22. Mai 2006 Der Milliardär Vijay Mallya trägt Brillanten im Ohr, eine bunte Brille und Armbänder. Doch der indische Geschäftsmann ist kein Paradiesvogel, sondern Geschäftsmann deutscher Prägung. Ein Interview über seine Geschäfte mit Flugzeugen und Bier, den Neid der Armen und die Prunksucht der Reichen.
Herr Mallya, Sie sind ein wagemutiger Unternehmer, schmücken sich aber wie ein Christbaum. Wer ist eher Ihr Vorbild - Jack Welch oder Richard Branson?
Keiner von beiden. Ich bin das Gewächs eines deutschen Unternehmens. Mein Vater hat Hoechst in Indien aufgebaut. Zum 18. Geburtstag bekam ich dort einen Sitz als Direktor. Ich ging als Trainee nach Amerika, später nach London. Ich sollte die wirkliche Welt kennenlernen, mit einem präzise arbeitenden, strukturierten deutschen Unternehmen. Ich wirke nicht so. Aber ich plane alles bis ins Detail und arbeite es dann exakt ab. Airbus würde nicht Milliardenverträge mit mir schließen, nähmen sie mich nicht ernst.
Das tun sie mit Branson auch . . .
Der Vergleich kam auf, weil ich unser Bier Kingfisher als Marke aufbauen mußte. Werbung für Alkohol oder Bier ist in Indien verboten. Also mußte ich mir etwas anderes einfallen lassen. Ich schuf mich selber als "Markenbotschafter", und wir begannen, Bier als Lifestyle zu verkaufen. Übrigens lange vor Branson.
Können Sie denn damit leben, der "indische Richard Branson" zu sein?
Schon. Aber mit dem gleichen Recht könnte Branson der britische Mallya genannt werden. Und ehrlich gesagt interessiert mich das Thema auch nicht.
Was interessiert Sie denn?
Ich will die Nummer eins werden. Wir werden bei Spirituosen von der Nummer drei zum Weltmarktführer und die größte private Fluggesellschaft Indiens. Meine Aktionäre sollen glücklich sein. Meine Aktie muß sich gut entwickeln. Ich halte 55 Prozent an meinem Unternehmen - schießt die Aktie wie jetzt durch die Decke, bin ich ein gemachter Mann. Fällt sie, blute auch ich.
Als was wollen Sie den Menschen in Erinnerung bleiben?
Als jemand, der einige der führenden Marken der Erde aufgebaut hat.
Was nervt Sie im Laufe eines normalen Geschäftstages am meisten?
Daß in Indien die Alkoholindustrie überreguliert ist, zu hoch besteuert wird.
Alles in Indien ist überreguliert . . .
Nein, das können Sie so nicht sagen. Bleiben wir beim Alkohol: Die Menschen vergessen manchmal jede Logik, geht es um politische Macht. In Südindien hat ein Bundesland die Prohibition erklärt, weil die Regierung damit die Stimmen der Frauen fangen wollte. So etwas ist irrational, bringt mich auf die Palme.
Sind Sie deshalb in die Politik gegangen?
Nein. Ich wollte in der Politik Verläßlichkeit und Nachhaltigkeit durchsetzen. Rajiv Gandhi hat mal gesagt, daß 85 Prozent der Hilfe für die Armen nie bei ihnen ankommt. Die Steuern werden in Indien verschwendet, weil gute Vorhaben nicht umgesetzt werden.
So entstehen Armut und Unzufriedenheit . . .
Die Sache ist komplizierter. Wir sind hier nicht in Afrika. In Indien muß niemand verhungern. Zudem verfügt die Regierung über das Geld zu helfen. Was ihr fehlt, sind die Mechanismen sicherzustellen, daß es verantwortlich genutzt wird, in die richtigen Kanäle fließt. Als ich das als Privatmann kritisierte, wollte es niemand hören. Die Reden eines Abgeordneten aber werden zumindest aufgezeichnet.
Ist das demokratische System ein Vorteil für Indien?
Nur dank der Demokratie bricht unser Land nicht auseinander. Schauen Sie sich die Vielfalt Indiens an, seine Sprachen, Ethnien, Religionen. Ich möchte für China nicht das starke Wort der Diktatur gebrauchen, aber sicher ist China ein sehr autoritäres System. Die Regierung kann dort bis jetzt alles durchsetzen. Unser Nachteil ist: Wir sind zu langsam.
Das ist Indien schon lange. Wird die Geschwindigkeit anziehen?
Der Wandel im Vergleich zum Indien vor zehn Jahren oder auch noch fünf Jahren ist doch schlicht unfaßbar. Die Richtung stimmt. Der Ministerpräsident spricht jetzt von zehn Prozent Wachstum. Sie kennen ihn, er ist ein zurückhaltender Mann.
Aber auch seinen Ankündigungen folgen zu selten Taten . . .
Natürlich stimmt die Infrastruktur nicht, da ist China uns zehn Jahre voraus. Wir sind mit drei Küstenseiten gesegnet - die Entwicklung der Häfen müßte Priorität haben. Wir brauchen Straßen, Energie, Flughäfen. Aber wir holen schnell auf. Selbst die indischen Bürokraten merken jetzt, daß sie nicht länger willkommen sind.
Bislang investieren die Ausländer aber nur zehn Prozent der Summe in Indien, die sie nach China pumpen.
Jetzt schwillt der Geldstrom nach Indien an. Geld folgt Geld. China hat sich einfach früher geöffnet. Indien aber ist doch der viel interessantere Ort für Investoren. Unsere Elite spricht Englisch, wir haben Gesetze, ein funktionierendes Rechtssystem. Müßte ich wählen zwischen dem autoritären China und der indischen Demokratie, würde ich sowieso immer die Demokratie wählen. Aber Indien bietet auch den besseren und nachhaltigeren Markt.
Wieso?
Die Hälfte unserer Menschen ist jünger als 25 Jahre. Junge Menschen lernen besser. Und mit ihnen die Gesellschaft. Unser Wandel ist schneller, und deswegen wird Indien China bald überholen.
Mit dem Wirtschaftswachstum wächst auch die Kluft zwischen Arm und Reich. Wie lange hält die Gesellschaft das wachsende Gefälle aus?
Ich rechne bei uns nicht mit sozialen Konflikten wie in China. Wir haben in Indien eine breite Mittelschicht, die uns Stabilität verleiht. Sie wächst alle paar Jahre um 100 Millionen Menschen. In China ist die Kluft zwischen Arm und Reich viel tiefer, viel festgefahrener.
Gleichwohl protzen die Reichen auch in Indien heutzutage mit Privatjets, Luxuslimousinen und Palästen. Akzeptieren das diejenigen, die nichts haben?
Inder sind sehr tolerante Menschen. Niemand von uns läßt sich von fünf Stunden ohne Strom die gute Laune verderben. Man darf nur nicht versuchen, diese indische Toleranz auszunutzen. Anders ausgedrückt: Laßt uns so schnell wie möglich dafür sorgen, daß alle in unserem Land Elektrizität erhalten.
Wenn es diese Toleranz gibt, wird sie dann nicht durch das Einkommensgefälle überstrapaziert?
Ja, es gibt Neid in unserem System. Aber ich glaube nicht, daß diejenigen, die weniger glücklich agieren, den Superreichen gegenüber Groll hegen. Sie bewundern deren Erfolg. Die Mittelschicht balanciert es aus und macht sich Hoffnungen, den eigenen Wohlstand zu steigern. Die Reichen werden reicher, der Wohlstand der Mittelschicht steigt, aber die Armen werden zumindest nicht ärmer.
Sie verbringen Ihren Urlaub auf den eigenen Megayachten, lassen sich im brandneuen Bentley durch Bombay chauffieren. Haben Sie überhaupt noch eine Ahnung vom normalen Leben in Indien?
Natürlich bin ich mit den Ambanis befreundet, kenne alle Großindustriellen. Aber meine Freizeit verbringe ich am liebsten mit meinen engsten und ältesten Freunden. Die haben nicht ein Zehntel von dem, was ich besitze. Und vergessen Sie nicht: Es ist meine Geschäftsgrundlage, denken und fühlen zu können wie der Durchschnittsinder. Wir haben eine Marke, ein Konsumprodukt - die könnten wir nicht führen, dächten wir nicht wie diejenigen, die es kaufen sollen.
Worauf konzentrieren Sie sich derzeit - Ihr Luftfahrt- oder Ihr Spirituosengeschäft?
Eigentlich nimmt die Fluggesellschaft rund 60 Prozent meiner Zeit ein, weil sie noch im Aufbau ist. Bier und Spirituosen sind auf Autopilot geschaltet. Ich kümmere mich derzeit nur intensiv darum, weil wir mitten in einer europäischen Übernahme stecken, die das Eineinhalbfache unserer Marktkapitalisierung ausmacht.
Haben Sie Kontakt zur Lufthansa?
Lufthansa-Technik wartet unsere Maschinen. Und wir sprechen über Code-Sharing in Indien.
Zieht es Sie nach Europa?
Wir wollen ab dem dritten Quartal kommenden Jahres nach Köln oder Düsseldorf fliegen. Ab dem ersten Quartal 2008 verbinden wir Indien und Amerika. Unsere Chancen sind groß: Wir sind nicht im Transportgeschäft, sondern im Luftgastgewerbe. Deswegen haben wir die Erste Klasse hier in Indien eingeführt. Und Deutsche haben mir gesagt, die sei besser als Lufthansa. Im nächsten Jahr könnte noch eine Frachtlinie folgen.
Sie lassen jedes Ihrer neuen Flugzeuge von einem Priester in einem Provinznest segnen. Was werden Sie machen, wenn Sie Ihre erste A380 ausgeliefert bekommen - die kann in Tirupati nicht mal landen?
Dann fliegen wir den Priester eben nach Delhi.
Das Gespräch führte Christoph Hein.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.05.2006, Nr. 20 / Seite 37
Bildmaterial: AFP
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