23. April 2005 Bauern sind kräftige Leute. Jahrelange körperliche Arbeit bei Wind und Wetter machte sie schon im Mittelalter zu harten Gegnern, wenn sie in Rage kamen. Vom Zorn ist man heute noch ein Stück weit entfernt. Eher grassiert unter den Landwirten die Furcht, die Bundesagentur für Arbeit (BA) könnte einen Teil ihrer Arbeitslosen auf ihren Feldern entsorgen.
Die sollen, so der von BA-Vorstandsmitglied Heinrich Alt enthüllte Plan, vom nächsten Jahr an in einer eigens dafür eingerichteten grünen Personalservice-Agentur zu Erntehelfern gedrillt werden, auf daß sie die Scharen polnischer Spargelstecher und Rübenroder ersetzen.
Noch kein fertiges Konzept
Wie aber macht man einen in mittleren Jahren erschlafften Schreibtischtäter fit für den rustikalen Job? Im Büro der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden der Grünen, Thea Dückert, von denen die Idee kommt, weiß man das auch nicht genau. Die richtigen Arbeitskräfte zur Verfügung zu stellen sei schließlich Aufgabe der BA. Dort ist man freilich auch nicht viel weiter.
Es gebe noch kein fertiges Konzept, also eigentlich gar keines. Örtlich dagegen schon, zum Beispiel in Wittenberg und Sangerhausen, mit Freiwilligen in Trainingsmaßnahmen. Alles sei abgesprochen mit denjenigen, denen es nutzen soll, also mit den Bauern und ihrem Verband. Dort sieht man Zahlenspiele, wie viele zum Beispiel der 320.000 Saisonarbeiter aus Polen durch deutsche Kräfte ersetzt werden könnten, mit Entsetzen.
Nur ein kleiner Teil kommt in Frage
Auf die Frage, wie man die Schreiberlinge für den Dienst an der Scholle tauglich machen könnte, heißt es zwischen den Zeilen so: Am besten gar nicht. Denn in der deutschen Landwirtschaft wird Nachwuchs schon jetzt dringend gesucht - aber vergeblich: 1500 Ausbildungsplätze sind frei. Ausnahmen für Erwerbslose gebe es natürlich, und die Landwirte seien gerne behilflich, das Ihre gegen die Arbeitslosigkeit zu tun.
Von den deutschen Arbeitsuchenden komme aber überhaupt nur ein ganz kleiner Teil für die angedachte Arbeit auf den Feldern in Frage - eine Ansicht, die das Büro der Grünen-Fraktionsvize teilt. Zu den künftigen Einsatzgebieten gehören die Ernte von Obst und Gemüse, Wein und Kartoffeln. Daß die Spargelstangen zu kurz geraten, die Erdbeeren matschig gedrückt und die edelfaulen Trauben aus Unkenntnis hängengelassen werden könnten, ist dabei weniger das Problem - obwohl es schon vorgekommen sein soll. Das kann man lernen, meinen die Bauernvertreter.
Sie kommen wieder
Doch bei der Arbeit auf dem Gurken-Bomber hängt der Erntehelfer kopfüber über dem Erdreich. Und sich den ganzen Tag über die Beeren zu bücken ist reine Knochenarbeit. Bevor die Anfangsmotivation im Kopf hinüber ist, hat der Körper des Ungeübten längst aufgegeben. Deshalb ist wohl geplant, die künftigen Erntehelfer zunächst einer Musterung zu unterziehen und sie anschließend ins Trainingscamp zu schicken, wo sie in zwei bis drei Wochen über das Leben der Pflänzchen kundig gemacht und für die mäßig bezahlte Arbeit gestählt werden sollen. Oben auf dem Programm steht die Rückenschule (Wie bücke ich mich richtig?). Ob Klimmzüge und Trimm-trab dazugehören, steht nicht nicht fest.
Klar ist aber schon jetzt, daß der Erfolg mäßig sein wird. Das zeigen die Erfahrungen mit einem vergleichbaren Versuch in Rheinland-Pfalz in den neunziger Jahren, wo die Schar der Auserwählten rasch bröselte: Von den Kandidaten, welche das Arbeitsamt für tauglich befunden hatte, war ein Fünftel erst gar nicht im Trainingslager erschienen. Die Prozedur dort überstand etwa die Hälfte. Nach drei bis vier Tagen war der Trupp auf ein Viertel geschrumpft, der Rest hatte sich wegen Rückenschmerzen krank gemeldet. Die von der BA vermittelten Deutschen wissen, daß sie in wenigen Wochen wieder arbeitslos sind, die Polen kommen in ihren Ferien. Sie bleiben nicht nur bei der Arbeit, sie kommen sogar im nächsten Jahr wieder.
Text: Web. / F.A.Z., 23.04.2005, Nr. 94 / Seite 16
Bildmaterial: dpa
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