ausländische Direktinvestitionen. Der Großteil der 2005 nach Europa geflossenen Investitionen stammte aus den Vereinigten Staaten. Ihr Anteil nahm allerdings in den vergangenen fünf Jahren von 41 auf 26,5 Prozent der Gesamtinvestitionen ab. Der Anteil der Direktinvestitionen aus dem europäischen Ausland nahm dagegen - angeführt von Deutschland - im gleichen Zeitraum von knapp 43 auf knapp 54 Prozent zu. Ernst&Young mißt nur physische Investitionen, läßt reine Finanzbeteiligungen und Übernahmen also außer acht.

Text: chs. / F.A.Z., 08.06.2006, Nr. 131 / Seite 12
Bildmaterial: F.A.Z.

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