15. August 2004 Bei der Kür zum Unwort des Jahres 2004 dürfte "Hartz IV" gute Siegchancen haben. Dies wird dann niemanden mehr ärgern als den Namensgeber selbst: Peter Hartz. Der 63 Jahre alte Personalvorstand der Volkswagen AG war der Kopf der Kommission, die vor zwei Jahren im Auftrag der Bundesregierung ein umfassendes Konzept zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit in Deutschland erarbeitete.
Bundeskanzler Gerhard Schröder, der Hartz über seine frühere Rolle als Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsratsmitglied kennen- und schätzenlernte, hatte ihm zwar versprochen, dieses Konzept eins zu eins umsetzen. Doch daraus wurde nichts. Etliche sinnvolle Maßnahmen und Elemente wurden im politischen Prozeß zermahlen, entschärft oder gekippt. Dies kommentierte der darob sehr enttäuschte Hartz im Mai mit den Worten: Nicht überall, wo Hartz draufsteht, ist auch Hartz drin."
Hartz ärgert sich, frist seinen Frust aber in sich hinein
Keine Frage: Peter Hartz ist unglücklich. Unglücklich darüber, wie die Arbeit seiner Kommission verwässert und damit die Erfolgschancen dieses komplexen - und in vielen Punkten ohnehin unzureichenden - Reformpakets verkleinert wurden. Und unglücklich darüber, wie sein Name in der Öffentlichkeit als Kampfbegriff mißbraucht und auf den Spruchbändern der Demonstranten ("hartzlos") verunglimpft wird.
Das läßt einen Mann, der einerseits eitel, andererseits aber auch sehr beliebt ist bei den Mitarbeitern von VW, nicht kalt. Nur, warum behält er seinen Frust für sich? Warum mischt er sich nicht ein? Bis auf ein paar vorsichtige Hinweise gab und gibt es von ihm schon lange keinen Kommentar mehr zu dem Reformpaket. Interviews zu diesem Thema lehnt er ab. Offenbar will sich Hartz nicht in den politischen Umsetzungsprozeß einmischen - schließlich ist das ein vermintes Terrain, für das er obendrein kein Mandat hat. Vor allem aber gilt: Als loyaler Vertrauter Schröders und eingefleischtes SPD-Mitglied will er dem Bundeskanzler und der Partei nicht öffentlich in den Rücken fallen.
Als Mann der Tat ist Hartz nichts für die Politik
Eigentlich müßte man Hartz für sehr naiv halten. Wie konnte er nur glauben, daß das Reformkonzept die politischen Mühlen schadlos überstehen würde? Die Antwort liegt bei Volkswagen. Dort hat er gegen den Widerstand der Gewerkschaften Arbeitsmodelle durchgesetzt, die sich in Teilen auch in den Reformvorschlägen für die Regierung wiederfanden. Auch für die Stadt Wolfsburg hat er mit dem Ansiedlungskonzept der Wolfsburg AG viel getan, um die Arbeitslosigkeit zu verringern.
Kurzum: Hartz ist es gewohnt, Dinge umzusetzen. Doch in der Politik ticken die Uhren anders. Diese leidvolle Erfahrung dürfte ausreichen, um den Manager von einem Wechsel in die Politik, über den schon viel spekuliert wurde, abzuhalten.
Als der Sohn eines Hüttenarbeiters 1993 aus der saarländischen Stahlindustrie zu VW wechselte, gab es für ihn sehr viel zu tun. Europas größter Autokonzern hatte in Deutschland 30.000 Mitarbeiter zuviel an Bord. Eigentlich wären also harte Einschnitte erforderlich gewesen. Doch Massenentlassungen waren und sind bei VW wegen des Einflusses des Großaktionärs Niedersachsen sowie des starken Arbeitnehmer- und Gewerkschaftsflügels nicht möglich.
Daraufhin erfand Hartz die Viertagewoche ohne vollen Lohnausgleich. Sie sollte Modellcharakter für die Industrie haben, blieb indes ohne Nachahmer. Der umtriebige Manager ersann das Projekt "5.000 mal 5.000", bei dem Arbeitslose unter Tariflohn eingestellt wurden. Das kostengünstige Modell dürfte in den Mitte September beginnenden VW-Haustarifverhandlungen eine zentrale Rolle spielen. Außerdem will Hartz eine "demographische Arbeitszeit" einführen: Jüngere Beschäftigte sollen länger arbeiten, um im Alter die Arbeitszeit verkürzen zu können.
Hart in der Sache trotz Mitgliedschaft in der IG Metall
Der Personalchef wird mit einem Bündel von Maßnahmen versuchen, endlich die - mangels echter Einschnitte in der Vergangenheit - nach wie vor ungünstige Kostenstruktur zu verbessern: Konkret will Hartz die Arbeitskosten bis 2011 um 30 Prozent senken - aktuell liegen sie bei VW um 10 bis 20 Prozent über dem Niveau der Wettbewerber.
Da es dem Konzern im Moment sehr schlecht geht, hat der Vorstand jetzt bessere Chancen, wettbewerbsfähige Strukturen durchzusetzen. Dabei spielen die kommenden Tarifauseinandersetzungen eine tragende Rolle. Hartz muß den Gewerkschaften, die in dieser Woche ihre Forderungen auf den Tisch legen, Paroli bieten. Aber hat er dafür die nötige Härte?
Schließlich ist er selbst seit Urzeiten (durchaus stolzes) Mitglied der IG Metall. Und ihm gegenüber am Verhandlungstisch sitzt sein Duzfreund Jürgen Peters. Beobachter warnen indes davor, diese Nähe als mögliche Schwäche zu interpretieren: Hartz lebe für das Unternehmen VW und sehe die Notwendigkeit zum Handeln ganz genau. Zudem habe er zwei Jahre vor seiner Pensionierung den persönlichen Ehrgeiz, VW aus dem Tal zu holen. Wenn das stimmt, erwartet die Gewerkschaft ein heißer Tanz.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.08.2004, Nr. 189 / Seite 16
Bildmaterial: AP
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