Altersvorsorge

Sparen in der Zeit

Von Hans D. Barbier

Humpelnd zur Wahrheit

Humpelnd zur Wahrheit

17. März 2006 Humpelnd zur Wahrheit: Eckrente 67. Das deutsche Rentensystem schleppt sich zum Termin seines Offenbarungseides. Und das ist noch nicht der Schlurfgang der alternden Gesellschaft. Es ist der zögerliche Aufbruch zum Widerruf eines Sicherheitsversprechens.

Ehe die Verteilungskämpfe zwischen den vielen Alten und den wenigen Jungen auch nur angefangen haben, zeigt sich, wie anfällig die umlagefinanzierte Altersvorsorge schon auf einen wirtschaftlichen Durchhänger reagiert, der länger ist und tiefer geht als die Flautenphase eines bisher als normal geltenden Konjunkturzyklus. Es erweist sich, daß nicht nur die Rente von der Wirtschaft abhängt, sondern daß die Wirtschaftskraft auch von einer Rentenformel und deren politischer Interpretation bedroht sein kann. Das Versprechen, die Rente sei sicher, mußte als Zusage genommen werden, die Rente werde nicht sinken. Nun, da sie - an der Lohnentwicklung gemessen - sinken müßte, wird sie durch höhere Staatszuschüsse stabil gehalten. Die dafür notwendigen Steuern oder Staatsschulden drücken auf Investitionen und Wachstum. So führt die Rentenschwäche zur Wachstumsschwäche und zur Beschäftigungsschwäche. Ein kostenloser Ausweg steht nicht zur Verfügung. Versuchte man, das Sicherheitsversprechen durch eine Erhöhung der Beiträge zu halten, dann wären die Beschäftigungsrisiken noch größer.

Rentenreform immer dringlicher

Hans D. Barbier - Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung

Hans D. Barbier - Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung

Eine Reform des Rentensystems ist unvermeidlich. Und sie wird um so dringender, je näher der Zeitraum kommt, in dem die sinkende Geburtenrate dazu führt, daß "wenige" Aktive für "viele" Rentner aufzukommen haben. Der Zeitpunkt kommt, an dem die Politik darauf zu reagieren hat. Die jetzigen Rentner können noch darauf verweisen, daß sie "das Ihre" für die Demographie geleistet haben. Sie können daher mit gewissem Recht auf die Einhaltung des sogenannten Generationenvertrages pochen, auch wenn der im formellen Sinne mit ungeborenen Nachkommen nie geschlossen werden kann. Dennoch geht es um so etwas wie "Rechtspositionen". Und da steht es nicht gut um die "Generation", die - aus welchen Gründen auch immer - auf Nachwuchs verzichtet hat.

Keine Generation der Nachkommen kann dafür verantwortlich sein, wie zahlreich ihre Mitglieder im Verhältnis zur Zahl der Mitglieder der Vorgängergeneration sind. Die Babyboomer haben alles in allem in wirtschaftlich guten Zeiten gelebt. Ihre wenigen Kinder werden es daher nicht als ungerecht empfinden, ihre vielen Eltern etwas knapper zu halten. Zumal dann nicht, wenn die ihnen ein Rentensystem hinterlassen, dessen gefühlter Gerechtigkeitsgehalt sich als reale Wachstumsbremse und konkretes Beschäftigungshindernis für die Nachkommenden erweist. Wenige Kinder können nicht auf mehr Kinder klagen. Aber sie können wenigstens verlangen, daß eine zeugungsunwillige Generation ein System der Altersvorsorge vorbereitet, das die Abhängigkeit vom reinen Umlageverfahren mildert. Die Generation der "wenigen" wird in der Reformverweigerung ihrer Eltern kein Argument sehen, einen Generationenvertrag einzuhalten, den sie nie geschlossen hat, der ihr vielmehr als drückendes Erbe auf den Lebensweg mitgegeben wurde.

Die "Rente 67" darf nur das Stichwort für den Beginn einer systemtransformierenden Reform sein. Auf einen Schlag systemwechselnd kann sie nicht sein, weil erworbene Ansprüche zu honorieren sind. Aber das Umsteuern muß ohne weiteren Verzug beginnen. Die Politik muß den Bürgern sagen, daß die umlagefinanzierte Rente ein auslaufendes Modell ist. Sie muß den Bürgern sagen, daß sie sparen müssen, wenn sie für ihr Alter ihren Lebensstandard sichern wollen. Das muß nicht auf einen Sparzwang und nicht auf eine teure Förderung hinauslaufen, wenn schon den Berufsanfängern klargemacht wird, was es für ihre Situation im Alter bedeuten wird, nicht durch wirkliches, verzinsliches Sparen vorgesorgt zu haben. Solche Ehrlichkeit sollte auch in der Politik moralisch höher zu bewerten sein als das von vielen und unsteuerbaren Variablen abhängende Sicherheitsversprechen einer rein umlagefinanzierten Rente. Spare in der Zeit, dann hast du im Alter. Das klänge doch schon wieder ganz bürgerlich.

Der Autor ist Vorsitzender der Ludwig-Erhard-Stiftung



Text: F.A.Z., 17.03.2006, Nr. 65 / Seite 15
Bildmaterial: dpa, F.A.Z., picture-alliance/ dpa/dpaweb

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