Aktienkurse kräftig gefallen

Der Schnee stürzt China ins Chaos

Von Christoph Hein

28. Januar 2008 Das schneereiche Winterwetter in China belastet mehr und mehr die Wirtschaft. Der Preis für Kraftwerkskohle ist am Montag auf einen Rekord gestiegen. Zuvor hatte die Regierung einen Ausfuhrstopp verhängt. In weiten Teilen Chinas schneit es seit Tagen so stark wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Der Verkehr kommt zum Erliegen, schon 17 Provinzen melden lang andauernde Stromausfälle, Kohleschiffe können nicht entladen werden, die Preise für Gemüse und Reis treiben die Inflation.

Die Stromknappheit sei sehr ernst, erklärte die einflussreiche Nationale Entwicklungs- und Reformkommission. Die wachsenden Sorgen über die Folgen des Schneechaos zogen auch die Börsen in China hinunter. Die staatlichen Medien bezeichneten den Tag als „schwarzen Montag“, nachdem der Index der Börse Schanghai 7,2 Prozent verloren hatte. Die Regierung hatte die Kosten der Unwetter schon am Sonntag auf mehr als 15 Milliarden Yuan (1,4 Milliarden Euro) geschätzt.

150.000 Menschen warten auf Züge

Der strenge Winter berührt die viertgrößte Volkswirtschaft der Erde an ihrem Nerv. Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtet, in der Hauptstadt der „Fabrik der Welt“, der südchinesischen Industriemetropole Guangzhou (Kanton), warteten 150.000 Menschen auf Züge, die aufgrund des Winterwetters aber nicht verkehren. Die meisten von ihnen sind Wanderarbeiter, die den Jahresurlaub zu Hause mit ihren Familien verbringen wollen. Das Nahen des chinesischen Neujahrsfestes verschärft die Lage noch. Denn der landesweite Urlaub vom Ende der kommenden Woche an ist den Chinesen heilig. Die Regierung rechnet mit mehr als 2 Milliarden Einzelreisen in der Urlaubswoche.

Elektroloks aber verkehren derzeit kaum noch. Mehrere Hochöfen und Aluminiumschmelzen mussten abgeschaltet werden, da sie entweder keinen Nachschub an Rohstoffen oder keine Elektrizität mehr bekommen. Auch Stromleitungen zum Drei-Schluchten-Damm sollen beschädigt sein. 5 Prozent der Kohlekraftwerke wurden abgeschaltet, heißt es von der Reformkommission. China gewinnt fast 80 Prozent seines Stroms aus Kohle. Aufgrund des starken Wirtschaftswachstums von 11,4 (2006: 11,1) Prozent im vergangenen Jahr ist der Energieverbrauch der Volksrepublik im Jahresvergleich um 14 Prozent gestiegen.

Flughäfen werden geschlossen

Nun aber sind auch die Kohlevorräte Chinas so knapp wie schon lange nicht mehr. Staatlichen Angaben zufolge decken sie nicht einmal mehr den Verbrauch einer Woche, weniger als die Hälfte der normalen Reserven. Zhu Hongren, Bereichsleiter bei der Reformkommission, erklärte am Montag, die Gründe für die Stromkrise seien vielfältig: „Das schlechte Wetter hat die Transporte behindert. Die Wasserkraftwerke im Süden des Landes leiden unter der schlimmste Dürre seit fünf Jahren. Dem Schließen zahlreicher kleiner Minen steht der immer höhere Kohleverbrauch dank des Wachstums der Industrie gegenüber.“ Nach Zhus Angaben fehlen China, dem zweitgrößten Energieverbraucher der Welt nach Amerika, derzeit fast 40 Gigawatt Strom. Die Regierung hatte im vergangenen Jahr erklärt, Kleinkraftwerke mit einer Gesamtleistung von gut 14 Gigawatt aus Umwelt- und Sicherheitsgründen geschlossen zu haben. Analysten indes glauben, dass auch das Einfrieren der Preise durch Peking zu den Problemen beitrage. Die Regierung hatte, unter dem Druck einer aus dem Ruder laufenden Inflation, vor wenigen Tagen die Preise für Grundnahrungsmittel, aber auch für Treibstoff und Strom gedeckelt. Damit aber arbeiten viele Kraftwerke nicht mehr kostendeckend.

Im wichtigen Baoshan-Hafen der Wirtschaftshauptstadt Schanghai können zahlreiche Schiffe nicht entladen werden. Flughäfen werden geschlossen. An der Börse verloren am Montag daher auch Fluglinien, Reeder, Stahl- und Energiekonzerne überdurchschnittlich. Air China und China Southern büßten im Handel 10 Prozent ein und erreichten damit das tägliche Limit der Börsen in China. Baoshan Steel, Chinas größter Stahlproduzent, verlor 6,6 Prozent. Die negative Börse zog in der Folge besonders die Versicherungswerte nach unten. Denn sie haben bei Kursverlusten am meisten zu verlieren, fürchten Anleger: So stießen China Life Insurance Co. und Ping An Insurance (Group) Co beide mit einem Minus von 10 Prozent an die Tagesgrenze.

Inflationsrate schon im Dezember bei 6,5 Prozent

Die Versorgungskrise trifft China in einer ohnehin schwierigen Phase. Denn schon im Dezember lag die Inflationsrate vor allem aufgrund der steigenden Lebensmittelpreise mit 6,5 Prozent weit oberhalb des Korridors der Zentralbank mit seiner Obergrenze von 3 Prozent. Höbe die Regierung nun die verhängten Preisgrenzen auf, stiege die Teuerungsrate sprunghaft an, fürchten Ökonomen. Dann aber könnte der Unmut der Bevölkerung, der sich schon vor dem Wintereinbruch angestaut hatte, zum Ausbruch kommen. „Die Energieknappheit und die Transportprobleme werden den Inflationsdruck wahrscheinlich noch erhöhen. Durch diese Entwicklungen wird die Teuerungsrate wohl auf einen Stand getrieben werden, der für Politiker wie Investoren unangenehm wird“, warnte die Investmentbank Goldman Sachs am Montag.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, REUTERS

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NamePunkteProzent
Dax 6.350,40 -1,40
TecDax 715,98 -0,78
DowJones 11.349,28 -2,43
Nasdaq 2.280,11 -1,97
STOXX 50 3.309,51 -1,34
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